Pirmasens / Südwestpfalz
Plötzlich die Hand auf dem Po: Bekannte Frauen schildern, wo und wie ihnen Sexismus begegnet
„Da fallen Kommentare, wie die Frau wohl im Bett ist − unterste Schublade“
Ich habe Sexismus in unzähligen Situationen erlebt, und viele davon haben mich einfach sprachlos gemacht. Oft habe ich den Tisch verlassen, weil mir einfach schlecht wurde. Die schlimmste Situation: Auf einer überparteilichen Veranstaltung ließ ein fremder Mann ganz deutlich durchblicken, was er von mir wollte. Er machte anzügliche Bemerkungen, sprach von den tollen Zimmern, die es im Tagungshotel gab, und ob ich nicht mit in sein Zimmer kommen wollte. Ich verließ den Tisch und ging auf Nummer sicher, dass er mir nicht folgte. Was mich heute noch ärgert: Ich saß dabei mit drei weiteren Männern, die ich gut kenne, am Tisch. Keiner dieser Parteifreunde ist eingeschritten, keiner hat etwas gesagt.
Ich war schon oft die einzige Frau neben lauter Männern in der Politik. Und es ist unglaublich, was schon alles in meiner Gegenwart gesagt wurde über andere Frauen, wie Männer zum Beispiel bei Parteiveranstaltungen über Frauen reden, die vorne auf der Bühne stehen. Da fallen Kommentare, wie die Frau wohl im Bett ist, unterste Schublade. So reden häufig ältere Männer, die keine Frauen respektieren. Oft habe ich mich gefragt: Was sagen die über mich, wenn ich gleich außer Hörweite bin? Bei einem Empfang im Winter trug ich mal einen knielangen Rock und Stiefeletten mit Absatz. Als ich reinkam, pfiff ein Mann und rief „Uuuuuh!“. Ganz ehrlich: Ich habe die Stiefeletten nicht mehr angezogen bei solchen Terminen. Und auch generell überlegt, wie ich mich kleide.
Was die Anzüglichkeiten betrifft: Ich habe durch Mimik und Gestik deutlich gemacht, dass ich das nicht will, aber gesagt habe ich nicht viel. Vielleicht war das ein Fehler, aber mir hat es schlichtweg die Sprache verschlagen. Bestimmte Männer wollten mich zur Begrüßung immer umarmen und küssen. Anfangs habe ich das hingenommen, dann aber die Strategie entwickelt, dass ich auf sie zugegangen bin und sie per Handschlag begrüßt habe, ehe sie mich umarmen konnten, und dann war das erledigt. Aber eigentlich ist es traurig: Ich als Frau ändere mein Verhalten, die Männer, die übergriffig sind, tun es nicht. Und doch habe ich immer versucht, ich selbst zu sein.
Auch in vielen anderen Situationen habe ich Sexismus erlebt. Eine Männerrunde meinte, sie wisse besser übers Stillen Bescheid als ich damals als junge Mutter. Ein Mann, mit dem ich das Wahllokal herrichtete, machte die Wahlurne auf und rief mir zu „Hol mal einen Putzlappen, da ist Dreck drin.“ Offenbar dachte er, das ist ganz klar meine Aufgabe. Ich holte keinen Lappen. Ein Funktionär überreichte mir bei einer Veranstaltung einen Blumenstrauß, musterte mich von oben bis unten, spekulierte vor aller Augen über mein Alter und sagte, ich sei ja noch ganz gut zu gebrauchen. Das war schlichtweg erniedrigend. Überhaupt: Mir würde es im Traum nicht einfallen, einen Mann von oben bis unten zu mustern – umgekehrt gilt das als normal. Oft habe ich gehört, „Oh, heute hast du dich aber herausgeputzt.“ Manche meinen dann auch noch wunders, was sie da für ein Kompliment gemacht hätten. Noch heute, nach Jahrzehnten, die ich mich politisch engagiere, sprechen mich einige Männer mit „Mädchen“ an.
Schlimm fand ich auch, wenn ich mit anderen Frauen darüber sprach, wie sich ein Mann gerade danebenbenommen hatte, und dann zu hören bekam „Hab dich doch nicht so“ oder „Du bist aber empfindlich“. Ich hatte in diesen Situationen auf Unterstützung gehofft, wurde aber enttäuscht.
