Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Pirmasens: Für Evi Niessner ist die Show „Tanz auf dem Vulkan“ die Erfüllung eines Traums

Evi Niessner (Mitte) und ihre Truppe der schillernden 20er-Jahre-Revue „Glanz auf dem Vulkan“.
Evi Niessner (Mitte) und ihre Truppe der schillernden 20er-Jahre-Revue »Glanz auf dem Vulkan«. Foto: Niessner

Evi Niessner bringt mit einem internationalen Künstlerensemble am Freitag, 24. Januar, in der Pirmasenser Festhalle eine rasante und vergnügliche Reise in die faszinierende Welt der Goldenen Zwanziger Jahre auf die Bühne.

Evi Niessner schaut mit dem Blick von heute auf das Damals und verschmilzt alles zu einer Welt. Wie die Künstlerin das anstellt, darüber hat Christiane Magin mit ihr gesprochen.

Was fasziniert Sie so sehr an den 20er Jahren?
Seit ich denken kann, bin ich begeistert von den Zwanziger Jahren und habe alles über diese faszinierende Ära in mich aufgesogen. Keine Zeit war so aufregend und aufreibend, so vielfältig, widersprüchlich und vor allem so kulturell reichhaltig und innovativ wie diese. Aber auch die Ästhetik, die Künstlerpersönlichkeiten, der Freigeist, der Überlebenswille und die Aufbruchsstimmung reißen mich immer wieder hinein in diese Welt.

Hatten Sie Vorbilder für diese Revue?
Meine Helden der Zwanziger Jahre sind mir immer im Herzen und im Sinn. Den feinen ironischen Witz von Fritz Grünbau, die tiefe und doch heitere Melancholie von Mascha Kaleko, den beißend intelligenten Spott einer Dorothy Parker – all das hat mich geprägt und durchdrungen. Wenn ich eine Show konzipiere, muss ich nicht erst nach Inspiration oder Themen suchen. Sie entsteht, weil sie aus meinem Kopf raus muss. Ich hatte mir die aktuelle Show in zwei Tagen, oder besser gesagt Nächten, buchstäblich von der Seele geschrieben – und zwar schon in der Dramaturgie, wie wir sie jetzt auch aufführen.

Wie würden Sie das Konzept der Show beschreiben?
Wir wollen die Spannung zwischen den Schattenseiten, der Morbidität, des Lasters auf der einen Seite und der Vergnügungssucht und Kreativität auf der anderen erlebbar machen. „Glanz auf dem Vulkan“ ist beste Unterhaltung, aber viel mehr als nur eine Revue oder eine nostalgische Zeitreise. Es ist die Erfüllung meines seit 30 Jahren gehegten Traumes, in den 2020er Jahren „die“ große 20er-Jahre-Show zu machen, die alle Formen der Bühnenkunst vereint. Die Show ist ein Universum, bei der ich in der Mitte stehe und alles in meiner Bühnenfigur zusammen läuft – ein Kaleidoskop aus Musik, bewegten Bildern, Tanz, Artistik, Texten und Szenen. Berlin ist das Zentrum, aber wir blicken auch nach New York, nach Moskau, in die ganze Welt. Wir wollen, dass die Zuschauer das Beben, die Erregtheit den Zauber sowie auch die Zerrissenheit förmlich am eigenen Leibe spüren. Deshalb sprechen wir nach allen Regeln der Kunst alle Sinne an und schwelgen optisch wie musikalisch in der von mir so heiß geliebten Ästhetik der 20er Jahren. Die Musik spielt allerdings buchstäblich die tragende Rolle. Charleston, Foxtrott, Shimmy und Jazz – alles ist möglich: Stücke aus den 1920er Jahren und anachronistisch adaptierte Pop-Songs bis hin zu Kompositionen aus unserer Feder.

Wie entstanden die schillernden Kostüme?
Ich habe es mir auch nicht nehmen lassen, die ganze Ausstattung und das Kostümbild selbst zu kreieren und teilweise sogar mit anzufertigen. Es ist fast schon eine Kostüm-Orgie, wobei die Tänzerinnen oft auch sehr wenig anhaben. Aber das, was sie tragen, und wie sie sich darin bewegen und wirken, ist spektakulär. Manch einer wird sogar Gesichter aus der Serie „Babylon Berlin“ wiedererkennen, denn unser Ensemble „Die Gl’amouresque“ haben in der Fernsehserie mitgewirkt.

