Interview
Pirmasenser Freimaurer laden zum offenen Gästeabend
Herr Scheid, Herr Marckert, Sie sind beide Freimaurer. Was bedeutet das genau?
Scheid: Freimaurerei an sich ist eine Lebenseinstellung. Es dreht sich um Humanität, um Nächstenliebe, um Toleranz – all das, was heute zu kurz kommt in unserer Welt. Um das selbst ausführen und leben zu können, haben wir das Hilfsmittel der Freimaurer-Loge. Dort kann man sich mit Gleichgesinnten treffen, die so ticken wie man selbst. Man ist froh, Menschen um sich herum zu haben, die die gleichen Werte teilen.
Wie wird man Freimaurer?
Scheid: Man muss schon von sich aus eine gewisse Einstellung zu den Zielen haben, die die Freimaurerei uns vorgibt. Wenn jemand zum Beispiel klarer Atheist ist, wird er Probleme haben, genauso aber auch jemand, der religiös total involviert ist. Man muss eine gesunde Einstellung zu den genannten Werten haben. Den Weg zu uns findet man dann ganz einfach, wenn man jemanden von uns kennenlernt oder wenn man sich schon einmal mit dem Thema auseinandergesetzt hat, weil man in der Presse oder im Fernsehen davon gehört hat. Uns findet man im Internet und man kann sich per E-Mail melden – spätestens nach 24 Stunden bekommt man eine Antwort.
Wie geht es dann weiter?
Scheid: Die Interessenten bekommen eine Rückmeldung und sollen sich vorstellen: Wer sie sind, was sie tun. Es gibt einen Gesprächstermin in neutraler Umgebung bei einer Tasse Kaffee, um sich einfach mal kennenzulernen. Dabei versuchen wir, die ersten Fragen, die sich jemandem stellen, zu beantworten. Dann geht es oft ums Bauchgefühl und die Frage: Passt es? Stimmt der erste Eindruck, gibt es für die Suchenden – so nennen wir die Interessenten – eine schriftliche Einladung zu einem sogenannten Gästeabend in unserem Logenhaus.
Marckert: Es ist letztendlich ein Kennenlernen des Menschen und die Frage, ob er zu dieser Gruppe passt und als Freimaurer geeignet ist. Am Ende entscheidet jeder selbst, ob er das möchte oder nicht. Wir sagen nicht nur, ob es passt oder nicht. Nach einer gewissen Anzahl an Gästeabenden liegt es am Suchenden, ob er das möchte. Stellt er einen Antrag, stimmen alle Brüder darüber ab.
Was unterscheidet die Freimaurer von anderen Vereinen und Gemeinschaften?
Scheid: Man kann da nicht unbedingt so große Unterschiede feststellen. Alle Vereinigungen, die solche Werte in sich tragen, sind schon irgendwie gleich geartet. Bei uns ist es so, dass es eine Lebenseinstellung ist. Wer bei uns eintritt, schließt einen Bund fürs Leben. So lange man auf dieser Erde umherwandelt, wird man Teil der Freimaurer und Teil dieser Gemeinschaft sein. Das ist schon was anderes als bei anderen humanitären Vereinen. Wir sind eine Familie.
Marckert: Im Grunde sind wir ein Verein, der ganz normal im Vereinsregister steht. Man kann auch austreten, man ist nicht komplett für immer gebunden. Aber die Freimaurerei sieht eigentlich vor, dass man wirklich einen Lebensbund eingeht. Der geht – wenn gewünscht – bis zur Beerdigung.
Freimaurer tauchen in vielen Verschwörungstheorien auf. Wie oft begegnen Ihnen Vorurteile?
Scheid: Ich gehe sehr offen damit um, dass ich Freimaurer bin. So speziell wurde ich noch nicht darauf angesprochen, ob wir Jungfrauen opfern oder Blut aus einem Totenschädel trinken (lacht). Natürlich gibt es solche Aussagen, aber ich glaube, da wird auch sehr viel reininterpretiert von Menschen, die gerne hätten, dass man sowas macht. Man merkt bei manchen eine gewisse Skepsis, aber meistens fragen sie interessiert nach. Ich denke, so etwas kommt eher in den USA vor.
Marckert: Das hat auch viel damit zu tun, dass die Freimaurer von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Das ist der Hintergrund, warum viele dieser Denunziationen heute noch kursieren. Es sind Fake News aus der dunkelsten Zeit dieses Landes.
Wie lange gibt es schon eine Loge in Pirmasens?
Scheid: Letztes Jahr feierten wir 100-jähriges Stiftungsfest. Die Veranstaltung war nur intern. Bei den Vorbereitungen waren wir etwas geplättet, dass es selbst in der Stadtverwaltung niemandem bekannt war, dass es hier eine Freimaurer-Loge gibt. Selbst im Archiv war es den meisten neu. Der freimaurerische Gedanke existiert in der Stadt schon viel länger als in vielen Landstrichen unseres Landes. 1787 wurde in Pirmasens eine Loge durch Ludwig IX. gegründet, dessen Vater selbst schon Freimaurer war.
Am 29. August veranstalten Sie einen offenen Gästeabend. Wer darf kommen und was erwartet die Besucher?
Marckert: Der Termin richtet sich an alle, die vielleicht einfach mal die Loge sehen wollen oder auch sagen: „Das würde mich mal interessieren.“
Scheid: Wir würden uns freuen, wenn viele Menschen vorbeikommen, um sich mal umzuschauen. So kann man auch solche Vorurteile aus Verschwörungstheorien abbauen, weil es für die Leute greifbarer wird. Schon im vergangenen Jahr hatten wir so einen Tag angeboten, der auch gut angenommen wurde. Das wollen wir wiederholen. Bei diesem Abend ist es uns zudem ein Anliegen, dem Menschen, der den freimaurerischen Gedanken nach Pirmasens brachte, wieder die Ehre zu erweisen, unter uns zu sein. Deshalb wird ein Bildnis des Landgrafen im Tempelraum durch Oberbürgermeister Markus Zwick enthüllt. Außerdem wird noch einmal das humanistische Stück „Im Gespräch mit einem Freimaurer“ aufgeführt – umgeschrieben auf die Sprache des 21. Jahrhunderts. Das wird von einem Bruder und einer Schwester in unserem Tempelraum aufgeführt.
Termin
Der offene Gästeabend der Pirmasenser Freimaurer beginnt am Donnerstag, 29. August, um 19 Uhr in deren Logenhaus in der Beckenhofer Straße 36 auf der Ruhbank. Mehr zu den Freimaurern gibt es im Internet unter freimaurerloge-pirmasens.de.
Zur Person
Uwe Scheid lebt in Dahn und ist dreifacher Vater sowie fünffacher Opa. Der Metallbaumeister gehört seit zehn Jahren der Pirmasenser Freimaurer-Loge an. Aktuell bekleidet er das Amt des Zugeordneten Stuhlmeisters und ist damit – vereinfacht gesagt – der Stellvertreter von Ralf Marckert. Der 55-jährige Landauer ist im Hauptberuf Automatisierungstechniker und bei den Freimaurern Stuhlmeister. So wird der Erste Vorsitzende der Loge bezeichnet. Marckert, der zweifacher Familienvater ist, wurde 2011 zum Freimaurer.