Pirmasens
„Reif für die Insel“: Ein musikalischer Kurzurlaub in der Festhalle
Liebe, Freiheit und Familie, aber auch Lebensunterhalt, Beziehungsfrust und Tod: „Es gibt fast kein Thema, das der Austropop unkommentiert lässt“, stellt Armin Stockerer, einer der beiden Darsteller, fest. Wegen dieser Vielfalt eignet sich das Genre auch hervorragend, um eine Spontanreise musikalisch zu untermalen, auf der einerseits die Sorgen und Nöte des Alltags reflektiert werden, andererseits neue Erfahrungen, Erholung und Selbstfindung eine Rolle spielen.
Stockerer und sein Freund Christian Auer sind die beiden Handlungsträger des Musiktheaterstücks, sie tragen diese Namen übrigens auch im wahren Leben. Die beiden haben alles stehen und liegen lassen und sind Hals über Kopf zu einem Roadtrip aufgebrochen. Mit schweren Rucksäcken bepackt und in luftiger Reisekleidung betreten sie die Bühne der Festhalle, gönnen sich zwei Gösser-Radler und versuchen erst mal ihr Glück beim Trampen, zunächst jedoch ohne Erfolg. Mit durchdringendem Hupen rasen die Autos vorbei.
Ein Hanfhändler und ein gefrusteter Ehemann
Warum haben die beiden es eigentlich so eilig mit ihrem Aufbruch? Die Gründe kommen erst ans Tageslicht, als sie schon unterwegs sind. Während Stockerer der einengenden Situation seiner Ehe entfliehen möchte, steht Auer im Konflikt mit dem Gesetz. Er ist Besitzer eines Hanfladens, der erst kürzlich von der Polizei durchsucht wurde. „Sie haben was gefunden, was gar nicht so medizinisch ist, und dann habe ich eine Vorladung bekommen“, gesteht er.
Nun sind die beiden also zusammen unterwegs. Die Idee, sich auf der Donauinsel in Wien niederzulassen, wird geschwind wieder verworfen: Dort Urlaub zu machen, sei damit vergleichbar, einen sonnigen Sonntag im Englischen Garten in München zu verbringen, sagt Armin Stockerer. Und obwohl die beiden Bilder von Sonne und weißem Sand vor Augen haben, die auch auf die Leinwand hinter der Bühne projiziert werden, ist es am Ende doch die Alpenrepublik Österreich, in der sie stranden.
Die Musik dient der Regeneration
Dass auf der Reise schnell eine Last von den beiden abfällt, verdanken sie nicht nur dem Abstand von ihrem Zuhause in München, sondern auch der Musik. Der geplagte Ehemann Stockerer zum Beispiel öffnet sein Herz in dem Lied „Du vastehst mi net“ von Wolfgang Ambros, dem immer noch aktiven Wiener Liedermacher, der zu den bedeutendsten Vertretern des Austropop zählt.
Aufgekommen ist diese musikalische Strömung Ende der 1960er Jahre. Was das Genre auszeichnet, ist das Singen im Dialekt, wenngleich das heute kein zwingendes Zugehörigkeitsmerkmal mehr ist, zumal unter Austropop österreichische Popmusik im Allgemeinen zusammengefasst wird. Für deutsche Ohren zum Teil besser zu verstehen als Originale von Ambros oder Rainhard Fendrich sind die Texte von Falco, der zwar auch im Dialekt gesungen, aber auch Hochdeutsch und Englisch in seine Sprachspiele gemischt hat.
Sänger, Tänzer und Geschichtenerzähler
Spätestens bei Falcos „Der Kommissar“ beweisen Stockerer und Auer auch, dass sie nicht nur singen und ihre Reisegeschichte unterhaltsam erzählen können, sondern auch wendige Tänzer sind. Geschickt bauen sie außerdem immer wieder Anspielungen auf Austropop-Songs in ihre Gespräche ein, ohne diese Lieder dann tatsächlich vorzutragen. Bei all ihren Musikbeiträgen werden sie von ihrer Band unterstützt: Frank Schimann an der E-Gitarre, Martin Thalhammer am Bass, Ulrich Jenner am Schlagzeug.
Wer von den beiden den schweißtreibenderen Part in dem Musiktheaterstück hat, lässt sich von außen schwer beurteilen. Pianist Christian Auer hat zwar den festen Platz hinter seinem Flügel, muss dort aber seine Kraft in die Tasten legen. Armin Stockerer wiederum bewegt sich frei auf der Bühne, kann sich aber immer mal wieder in einem Klappstuhl niederlassen, der mit auf Reisen gegangen ist. Zur Verarbeitung seines Alltags und zur Dokumentation der Erlebnisse in Österreich führt er ein Reisetagebuch, aus dem er gerne mal laut vorliest.
„In Graz, Pirmasens und Stinatz“
Ein kurzer Zwist entsteht zwischen den beiden, als sie im steiermärkischen Fürstenfeld ankommen. „Welches Lied wäre hier wohl passender, als der Hit von S.T.S.?“, fragt Stockerer seinen Begleiter voller Verblüffung. Der setzt sich mit einem anderen Song durch, nämlich „Märchenprinz“ von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (EAV). Die beiden versöhnen sich aber wieder und erfüllen auch dem Publikum einen Herzenswunsch, als sie „Fürstenfeld“ schließlich doch noch zum Besten geben. In dem Lied geht es übrigens um das gegenteilige Gefühl, nämlich um Heimweh. Ob die beiden das auf ihrer Reise auch noch bekommen?
Das Pirmasenser Publikum in der nicht ganz ausverkauften Festhalle lässt sich von der Freiheitssehnsucht jedenfalls anstecken, steht auf, klatscht mit und bekommt auch eine südwestpfälzische Textzeile in einem österreichischen Lied serviert: Der Protagonist im Lied „Fürstenfeld“ möchte künftig nur noch „in Graz, Pirmasens und Stinatz“ musizieren. Letzteres ist eine Gemeinde im Burgenland.