Pirmasens
Separatistenzeit in Pirmasens: Zwischen Chaos, Unsicherheit und Inflation
Eigentlich wollte die französische Politik nach dem Ersten Weltkrieg die Bevölkerung der linksrheinischen Gebiete auf ihre Seite bringen. Doch in der Praxis dominierte der Wunsch, vor Deutschland in Sicherheit zu sein. Dazu griff man hart gegen jegliche Widerstände durch.
Im Streit um die Reparationen besetzte Frankreich 1923 das Ruhrgebiet. Als die deutsche Reichsregierung daraufhin monatelange Arbeiterstreiks anordnete, führte das zu einer Hyperinflation. In Pirmasens wurden Oberbürgermeister Otto Strobel und sein Stellvertreter verhaftet, weil sie eine französische Verordnung nicht veröffentlichten. Vorerst regierte der Sozialdemokrat und dritte Bürgermeister Adolf Ludwig die Stadt.
Ein Brötchen für 432 Millionen Mark
Die Bevölkerung litt schwer unter der Teuerung – kostete ein Brot in Pirmasens im Oktober 1923 eine Milliarde Reichsmark, waren es einen Monat später unglaubliche 432 Milliarden. Beim Transport über den Rhein verhängte Zölle erschwerten der Schuhindustrie den Absatz und verschärften die Arbeitslosigkeit. In dieser hoffnungslosen Lage wandte man sich radikalen Ideen wie dem Separatismus zu. Ursprünglich ging es dabei um Abspaltung der Pfalz von Bayern. Frankreich unterstützte diese Bestrebungen, forderte aber eine komplette Abspaltung vom Deutschen Reich.
Parallel zum gescheiterten Hitlerputsch in München und kurz bevor der neue Reichskanzler Stresemann mit einer Währungsreform die Inflation stoppte, übernahmen in der Pfalz im November 1923 die Separatisten die Macht. Angeführt vom örtlichen Schuhfabrikanten Albert Schwaab besetzten sie am 29. auch Pirmasens. Zunächst stießen sie auf wenig Widerstand. Weil aber materielle Unterstützung durch Frankreich ausblieb und die Stadtverwaltung die Kooperation verweigerte, konnten die Separatisten wenig bewirken. Mit Zwangsmaßnahmen wie der Beschlagnahmung von Lebensmitteln oder zahlreichen Verhaftungen wie der von Bürgermeister Ludwig verloren sie die anfängliche Unterstützung in der Bevölkerung.
Separatisten werden brutal gelyncht
Aus Heidelberg organisierte eine Abwehrstelle der autoritären bayerischen Regierung die Bekämpfung der Separatisten. Dabei schreckte sie auch nicht vor Mitteln zurück wie der Ermordung des Anführers der pfälzischen Separatisten am 9. Januar 1924 in Speyer. Das Ende war bereits absehbar. Auf internationalem Druck vor allem aus Großbritannien verhandelte man in Speyer über eine geordnete Machtübergabe.
In Pirmasens herrschte weiter Chaos und Unsicherheit. Die Informationslage war schlecht, weil keine Zeitungen erscheinen durften. Neben Stadtverwaltung, Separatisten und französischer Kommandantur beanspruchten kurzzeitig auch selbst ernannte Rotgardisten die Macht, konnten aber durch Ausgabe von Lebensmittelrationen zum Abzug gebracht werden. Als am 12. Februar die Bürger für das Wiedererscheinen der Pirmasenser Zeitung protestierten, führte der von der bayerischen Abwehrstelle instruierte Albert Gießler die Menge vor das Bezirksamt, den Sitz der Separatisten. Die lehnten Gießlers Forderungen zum Abzug aus Pirmasens ab, der daraufhin versuchte, mit ein paar bewaffneten Freiwilligen ins Gebäude einzudringen. Weder mit Pistolen noch mit Hilfe der Feuerwehr kam Gießler voran, während die Separatisten mit Schüssen antworteten. Mehrere Angreifer starben, aber auch ein Arzt, der Verletzte behandelte, was die Wut in der Menschenmenge weiter anfachte. Gießler berichtete später nach Heidelberg, dass seine teilweise betrunkenen Freiwilligen in der Nacht Feuer gelegt und die Separatisten aus dem Gebäude getrieben hätten. Obwohl die Separatisten um Gnade baten, wurden sie draußen mit brutaler Gewalt gelyncht. Insgesamt kamen sieben Menschen auf Seiten der Angreifer und 16 auf der Seite der Separatisten ums Leben.
Umstrittene Tafel wird wieder angebracht
Die Franzosen hatten bereits entschieden, die Separatisten fallen zu lassen, und reagierten erst mit Verstärkung, als alles vorbei war. Am 17. Februar endete offiziell die Separatistenherrschaft in der Pfalz, allerdings blieb Pirmasens noch wochenlang unter strenger französischer Überwachung. Die Separatisten wurden danach als „Vaterlandsverräter“ gebrandmarkt, ihre Gegner dagegen als Helden gefeiert. Die Franzosen verboten Gedenkveranstaltungen bis zu ihrem Abzug 1930. Die Nationalsozialisten versuchten, die Teilnahme einiger ihrer Mitglieder am Sturm aufs Bezirksamt auszuschlachten, und ließen 1936 die Gedenktafel in der Bahnhofstraße errichten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg mied die Politik das kontroverse Thema. Die zu Kriegsende entfernte Tafel wurde 1970 auf Stadtratsbeschluss wieder angebracht, nachdem man das Hakenkreuz entfernt hatte. Nun, 54 Jahre, später ließ die Stadt eine Stele mit QR-Code neben der Tafel anbringen, über den man eine geschichtliche Einordnung abrufen kann. Dazu führten Schüler des Kant-Gymnasiums unter Anleitung der Lehrerin Barbara Krämer Recherchen durch.