„Frauen müssen viel mehr Energie aufwenden, um genauso kompetent zu wirken wie ein Mann“
Mir ist Sexismus schon im Aufzug begegnet. Ich war dort allein mit einem in der Hierarchie höhergestellten Mann, der mich wissen ließ, heute sähe ich aber wieder besonders gut aus. Oder es fiel eine andere anzügliche Bemerkung. Ich habe in solchen Situationen immer klare Kante gezeigt: Bis hierhin und nicht weiter. Wobei man in meiner Generation früher viele Sachen einfach hingenommen hat: dass ein Mann an der Baustelle einem nachpfeift, wenn man vorbeiläuft. Das war halt so. Heute sind junge Frauen viel selbstbewusster, machen deutlich, wenn sie etwas nicht wollen und machen das auch öffentlich. Umgekehrt sind Männer auch sensibler dafür geworden, dass bestimmte Verhaltensweisen einfach nicht gehen. #MeToo hat da einiges verändert. Aber es ist noch ein langer Weg.
Noch immer ist Fakt: Frauen müssen mehr Leistung bringen, um als gleichwertig angesehen zu werden, müssen viel mehr Energie aufwenden, um genauso kompetent zu wirken wie ein Mann. Wenn Frauen Männern in der Diskussion ins Wort fallen, dann gelten sie als zickig. Wenn ein Mann einer Frau ins Wort fällt, dann nimmt man ihn als den wahr, der es eben besser weiß und hier etwas richtigstellt. Männer treten lauter auf, melden sich öfter und deutlicher zu Wort. Ich wurde schon oft gefragt, wie ich mich um mein Kind kümmern kann, wenn ich doch beruflich viel unterwegs bin. Ich habe dann zurückgefragt: Hätten Sie das jetzt auch einen Mann gefragt? Frauen wird es deutlich negativer ausgelegt, wenn sie nicht bei den Kindern sind. Familien- und Pflegearbeit wird meistens immer noch den Frauen zugeschrieben und tatsächlich auch von ihnen ausgeübt, mit teils gravierenden Folgen, wenn es um die Rente geht.
Ob Beruf oder Ehrenamt: Auch im Alter werden Männer und Frauen deutlich anders bewertet. Männer werden mit 60 noch ernst genommen, gelten als kompetent. Bei Frauen kommt dann die Frage, ob sie sich nicht zur Ruhe setzen und Platz machen wollen Überlegen Sie sich mal, in den USA wäre eine Frau im Alter von Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl angetreten. Völlig undenkbar. Und was die Frauenquote betrifft: Ich habe unzählige Diskussionen erlebt, ob es die wirklich braucht, und ich muss sagen: leider ja. Allein mit Freiwilligkeit kommt die Gleichberechtigung nicht voran. anonym
„Es war ganz deutlich, hier nutzt einer seine Macht und das Abhängigkeitsverhältnis aus“
Als Studentin habe ich bei einem Automobilzulieferer gejobbt. Da gab es einen Meister, der mich immer zu sich ins Büro rief und mir dann sowas sagte wie „Heute bist du wieder besonders schön angezogen“. Er zeigte mir private Fotos von sich, auch welche, auf denen er nur einen Bademantel trug. Es war ganz deutlich, hier nutzt einer seine Macht und das Abhängigkeitsverhältnis aus. Natürlich dachte ich „Du alter Sack“, aber ich war ja auf den Job angewiesen, habe mir das alles angehört. Mein damaliger Freund, der nebenan arbeitete, hat mich gerettet.
Inzwischen arbeite ich im öffentlichen Dienst und kann sagen, hier habe ich noch nie Sexismus erlebt, auch Kolleginnen haben nichts dergleichen berichtet. Im politischen Ehrenamt schon. Da wird hinter dem Rücken der Betroffenen geredet, beispielsweise „Was hat die denn heute wieder an?“, wenn sich eine Frau für eine Sitzung schick angezogen hat. Sprüche kommen übrigens nicht nur von Männern, durchaus auch von Frauen. Aber wieso sollten Frauen sich nicht fraulich kleiden? Es muss doch erlaubt sein, sich auch mal extravagant anzuziehen. Aber schauen Sie sich um: Eine Frau Rehlinger, eine Frau Dreyer, die kleiden sich so, dass sie professionell wirken, dass sie nicht provozieren. Frauen werden sehr oft nach dem Äußeren beurteilt. Erinnern Sie sich an Frau Merkel und die Kommentare über ihre Hosenanzüge. Fragt heute beim Bundeskanzler irgendjemand nach dessen Anzügen? Nein, das Äußere spielt da keine Rolle.
