Pirmasens / Paris
Pirmasenser Schuhe schmücken Pariser Fashion Week
„Heidi Klum? Kenn ich nicht. Die war nie in Paris“, sagte einst Mode-Ikone Karl Lagerfeld. Ob das Heidi Klums Karriere geschadet hat, mag Ansichtssache sein, dennoch hat ein Quartett aus Pirmasens und St. Wendel dem Top-Model etwas voraus: Karin Wadle, Jona Hoffmann sowie Ralf und Karin Siebert werden sehr wohl in Paris sein.
Karin Wadle ist selbst Model, aber sie steht nicht nur vor der Kamera und auf dem Laufsteg. Die Höheischweilerin leitet obendrein das Modelcamp Germany, wo sie Nachwuchs und Quereinsteigern das Modeln lehrt. Mit der Modedesignerin Jona Hoffmann, die mit „Silbernadel Couture“ eine eigene Boutique in St. Wendel betreibt, arbeit Wadle schon länger zusammen. „Wir haben schon einige Projekte gestemmt, zum Beispiel eine Show beim Presseball in Berlin“, berichtet Wadle. Das hat sich gelohnt, denn daraus resultierte eine Einladung zur weltberühmten Fashion Week in Paris kommenden Monat. „Das ist extrem zeitaufwendig und kostenintensiv“, gibt Wadle zu bedenken. Aber: „Das ist natürlich auch für jeden aus unserer Branche ein Lebenstraum.“
„Entspricht nicht unserer Zielgruppe“
Schnell waren die Rollen verteilt: Karin Wadle kümmert sich um die Organisation und die Models, Jona Hoffmann um die Kollektion. „Es wurde schnell immer mehr daraus“, sagt Hoffmann. Die Euphorie der beiden wurde aber ebenso schnell getrübt. Auf die Frage, in welchen Größen die Kleidungsstücke in die französische Hauptstadt gebracht werden sollen, lautete die kurzsilbige Antwort: „Standard.“ Heißt: Größe null beziehungsweise 32. „Wir sind beide erst einmal erschrocken. Wir wussten, dass Paris anders ist. Aber so extrem? Immer noch?“, erinnert sich Wadle.
Ihre Kollektion in diesen Größen zu präsentieren, kam für Jona Hoffmann infrage. „Das entspricht nicht unserer Zielgruppe. Wir machen uns unglaubwürdig“, betont die Modeschneiderin. Wadle ergänzt: „Es geht auch um die Frage, welche Vorbilder wir unseren Kindern geben möchten.“ Es folgten harte Verhandlungen mit den Veranstaltern an der Seine. Der Vorschlag, bei der Show mit eigenen, selbst ausgewählten Models aufzutreten, sei direkt abgelehnt geworden. „Aber wir haben nicht locker gelassen“, so Wadle. Diese Hartnäckigkeit wurde belohnt: „Wir sind die Ausnahme“, freut sich Karin Wadle darüber, selbst entscheiden zu dürfen welche 15 Models Jona Hoffmanns Kollektion präsentieren werden. Auch die Designerin ist zufrieden: „Wenn wir eine Fashion-Show machen, dann mit normalen Models. Die Menschen müssen sich damit identifizieren können.“
Aus kleiner Reparatur wird Zusammenarbeit
Doch selbst zu den schönsten Kleidern braucht man auch die passenden Schuhe. Dafür wurde Karin Wadle – wie sollte es anders sein – in der Schuhstadt fündig. Wenn auch eher zufällig, wie sie erzählt: „Beim Training hat sich die Sohle an einem meiner Schuhe gelöst. Eine Freundin hat mir die Schuhmanufaktur Zarini empfohlen.“ So lernte Wadle Ralf und Karin Siebert kennen, die die Manufaktur in der Pirmasenser Hillstraße betreiben. Aus der kleinen Reparaturarbeit wurde ein nettes Gespräch und daraus schließlich eine Zusammenarbeit. „Die Chemie hat sofort gestimmt. Hier wird wie bei Jona alles in Handarbeit gemacht. Ich wusste, das passt“, erinnert sich Wadle. Prompt präsentierte sie den beiden ihre Paris-Pläne und binnen kürzester Zeit wurden fleißig Ideen für die Umsetzung gesammelt.
„Es ist die Leidenschaft an der Sache, die uns zusammenbringt“, betont Ralf Siebert. Die Schuhe für die Models fertigt er aus dem gleichen Material wie Jona Hoffmann die Kleidungsstücke. Im Mittelpunkt stehe nicht Ruhm oder Anerkennung, stellt Karin Wadle klar. Das Quartett verfolge eine klare Botschaft: „Fairness, Nachhaltigkeit, Diversität und Gleichberechtigung. All das wollen wir in Paris vertreten.“ Die Mode habe sich in den vergangenen Jahren besonders durch sogenannte Fast Fashion – billig, in Masse produzierte Kleidung von geringer Qualität – zum Negativen verändert, klagt Wadle. „Wir haben uns sattgesehen an nichtssagenden Models und ausdruckslosen Gesichtern auf dem Laufsteg“, ergänzt sie. In der französischen Hauptstadt wolle sie eine „friedliche Revolution“ starten: „Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass sich etwas ändern muss.“
400 Models beim Casting
Aushängeschild für diesen Appell sind selbstverständlich die Protagonistinnen auf dem Laufsteg. Den Ansturm auf das Casting hätte sich das saar-pfälzische Fashion-Week-Team nicht zu erträumen gewagt. Wadle: „Mehrere Tausend hatten sich gemeldet, 400 waren da.“ Und das seien nicht nur Profis gewesen: „Es waren ganz normale Hausfrauen dabei.“ Nachdem sich alle Bewerberinnen präsentiert hatten, musste ein Urteil gefällt werden. „Ich war total geflasht. Es war durch die Bank egal, wer da war und ob jemand 40 oder 140 Kilogramm wiegt“, erzählt Ralf Siebert. Am Ende konnte sich die Jury, der unter anderem die frühere luxemburgische Prinzessin Tessy Antony de Nassau angehörte, auf 15 Models einigen. „Alle sind zu klein, zu schwer, zu alt und so weiter ...“, kritisiert Wadle die in der Modewelt vermeintlichen Standardmaße.
Während sich Karin Wadle im Endspurt um das Training der Models kümmert, kreieren Jona Hoffmann und das Ehepaar Siebert die passenden Kleidungsstücke und Schuhe. „Ich bin total gespannt auf dieses Erlebnis. Mit unserer Botschaft dort laufen zu dürfen, ist eine Riesensache“, schwärmt Karin Wadle. Dennoch macht sie keinen Hehl daraus, dass sich alle Beteiligten durch den Auftritt in Paris natürlich auch Aufmerksamkeit und neue Kunden erhoffen. „Wir schauen jetzt einfach, was sich daraus entwickelt – mit Schuhen made in Pirmasens!“