Welches sind die Figuren der Show? Von wem sind sie inspiriert?
In „Glanz auf dem Vulkan“ gibt es neben Madame Glanz, die durch den Abend geleitet und die von mir verkörpert wird, drei Frauencharaktere, die sinnbildlich für die Frau der 20er Jahre stehen: Mitzi, das Flapper-Girl, Isadora, die lebensmüde Ballerina, und Claire, die Tollkühne. Wir spiegeln das Dilemma zwischen Befreiung und der Sehnsucht nach Ordnung und Geborgenheit, zwischen Pioniergeist und Abenteuerlust und dem Bedürfnis nach Luxus und Sinnlichkeit. Uwe Czebulla ist der Tänzer der Nacht, der uns immer wieder an die Allgegenwart des Todes gemahnt, und als Anita Berber die morbide Faszination der süchtigen Selbstzerstörung darstellt. Tigris ist ein absoluter Ausnahmekünstler, der mit zwei Weltklasse Akrobatik-Acts zwei sehr populäre männliche Stereotype der Zwanziger Jahre darstellt: Den Matrosen als Sinnbild für Freiheit und Reisefieber, und den Verbrecherkönig als Sex-Symbol. Mr. Leu, der musikalische Direktor, spielt sich selbst als exzentrischen Showstar. Inspiriert wurde ich von unzähligen realen oder literarischen Persönlichkeiten der 1920er Jahre: von Irmgard Keun, Joseph Roth, Dorothy Parker, Isadora Duncan, Max Hansen, Otto Dix, Mascha Kaleko und vielen mehr.

Wie kamen Sie zur Bühne?
Nach meiner Ausbildung am Wiesbadener Konservatorium habe ich 1990 meinen Abschluss zur Opernsängerin gemacht. Seitdem bin ich als freischaffende Sängerin und Schauspielerin immer mit eigenen Programmen auf großen und kleinen Bühnen unterwegs. Mich interessiert dabei das ganze Bühnenwerk. Alleine einen Part in einer Oper zu singen, würde mich künstlerisch nicht erfüllen. Als ich Mr. Leu 1996 kennen und lieben lernte, war es uns ein Bedürfnis, nach Berlin zu gehen, um uns künstlerisch so richtig zu entfalten. Unsere Inspiration ist immer das echte Leben, unser Künstlerkollegen, Städte, Menschen und Musik.

Und wie fing es an, dass Sie, solche Shows konzipieren?
Das hat sich über viele Jahre entwickelt. 1996 habe ich mit meinem Bühnenpartner und Ehemann Mr. Leu als das Duo „Evi & das Tier“ angefangen. Dann kamen immer mehr Ideen hinzu. Es gab immer so viel, was wir auf der Bühne umsetzen wollten, und es gab auch immer die Nachfrage. Es war nie so geplant, aber inzwischen sind wir eine richtige Show-Company. Was uns einzigartig macht, ist, dass wir da als Künstler hineingewachsen sind und uns den Luxus leisten, nur das umzusetzen, was uns persönlich aus tiefster Künstlerseele antreibt.

Passt Hugo Ball auch in Ihre Show?
Hugo Ball und Dada spielen an so einigen Stellen eine Rolle. Zu Auszügen aus dem Dada-Manifest haben wir die dadaistische Musik „Zorbst“ komponiert. Zu Ehren von Hugo Ball hatten wir ja schon 2016 zu seinem 100. Geburtstag die Ehre, bei einer Veranstaltung in Pirmasens mitzuwirken. Er hat übrigens wie Mr. Leu am 22. Februar Geburtstag!

In welcher Erinnerung haben Sie Pirmasens?
An die Spielorte selber haben wir meist kaum Erinnerungen, weil wir meist schnurstracks ins Theater gehen, wo dann alles aufgebaut, eingerichtet und vorbereitet wird. An das Publikum aber schon. In Pirmasens ist es sehr offen, gleichzeitig aber auch ziemlich qualitätsbewusst. Nach der Show gab es viele Rückmeldungen und Gespräche. Das genießen wir sehr als Künstler. Wir freuen uns auch diesmal wieder, die Menschen aus dem Publikum im Foyer nach der Show auch noch persönlich zu treffen. Wir sind sehr gespannt, wie die Pirmasenser unser neues, bisher größtes Werk aufnehmen.

Infos

Die Revue „Glanz auf dem Vulkan“ ist heute ab 20 Uhr in der Pirmasenser Festhalle zu erleben. Es gibt noch Restkarten zu Preisen zwischen 20 und 30 Euro (inklusive Garderobengebühr) im Kulturamt, Telefon 06331/842352, E-Mail: kartenverkauf@pirmasens.de, sowie an der Abendkasse ab 19 Uhr.

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