Pirmasens „Schlabbeflicker“ im wahrsten Wortsinn
Günter und Thomas Krauch reparieren Schuhe, arbeiten sie um und verkaufen sie. Gegründet wurde ihr Geschäft in der Pirmasenser Luisenstraße 1910.
Die Schuhmacherei ist immer noch im Familienbesitz. Inhaber ist jetzt Thomas Krauch, ein Urenkel von Georg und Enkelsohn von Josef Bayer, dessen Tochter mit Günter Krauch verheiratet war. Das Geschäft wird also in der vierten Generation weitergeführt und, so hofft Thomas Krauch, noch recht lange. „Mich schickt niemand in Rente. Ich kann den Beruf so lange ausüben, wie ich Spaß daran habe. Zukunftsangst habe ich nicht.“ Er geht sogar davon aus, dass in ein paar Jahren wieder mehr Leute an diesem Beruf Interesse haben. Denn „es gibt immer Leute, die gute Schuhe tragen und die sind darauf angewiesen, dass jemand sie ordentlich repariert.“
Mit 84 noch in der Werkstatt
Der ursprüngliche Standort des Geschäftes sei in der Steinstraße gewesen. Das wahrscheinliche Gründungsdatum bezifferten die beiden Krauchs auf 1910. „So genau wissen wir das nicht, weil sämtliche Dokumente und Unterlagen durch den Krieg vernichtet wurden.“ Aufs Jahr genau konnten beide auch nicht den Umzug in die Luisenstraße 18 datieren – eventuell 1932 oder 1934. Hingegen weiß der 84-jährige Günter Krauch noch ganz genau, wie er zur Schuhmacherei Bayer kam. Er hat 1951 zusammen mit zwölf anderen jungen Leuten die Gesellenprüfung im Schuhmacher-Handwerk abgelegt und kam mit seinem Ergebnis beim damaligen Obermeister Josef Bayer gut an. „Er kam nach der Prüfung zu mir, hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: Am Montag bist du bei mir im Geschäft. Ich sagte, das geht nicht. Ich habe Urlaub. Er darauf: Nein. Du kommst am Montagmorgen um acht Uhr. Um sieben Uhr fangen wir an zu schaffen und du bist um acht da. Da bin ich halt hingegangen – und seit der Zeit bin ich da.“
Einziger Betrieb im weiten Umkreis
Kürzer kann man kaum den Beginn eines langen Berufslebens erzählen. Günter Krauch steht beziehungsweise sitzt mit seinen 84 Jahren auch heute noch in der Werkstatt und repariert zusammen mit seinem Sohn anderer Leute Schuhe. Und es macht ihm immer noch Spaß. Mit diesem Service ist der Betrieb der einzige im weiten Umkreis. Er ist zwar auf nur noch drei Leute geschrumpft (Vater und Sohn sowie eine halbtags beschäftigte Stepperin), war aber früher zu Zeiten von Josef Bayer und Günter Krauch quasi eine kleine Fabrik. 17 Leute verdienten in der Luisenstraße ihr Geld. Die Werkstatt befand sich früher im Keller. „Oben wurden die Schuhe vorgerichtet, kamen in Kisten in den Keller und wurden dann repariert. Danach kamen sie ins Geschäft zurück, wurden sortiert und zum Abholen bereit gestellt.“
Gute Schuhe lässt man auch reparieren
Junior Thomas Krauch trat 1982 in die Firma ein, nachdem er zuvor eine klassische Schuhmacherlehre absolviert und 1989 die Meisterprüfung als Jahresbester bestanden hatte. Seit 2002 hat er zudem eine Krankenkassenzulassung für orthopädische Schuhzurichtungen, was Beinlängenausgleich, Abrollhilfen oder Schmetterlingsrollen beinhaltet. Das dritte Standbein ist der Verkauf von Bequemschuhen, Pflegemitteln, Einlegesohlen und Schnürsenkel. Wer lässt heute noch Schuhe reparieren, wenn man für wenig Geld im Schuh-Discounter neue Treter kaufen kann? „Nicht alle Leute kaufen billige Schuhe. Wer qualitativ hochwertige Schuhe ersteht, ist darauf bedacht, sie auch länger zu erhalten. Das ist die Basis unseres Geschäftes“, sagt Thomas Krauch. Auch an den günstigen Schuhen gehe schnell mal was kaputt. „Dann will man sie nicht unbedingt gleich wegwerfen.“ Wander- und Kletterschuhe, die schon mal ein paar Taler mehr kosten, sollen auch länger halten als nur ein paar Monate.
Größe 55 gefertigt
Beim Verkauf von Bequemschuhen, eher Nischenprodukte, gebe es eine gute Nachfrage. „Damit haben wir eine relativ hohe Kundenbindung. Es gibt viele, die solche Schuhe kaufen. Wenn die mal nach fünf Jahren kaputt sind, kommen die Leute und sagen: Ich will genau den gleichen Schuh wieder. “ 1960/61 wurde der Maschinenpark modernisiert. Günter Krauch: „Von Sandt haben wir uns Einzelmaschinen bauen lassen: Schleifmaschine, Stanzmaschine, Fräsmaschine, Schnittpoliermaschine, Doppelmaschine, Holznagelmaschine und eine Durchnähmaschine zur Reparatur von Mokassins.“ „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, sagt Thomas Krauch. „Eine solche Maschine hat nicht jeder Betrieb.“ Reparaturen von Randgrößen gehören ebenfalls zum Service. Damen-Schuhgröße 34/35 zum Beispiel, aber auch Schuhgröße 50/52. „Einmal“, erinnern sich beide, „hatten wir jemanden mit Schuhgröße 55. Da waren keine Sohlen auf Lager und wir mussten schwer improvisieren. Das war wirklich die absolute Ausnahme. Mittlerweile bekommen wir auch Größe 55, weil die Händler besser sortiert sind. “
Absätze vorne? - Klar, geht
Zum Thema „Extrawünsche“ fällt Krauch senior sofort eine kleine Geschichte ein, die sich um eine Wette dreht. Eines Tages sei ein junger Mann ins Geschäft gekommen und habe gefragt, ob es auch Schuhe gebe mit Absätzen vorne. Er habe um hundert D-Mark gewettet, dass es sowas gibt. Günter Krauch hatte sofort eine Lösung parat: „Do mache mer hinne die Absätz runner, dun se boliere und abschleife un mache se vorne druff. Des koscht zwanzisch Mark.“ – „Sie mache mer des“, sagte der junge Mann, der damit die Wette gewonnen und nach Abzug der „Umgestaltungskosten“ um 80 Mark reicher war.