Pirmasens Schlau essen geht gar nicht

Können wir uns mit „Brainfood“ schlau essen? Machen Kopfbälle wirklich dümmer und Gehirn-Jogging intelligenter? Mit diesen und weiteren Neuro-Mythen hat der Frankfurter Hirnforscher Henning Beck, eingeladen von der VR-Bank Westpfalz, am Samstag im Dynamikum aufgeräumt. Die rund 100 Zuschauer genossen die unterhaltsame Neurowissenschafts-Comedy.
Im Fokus von Henning Becks Vortrag, seines Zeichens promovierter Neurobiologe und Science-Slammer, steht das Gehirn als wahrhaft „wundervolles Organ“. „Seit Menschen denken können, machen sie sich Gedanken übers Denken“, erklärt der Hirnforscher zu Beginn. In der Antike betrachtete Aristoteles das Gehirn als eine Art Kühlvorrichtung für das Blut, während das Hirn im Mittelalter als mechanischer Apparat angesehen wurde, bei dem man nur die richtigen Hebel und Knöpfe drücken müsse. In der Moderne wird das Gehirn hingegen oft mit einem Computer gleichgesetzt, inklusive einer schier unbegrenzten Festplatte. „Hier setzt auch der erste Mythos an“, sagt Beck, „wir gehen häufig davon aus, unser Gehirn funktioniere wie ein Computer“. Im Gegensatz zur elektronischen Datenverarbeitungsanlage rechnen wir Menschen aber nicht mit Algorithmen, sondern mithilfe von Neuronen, unsere Gehirne brauchen weniger Rechenschritte und programmieren sich selbst – dafür sind sie aber auch fehleranfälliger. Das Gehirn sei einzigartig und nicht mit einer elektronischen Festplatte vergleichbar, so Beck, denn es aktiviere ein Netzwerk von über 80 Milliarden Zellen. „Wie viele Billionen Aktivitätsmuster müssten also möglich sein?“, fragt der Neurowissenschaftler sein Publikum, „im Vergleich dazu wirken die Zahl aller Atome im Sonnensystem oder der aktuelle deutsche Schuldenstand geradezu lächerlich gering“. Auch der weit verbreitete Mythos, die linke Hirnhälfte sei für Logik und Analytik, die rechte dagegen für Kreativität und Fantasie zuständig, ist so nicht richtig – der Mensch besitzt kein geteiltes Gehirn. Die beiden Gehirnhälften sind vielmehr durch große Nervenfaserbündel miteinander verbunden, ständig werden Informationen ausgetauscht, unsere Gedanken entspringen einem einheitlichen Netzwerk. „Mein liebster Neuro-Mythos ist der von den kleinen grauen Zellen“, so Beck schmunzelnd. Fakt ist: Unsere Zellen sind alles, aber nicht klein. Im Gegenteil: Das komplexe Nervensystem kann sogar meterlange Zellen ausbilden. Überdies sind die Zellen nicht grau, sondern eher transparent und sie machen auch nicht die ganze Arbeit, sondern haben wichtige Helferzellen, die ihnen ständig zuarbeiten. Auf die Frage nach der absoluten Intelligenz antwortet der Hirnforscher, dass diese nicht messbar sei, denn Intelligenz ist eine relative Größe. Zur Verdeutlichung eine Fußball-Metapher, zur Freude des Publikums: „Nur, weil der FC Bayern eine Meisterschaft nach der anderen gewinnt, ist er nicht automatisch super gut – er ist nur schlichtweg besser, als die restlichen Mannschaften“, unterstreicht Beck. „Mit Brainfood essen wir uns schlau“, auch das hört man immer wieder. Doch haben Nüsse und Schokolade wirklich eine positive Wirkung auf unser Gehirn? „Dass Nüsse schlau machen sollen, klingt logisch“, meint Beck, „Walnüsse sehen ja schließlich schon aus wie Gehirne“. In der Tat haben Studien erwiesen, dass Nüsse mit ihren ungesättigten Fettsäuren einen positiven Effekt auf die Alterungsprozesse des Gehirns haben. Schokolade hingegen wirkt positiv auf die Gemütsverfassung des Menschen – wodurch man nicht automatisch schlauer wird, aber besser lernt. „Man kann sich also nicht schlau essen, aber durchaus verhindern, dass man sich dumm isst“, stellt Henning Beck fest. Ob Wein, durchzechte Nächte oder Kopfbälle – glaubt man der Populärwissenschaft, lauert der Neuronentod praktisch an jeder Ecke. „Nervenzellen gehen zwar verloren, die Schäden sind aber reversibel“, beruhigt der Neurobiologe. Entscheidend sei ohnehin nur, dass die Aktivitätsmuster noch ausgelöst werden könnten – da könne eine kleine Entrümpelung hin und wieder nicht schaden. „Auch Gehirn-Jogging macht einen nicht schlauer, man wird einfach nur besser im Lösen solcher Aufgaben“, erläutert der Biochemiker. Wichtig für die ganzheitliche Aktivierung des Gehirns sei vor allem eins: menschliche Interaktion. „Gemeinsames Lachen, Reden, alles, was Spaß macht, hält auch das Gehirn auf Trab“, so Beck. Denn wenn das Glückszentrum im Gehirn neue, positive Emotionen hervorbringt, lernt der Mensch Neues besonders schnell – das hat auch der „Selbstverteidigungskurs“ gegen populärwissenschaftliche Neuro-Mythen im Dynamikum bewiesen. Henning Beck hat sein Publikum gefordert, zum Mitdenken angeregt und gleichzeitig einen vergnüglichen und einprägsamen Zugang zur Neurobiologie geschaffen.