Pirmasens
Rundgang im digitalen Schulzwilling
Markus Kraft der in Cambrigde als Professor für Mathematik lehrt und in Singapur lebt, kommt aus Pirmasens und hat bei einem corona-bedingt längeren Besuch in der Heimat der Stadt als Pilotprojekt die Erstellung eines digitalen Zwillings angeboten, mit dem die Verwaltung einfacher Digitalisierungsprojekte realisieren könne. Dazu wurde 2021 eine eigene Firma, die Computational Modelling Pirmasens GmbH (CMPG), gegründet, die mit 2,5 Mitarbeitern im Gründerinnenzentrum (Grips) auf der Husterhöhe die Arbeit aufgenommen hat. Kraft schaltet sich meist per Videokonferenz aus Singapur dazu, wie auch am Mittwochmorgen zur Präsentation der ersten Ergebnisse für Pirmasens.
Aus statistischen Daten des Landes und der Stadt sowie von Sensoren wie der Umweltmessstation in der Lemberger Straße seien erste Grundlagen für den digitalen Zwilling der Stadt geschaffen worden, erläuterte Kraft. Es gebe in der Stadt leider nicht viele frei zugängliche Sensoren, weshalb es nicht so einfach sei wie beispielsweise in Singapur, größere Datenmengen für den digitalen Zwilling zusammenzutragen. Mit dem digitalen Zwilling könne die Verwaltung einfacher Prozesse und Entscheidungen vorbereiten. Die Daten liegen laut Kraft auf einem eigenen Server der Stadtverwaltung, der aktuell noch vom Internet abgeschirmt ist. Künftig soll ein Teil der Daten aber über das Internet frei zugänglich sein, womit weltweit Wissenschaftler und Ingenieure mit den Pirmasenser Daten arbeiten könnten.
Online durchs Ball-Gymnasium
Kritische Infrastruktur wie die Feuerwehr, Stromversorgung oder das Wasserwerk und Krankenhaus blieben jedoch auch weiterhin als digitaler Zwilling vom Internet getrennt, versicherte Bürgermeister Michael Maas. Langfristig hofft Markus Kraft auf so viele Daten und regelmäßigen Datenzufluss über Sensoren, dass sich die Systeme eigenständig weiterentwickeln könnten. Jedes Haus in städtischem Besitz werde dann als „Wissensmodell“ vorliegen und online erlebbar sein, was der Wissenschaftler dann auch vorführte anhand des Hugo-Ball-Gymnasiums, in dem er online von Singapur aus durch den Haupteingang die Flure und Klassenzimmer des digitalen Zwillings betreten kann. Alles stark vereinfacht, wie es die aktuelle Datenlage eben zulässt.
Eine gute Datenlage besteht jedoch bezüglich der Dächer aller Gebäude in der Stadt. Das Land Rheinland-Pfalz hat hier mit dem Solardachkataster schon vor Jahren die Grundlagen geschaffen, mit denen Kraft jetzt zusammen mit einer speziellen Software und dem Stromverbrauch der Einrichtungen genau ausrechnen kann, welche städtischen Gebäude das größte Potenzial für die Eigenversorgung mit Sonnenstrom haben. Das sind ganz klar die Alte Post und die Feuerwehr. Hier könnten mit entsprechend dimensionierten Photovoltaikanlagen auf den Dächern ein Großteil des selbst verbrauchten Stroms hergestellt werden. Die Feuerwehr könnte zu 100 Prozent ihren Stromverbrauch über die Sonne decken, während die Alte Post laut Krafts Analyse auf 99,7 Prozent käme.
Kosten werden rasch eingespielt
Topwerte erreicht auch die Käthe-Dassler-Schule (früher Kirchbergschule) mit einer Eigenverbrauchsquote von 83,5 Prozent. Die Berufsschule komme auf 52 Prozent, das Rathaus am Exerzierplatz auf 64 Prozent und das Hugo-Ball-Gymnasium auf 49 Prozent. Wann sich die Investition in Photovoltaik bezahlt macht, hat Kraft auch ausgerechnet. Im Fall der Alten Post nach nur 2,4 Jahren, bei der Feuerwehr nach 2,5 Jahren und für die Käthe-Dassler-Realschule kam er auf 2,9 Jahre. Das Hugo-Ball-Gymnasium käme auf eine Amortisation nach 4,4 Jahren, was laut Bürgermeister Michael Maas immer noch ein super Wert sei, weshalb die Stadt bei der aktuell laufenden Dachsanierung des Gymnasiums sofort in entsprechende Sonnenkraftwerke investiere.
Probleme mit dem Denkmalschutz sieht Maas nicht. Die Gesetzeslage sei inzwischen angepasst und mit den Daten aus Krafts Analyse werde die Stadt ein Argument haben, um mit der Landesdenkmalpflege wegen Photovoltaikmodulen auf dem historischen Dach des Rathauses und der Alten Post zu verhandeln.
Hoffen auf andere Vergütungen
Kraft hat neben dem Potenzial für den Eigenverbrauch auch Varianten für eine Einspeisung mit möglichst großen Solaranlagen in das Netz der Stadtwerke ausgerechnet. Hier seien die Einspeisevergütungen noch nicht lukrativ genug und Maas will noch auf Änderungen der Gesetzeslage oder Förderbestimmungen warten. Vielleicht schon im kommenden Jahr könnte die Stadt nach der Vorarbeit durch Kraft größer in den Ausbau der Sonnenenergie einsteigen. Die Stadtverwaltung beschäftige bereits entsprechend ausgebildete Mitarbeiter, die eigenständig Photovoltaikmodule installieren können.