Pirmasens
Von wegen digital: Modelleisenbahner setzt auf 70er-Jahre-Technik und Stahlindustrie
Der Speicher des Einfamilienhauses von Andreas Stegner in Erlenbrunn gleicht einer riesengroßen Eisenbahn-Miniaturlandschaft im Maßstab 1:87. Ungewöhnlich ist die Kulisse: Nicht nur die „schöne heile Welt“ ist nachgebaut, Schwerpunkt ist die Montanindustrie. Das Landschaftsbild ist geprägt von großen Schornsteinen, Industriegebäuden und Arbeitersiedlungen. Seine Züge, angetrieben von E-Loks, Dieselloks und auch Dampfloks, knattern durch ein Stahlwerk, mit Betriebswerk, einer Drehscheibe, vorbei an einem Wasserturm, Lokschuppen, Stellwerk, um in einem Bahnhof in preußischer Klinkerbauweise anzukommen. In Sichtweite ist eine doppelte Förderanlage mit Kohleöfen, die auch Rauch ausstößt, und zwei Gaskessel.
Auf 40 Quadratmeter Fläche hat er einen Industriestandort nachgebildet, mit allem was dazugehört . Die Kulisse erinnert an ein saarländisches Arbeiterdorf. Das ist kein Zufall: Andreas Stegner ist nicht nur ein Fachmann in Sachen Bahn, er verfügt darüber hinaus über umfangreiches Wissen rund um die Stahlindustrie. Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist zur zweiten Heimat von Stegner geworden. „Ich könnte problemlos dort Führungen machen“, stellt der Eisenbahn- und Stahlwerker-Liebhaber fest. Ganze Bücherregale sind prall gefüllt mit Fachliteratur.
Orient-Express erweckt zum Leben
Wie hat alles angefangen? Als kleiner Junge bekommt er an Weihnachten eine Eisenbahn geschenkt. „Ein einfaches Oval“, erinnert er sich. Nach Weihnachten wird das Oval wieder abgebaut. Im Alter von 30 Jahren beschäftigt sich Stegner zeitintensiver mit der Welt der Modelleisenbahn. Seine Fleischmann-Bahn wird Zug um Zug erweitert und immer wieder verändert. Wieviel Zeit er für sein Schienennetz investiert hat, da zuckt der 61-Jährige nach längerem Überlegen die Schultern. „Auf jeden Fall viele Urlaubstage, viele Feiertage, Wochenenden und Abende“, stellt er fest. Die fünf Waggons des weltberühmten Orient-Express sind im Speicher Stegners ebenfalls zum Leben erweckt. Das sind jene Luxuswaggons, die bei der Jungfernfahrt am 5. August 1883 von Paris in Richtung Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, quer durch Europa gefahren sind. Seine Modelleisenbahn ist übrigens voll analog. Von der Beleuchtung über die Weichen bis zum Antrieb, die komplette Anlage ist technisch auf dem Stand der 70er-Jahre. W-Lan, Smart-Home oder LED-Beleuchtung sucht man vergeblich.
Die Ideen anderer Modelleisenbahn-Liebhaber, die komplette Anlage umzubauen und auf moderne Technik umzustellen, ist für Stegner kein Thema. Alte Marmeladengläser dienen als Stauraum für Modelliersand, kistenweise finden sich in der kleinen Eisenbahnwerkstatt kleine Farbbehälter, feinste Pinsel, ebenso wie filigrane Werkzeuge wie Zangen, Hämmer und Elektrozubehör. Derzeit ersetzt der Baumeister eine kleine Kirche durch ein deutlich größeres Gotteshaus. „Das Schlimmste für einen Modelleisenbahner ist es, wenn es nichts zu machen gibt“, sagt er.
Seine Miniaturgleiswelt hat der Modelleisenbahner im Griff, wenn er an seinem Steuerpult mit der Aufschrift „Fahrdienstleiter“ steht. Wenn er die Züge überwacht, erinnert es an einen DJ, der auflegt. Und wenn einmal ein Zug entgleist, Stegner ist sofort zur Stelle und behebt das Malheur in Sekundenschnelle.