Generell ist es so: Männer und Frauen werden in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen. Männer werden viel seltener in Frage gestellt, auch wenn sie einfach irgendetwas behaupten. Sie können, mit Verlaub, den größten Mist erzählen, aber weil da ein Mann spricht, wird das nicht hinterfragt. Frauen spricht man die Kompetenz ab, reduziert sie aufs Äußere. Wobei das intellektuell ja auch viel einfacher ist, als sich tatsächlich mit dem auseinanderzusetzen, was jemand inhaltlich sagt. Nicht wenige Männer haben zudem ein Problem, wenn Frauen ihnen Konkurrenz machen. Mir ist ein Fall bekannt, da hatte eine Frau die Chance auf einen deutlich höher dotierten Posten als ihr Mann – und hat sich nicht beworben. „Wenn ich das mache, lässt mein Mann sich scheiden“, sagte sie. So ist es oft: Wenn Männer von Frauen überholt werden, fassen sie das als persönliche Kränkung auf, fühlen sich nicht mehr so viel wert. Auch wenn Parteien die Listen für die Wahlen aufstellen, erlebt man das immer wieder. anonym
„Unternehmen sollten deutlicher signalisieren, dass Sexismus eine überschrittene Grenze ist“
Ich habe zum Glück in meinem beruflichen Kontext bisher nie Sexismus erlebt. Ich habe Bankkauffrau gelernt. Die Bankenwelt – ich spreche hier allgemein, nicht bezogen auf meinen früheren Arbeitgeber − wird von hauptsächlich (älterer) Männlichkeit in Anzügen dominiert. Ich will nicht ausschließen, dass da mal der eine oder andere Spruch gefallen ist, aber es ist mir keine Situation in Erinnerung geblieben.
Ich finde es problematisch, dass Unternehmen nach wie vor nicht offensiv der Mitarbeiterschaft signalisieren, dass Sexismus eine überschrittene Grenze ist. Sie müssten Ansprechpartner benennen, an den sich Betroffene wenden können. Das würde den Mitarbeiterinnen Sicherheit vermitteln: Wenn sowas bei uns vorkommt und du dich in einer Situation unwohl oder belästigt fühlst, dann bist du nicht allein, dann ist jemand da, der dich ernst nimmt und dir zuhört. Das vermisse ich in vielen Unternehmen.
Was mein Engagement bei der Landjugend betrifft: Vom Ortsgruppenvorstand bis hin zum Bundesvorstand ist in der Satzung die paritätische Besetzung der Spitzenpositionen verankert. Das bedeutet, dass es jeweils zu jedem ersten und zweiten Vorsitzenden auch eine Vorsitzende gibt. Ich will nicht sagen, dass diese Regelung Sexismus ausschließt. Aber damit wird bereits an der Basis für mehr Gleichberechtigung gesorgt. Da könnten sich andere Verbände und Gremien eine Scheibe von der Landjugend abschneiden.
Barbara Moll, frühere stellvertretende Bundesvorsitzende der Landjugend
„Plötzlich eine Hand auf dem Hintern: erschreckend, aber das war fast schon normal“
Ich habe eindeutig schon Sexismus erlebt. Das klassische Catcalling – anzügliche Bemerkungen im öffentlichen Raum und dass einem beispielsweise jemand hinterherpfeift – kenne ich zur Genüge. Da war alles dabei, nette Sprüche bis hin zu derben Beleidigungen. Wobei mir das schon lange nicht mehr passiert ist. Das krasseste Ereignis, woran ich mich erinnere: Als junge Frau in der Disco hat mich ein Typ, auf den ich auf der Tanzfläche offenbar nicht entsprechend reagierte, angespuckt. Dass ich angefasst wurde, ist mir in der Disco oft passiert. Plötzlich eine Hand auf dem Hintern: erschreckend, aber das war fast schon normal. Ich habe lange in der Gastronomie gejobbt, auch da habe ich alle möglichen Sprüche gehört. Beruflich habe ich mehrfach in der Konstellation „Der Mann ist der Chef, ich bin die Assistentin“ gearbeitet. Da war mir stets wichtig, eine gewisse Distanz zu wahren. Auch wenn ich mit fast allen per du war – den Chef habe ich immer gesiezt.
