Pirmasens Partnerstadt Poissy punktet mit architektonischem Highlight
Weiß. Groß. Eckig. Das sind die ersten Gedanken, die Besuchern in den Kopf schießen, wenn sie die Villa Savoye zum ersten Mal sehen. Das geschieht immer bewusst. Denn das Gebäude liegt etwas abseits der Straße, verborgen hinter großen Bäumen auf einer weiten Wiese. Trotz seiner Massivität wirkt der Bau elegant. Geradezu schwebend. Selbst architektonischen Laien wird auf Anhieb klar, dass hier ein Meister seines Fachs am Werk war.
Zeitlos modern
Der Eindruck täuscht nicht. Die Villa entstand im vorigen Jahrhundert, wirkt aber heute noch zeitlos modern. Auf einem offenen Grundstück ließen Pierre und Eugénie Savoye zwischen 1928 und 1931 eine Wochenendvilla bauen. Verantwortlich dafür war niemand Geringeres als die Architektur-Ikone Le Corbusier. Der als Charles-Édouard Jeanneret-Gris in der Schweiz geborene Architekt prägte das Bild des modernen Bauens wie kaum ein anderer. Sein Name steht für klare Formen und offene Grundrisse. Seine Bauten werden oft als Pendant des deutschen Bauhaus-Stils bezeichnet. Seine Betongebäude begründeten den Architekturstil des Brutalismus. 17 seiner Gebäude gehören in sieben Ländern zum Unesco-Welterbe. Eine davon ist die Villa Savoye. Le Corbusier starb 1965 in Frankreich.
Der Stararchitekt verwirklicht in Poissy gemeinsam mit seinem Vetter Pierre Jeanneret in der später nach ihren Erbauern benannten Villa die sogenannten fünf Punkte einer neuen Architektur: Stelzen, Gartendach, freier Grundriss, freie Fassade und Fenster mit Band. Das Gebäude wurde dabei bewusst so konzipiert, dass es sich auf natürliche Weise in die Umgebung einpasst. Gleichzeitig soll es eine Aussicht auf die umgebende Landschaft ermöglichen. Die Savoyen, die mit ihrem Sohn dort einzogen, nannten sie „Les Heures Claires“.
Nicht ganz dicht
Das Haus zog zwar von Anfang an große Aufmerksamkeit wegen seiner Architektur auf sich, allerdings merkte die Familie Savoye schnell, dass das Flachdach etliche undichte Stellen hatte. Weil das Gebäude wegen Bauschäden mehr oder weniger unbewohnbar war, kam es zu Streit zwischen Architekt und Bauherr. Letztlich verhindert wohl der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die juristische Auseinandersetzung zwischen Le Corbusier und der Familie Savoye.
Abriss drohte
Im Krieg selbst nutzten die deutschen Besatzer und später die Amerikaner das Gebäude. In den darauffolgenden Jahren verkam das einst so imposante Wochenendhaus. 1958 kam es daher zur Zwangsenteignung. Die Stadt Poissy wollte die Villa abreißen lassen und dort eine Schule errichten. Als die Pläne bekannt wurden, kam es zu massiven Protesten. 1962 übernahm daher der französische Staat die Villa Savoye und ließ sie wieder herrichten. Die eigentliche Renovierung dauerte zwölf Jahre: von 1985 bis 1997.
Rund 50.000 Besucher lockt das imposante Bauwerk jährlich an. Bei einem Rundgang können sie nicht nur die Wirkung von Architektur erleben, sondern auch so einiges über wohlsituierte Menschen lernen, die vor rund 100 Jahren lebten. Da gibt es beispielsweise zwei Eingänge: einen großen für die Herrschaften und einen kleinen für die Dienstboten. Natürlich befinden sich im Erdgeschoss zwei (kleine) Zimmer mit Waschbecken für die Dienstmädchen und eine (größere) Wohnung für den Chauffeur. Während die Besitzer des Wochenendhauses die zweite Etage bequem über eine beeindruckende Rampe erreichen konnten, stand für die Angestellten eine Treppe zur Verfügung. Die wiederum steht in Architektur und Imposanz der Rampe in keiner Weise nach. Le Corbusier hat in der Villa Savoye auch an Details gezeigt, warum er zurecht bis heute als ein großer Architekt gilt.
