Dahn
Sommerspiele: „Duo Carambole“ gibt tiefe Einblicke in das Leben Erich Kästners
Dass der deutsche Schriftsteller, Publizist, Drehbuchautor und Kabarettdichter Erich Kästner weit mehr zuwege gebracht hat als seine großen Kinder- und Jugendromane, wird klar, wenn man sich sein lyrisches Werk, voll beißender Ironie und Witz, dennoch geschrieben in einer sehr einfachen Sprache, ansieht. Einen Teil davon präsentierte das „Duo Carambole“ zum Auftakt der Dahner Sommerspiele am Samstagabend und warf vor dem Hintergrund des Lebens und Wirkens Kästners letztendlich auch große Fragen des Lebens auf.
Wolfgang Spitz aus Dahn schlüpfte als Rezitator selbst in die Rolle des Porträtierten, während sein Partner Wolfgang Sobiraj aus Dörrenbach das Gehörte musikalisch untermalte. In Dialogform, im Stile eines Interviews, unterhielten sich die beiden auf der Bühne und gaben dabei tiefe Einblicke in das Leben – nicht zuletzt in das Seelenleben – des Dichters, der 1974 im Alter von 75 Jahren in München stirbt und sich zu Lebzeiten gedanklich gegen jedwede Form von Krieg und Militarismus wendet.
Die Kindheit Kästners, in der er schon früh die Faszination des Lesens für sich entdeckt, wird jäh durch den Beginn des Ersten Weltkriegs beendet, die unglückliche Ehe der Eltern tut ihr Übriges. „Ich kam zur Welt und lebte trotzdem weiter“, zitierte Wolfgang Spitz als „Herr Kästner“ am Samstag, von seinem Kompagnon Sobiraj nach seiner Kindheit und Jugend gefragt.
Nazis verschmähen Kästners Literatur
Immer wieder unterbrachen Musikstücke, die zur erzählten Zeit entstanden, Spitz’ Reflexionen als Künstler, darunter „Narcissus“ von Ethelbert Nevin oder der berühmte preußische Marsch „Preußens Gloria“ von Johann Gottfried Piefke. Als im Saal im Haus des Gastes Stille einkehrte und Spitz sich nach einem weiteren Zitat Kästners von seinem Lesepult zurückzog, bemühte Sobiraj erneut die Tasten seines Keyboards und spielte mit „If You Could Read My Mind“ ein modernes Stück von Gordon Lightfoot, das vom Publikum mit großem Applaus bedacht wurde.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs und Hungersnot in den 1920er Jahren, rauscht nicht nur Deutschland, sondern auch der Schriftsteller selbst in die nächste Katastrophe. Die Nationalsozialisten übernehmen mit dem Ende der Weimarer Republik die Herrschaft und diffamieren Kästners Werke als „undeutsch“.
Wie Spitz als „Herr Kästner“ auf der Bühne berichtete, ist er sogar selbst anwesend, als die Nazis seine Bücher verbrennen, bevor ihn schließlich 1942 ein Schreibverbot ereilt. Wider Erwarten entscheidet sich der Intellektuelle dennoch für den Verbleib in Nazideutschland, was noch heute nicht nur von Literaturwissenschaftlern diskutiert wird, da er nicht öffentlich und damit nicht offenkundig gegen das Regime protestiert.
Schlager gefallen dem Publikum
Zwischen zwei Kriegen verarbeitet Kästner seine Erlebnisse in dem 1928 erschienen Gedicht „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blüh'n?“, das von Spitz textsicher und frei rezitiert wurde. Darin heißt es: „Kennst Du das Land, wo die Kanonen blüh'n? / Du kennst es nicht? / Du wirst es kennenlernen! / Dort steh’n die Prokuristen stolz und kühn / in den Büros, als wären es Kasernen“.
Musikalisch aufgegriffen wurde das Antikriegsthema wieder von Wolfgang Sobiraj, der Pete Seegers Friedenslied „Sag’ mir, wo die Blumen sind“ anstimmte, während Spitz danach dem Publikum ein weiteres Zitat des Kriegsgegners Kästner an die Hand gab: „Für Sadisten ist so ein Krieg eine willkommene Gelegenheit, sich zu verwirklichen.“ Während auch Kästners Zeitgenossen und Weggefährten, etwa Kurt Tucholsky, zur Sprache kamen, aber auch die zahlreichen Romanzen des Schriftstellers und Dichters nicht im Verborgenen blieben, waren es die populären Schlager, die dem Publikum augenscheinlich gut gefallen haben. Perfekt aufeinander abgestimmt, sowohl thematisch als auch in der Darbietung selbst, präsentierten die beiden pensionierten Lehrer Spitz und Sobiraj eine literarische Ikone, von der das Dahner Publikum nun viel mehr weiß als das, was der breiten Masse bislang zugänglich war.