Im politischen Ehrenamt habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch Journalisten gerne mal schäkern, um eine Beziehung mit dem Gegenüber herzustellen. Und ich muss sagen, ich fände es auch schade, wenn sich irgendwann niemand mehr trauen würde, ein Kompliment zu machen – aus Angst, gleich eine Grenze zu überschreiten. Ich habe mich selbst auch schon dabei erwischt, dass ich jemanden im Gespräch die Hand auf den Arm gelegt habe. Ich finde, wenn man sich mag, ist das in Ordnung. Diese Nähe zeigt: Wir haben eine gemeinsame Basis. Da sehe ich keine Grenzüberschreitung.
Als Frau in der Politik habe ich gemerkt: Gerade wenn man jung ist, wird man oft unterschätzt – aber das muss nicht schlecht sein. Es wird einem dann auch mehr verziehen. Auch ich war schon bei Veranstaltungen, bei denen die Männer drumherum dachten, ich bringe bestimmt gleich den Kaffee. Dabei war ich, wie sie, in politischer Funktion dort.
Grundsätzlich ist es so, dass Frauen immer kritischer beäugt werden als Männer. Ob sie zunehmen, abnehmen, älter werden, was sie anhaben, das wird immer direkt bewertet. Erinnern Sie sich an Frau Merkel und ihr Ballkleid in Bayreuth. Wenn ihr damals danach war, wieso sollte sie nicht so etwas anziehen? Ich habe festgestellt, dass man es als Frau der Gesellschaft nicht recht machen kann. Wenn man als Mama arbeitet, ist man eine Rabenmutter, wenn man kein Kind hat, ist man ein Karriereweib. Auch ich wurde schon oft gefragt, wie ich Job, Politik und Kind unter einen Hut bekomme. Und ich wüsste nicht, dass man das beispielsweise mal einen Oberbürgermeister gefragt hat. anonym
„Ich stand in einer Runde mit mehreren Leuten, und plötzlich war da diese Hand“
Meine Haltung ist klar: Wo Dinge passieren, die nicht in Ordnung sind, muss man sie klar benennen. Wobei man klar unterscheiden muss zwischen ehrlich gemeinten Komplimenten – und solche mache auch ich beispielsweise meinen männlichen Mitarbeitern – und anzüglichen Bemerkungen, die eine Grenze überschreiten. Ich erlebe beides mehrfach in der Woche, was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich bei meiner Tätigkeit viele Kontakte zu unterschiedlichen Menschen habe. Auch ich höre da unangemessene Bemerkungen. Das lasse ich mein Gegenüber dann auch spüren, indem ich etwa frage: „Wie ist das denn gemeint?“ und so den Leuten einen Spiegel vorhalte.
Ich achte auf mein Äußeres und darauf, dass meine Kleidung dem Anlass entsprechend ausgewählt ist. Das mache ich mit Sorgfalt, denn durch die Kleidung drückt man auch Wertschätzung aus. Bei einem Feuerwehr-Ehrenabend ist es für mich selbstverständlich, dass ich ein Kleid trage, das die Festlichkeit unterstreicht. Aber Sie werden bei mir nie ein Minikleid oder einen sehr großen Ausschnitt finden – das passt einfach nicht zu mir und meinem Amt.
Auch ich erlebe bei Veranstaltungen, meist spät am Abend, die eine oder andere Anmache. Das sind in der Regel Leute, die ich noch nie zuvor gesehen habe. So jemand war es auch, der mir in aller Öffentlichkeit ungefragt einfach mal die Hand auf den Po legte. Ich stand in einer Runde mit mehreren Leuten, und plötzlich war da diese Hand. Der Mann bekam sofort meinen Ellbogen in die Seite, und ich habe laut „Nehmen Sie Ihre Hände weg!“ gesagt, so dass es jeder drumherum mitbekommen hat. Er hat sich dann verkrümelt. Auch Sprüche wie „Ach, Ihr Ausschnitt könnte aber schon etwas tiefer sein, das wäre doch mal interessant!“ höre ich zuweilen. Dafür habe ich mir Sätze wie „Meinen Sie das ernst?“ zurechtgelegt, mit denen ich den Ball zurückwerfe. Man muss sich schon ein gutes Stück Schlagfertigkeit aneignen, um gewappnet zu sein. Über andere Dinge – etwa wenn jemand bei der Begrüßung auffällig meinen Doktortitel betont – sehe ich hinweg.
Auch ich erlebe, dass meine Kompetenz unterschätzt wird, vermutlich, weil ich eine Frau bin. Das merke ich beispielsweise, wenn ich vor Fremden einen Vortrag halte und nachher jemand sagt „Ihr Vortrag war ja viel interessanter, als ich es erwartet hätte.“ Meine Maxime: Ich bereite mich stets akribisch vor, um durch Qualität und Leistung zu überzeugen. Nicht alle Menschen können damit umgehen, dass ich als Landrätin gewisse Entscheidungskompetenzen und dadurch eine herausragende Position habe. Damit haben manche Männer Schwierigkeiten, aber auch Frauen. Eine Situation, an die ich mich noch gut erinnere: Ganz frisch im Amt besuchte ich den Deutschen Landkreistag in Wiesbaden, wo Landrätinnen und Landräte aus ganz Deutschland zusammenkamen. Als ich im Foyer stand, um mich anzumelden, kam eine dortige Mitarbeiterin auf mich zu und wies mich darauf hin, dass die Partnerinnen und Mitarbeiter der Landräte sich im Nebengebäude aufhielten. Als ich ihr erklärte, dass ich Landrätin bin, war ihr das sichtlich peinlich. Aber damals gab es, anders als heute, noch nicht viele Landrätinnen.
Susanne Ganster, Landrätin
„Mir ist früh bewusst geworden, wie viel schwerer es Frauen in unserer Gesellschaft haben“
Sexismus ist weltweit, nicht nur in Deutschland, allgegenwärtig, also auch in meinem Alltag präsent. Wir leben in einer von patriarchalen Ideologien, Normen und Strukturen dominierten Gesellschaft. Das betrifft alle Frauen. Das Spektrum reicht – um nur einige Beispiele zu nennen - von eher subtilen Diskriminierungen wie unterschiedlichen Anforderungen an die äußere Erscheinung, Unterschiede in der sozialen Rollenverteilung, sexuellen Anzüglichkeiten, unterschiedlicher Kompetenzzuschreibung bis hin zu materieller Diskriminierung in Form von unterschiedlicher Bezahlung und endet bei der Missachtung der körperlichen Unversehrtheit von Frauen bis hin zu Femiziden. Keine Frau kann also von sich sagen, in ihrem Leben nicht von Sexismus betroffen zu sein. Mir ist in meinem Leben früh bewusst geworden, wie viel schwerer es Frauen in unserer Gesellschaft haben. Die Konsequenzen, die ich daraus gezogen habe, waren zum einen, mich privat und beruflich nicht den vorherrschenden Normen und Regeln zu unterwerfen. Und zum anderen, mich politisch zu engagieren. Das hieß zuallererst, Ängste und Selbstzweifel zu überwinden. Egal, ob es darum ging, eine Kettensäge oder einen Glasschneider in die Hand zu nehmen, keine hochhackigen Schuhe oder rosafarbenen Kostüme zu tragen oder im Unterricht insbesondere schüchterne Mädchen zu unterstützen oder letztendlich in der Männerdomäne Politik Fuß zu fassen. Ich habe versucht, nach der Maxime zu leben, nicht mit mir etwas machen zu lassen, sondern selbst zu machen. Ich habe gerade Rebekka Reinhards Buch „Kleine Philosophie der Macht* nur für Frauen“ gelesen und mich in vielen Punkten bestätigt gefühlt, jedoch auch festgestellt, dass es immer noch unglaublich viele Details gibt, wo Frauen in die Sexismusfalle tappen, ohne dass ihnen das überhaupt bewusst ist. #MeToo hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich Frauen über viele Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen klar wurden. Der Anklage muss die Befreiung aus den Abhängigkeits- und Unterdrückungsverhältnissen folgen. Ich plädiere dafür, dass Frauen sich mächtig machen, privat wie gesellschaftlich, denn nur so lässt sich die Über-Macht der Männer brechen.
Brigitte Freihold, ehemalige Bundestagsabgeordnete
