Interview
Organisator Hans Heinen blickt zurück: 40 Jahre Gräfensteiner Theaterspiele
Herr Heinen, 40 Jahre Gräfensteiner Theaterspiele liegen hinter Ihnen. Würden Sie sagen, die Zeit ist gerast?
Über die Jahre hat sich jedenfalls sehr viel verändert. Wir hatten am Anfang ein völlig anderes Programm mit jeweils vier großen Theaterabenden, die immer mit TV-Prominenz besetzt waren. Da waren sehr anspruchsvolle Stücke dabei, etwa von Wolfgang Borchert, Friedrich Dürrenmatt und Henrik Ibsen. Stücke, die heute womöglich gar nicht mehr die gleiche Resonanz finden würden wie damals. Und so wurde das Programm umgestellt und ging dann mehr in Richtung Unterhaltung – allerdings nicht in Richtung seichte Unterhaltung.
Das heißt, Sie achten immer noch darauf, dass Sie ein gewisses Maß an Anspruch in den Programmen unterbringen – beziehungsweise darauf, dass etwas von dem ursprünglichen Konzept erhalten bleibt?
Ich würde schon sagen, dass unser Programm grundsätzlich anspruchsvoll ist. Es ist kritisch dank der vielen Kabarettveranstaltungen; aber auch die Boulevardkomödien haben Themen, mit denen es sich auseinanderzusetzen lohnt. Es geht immer um Konflikte beziehungsweise um Konfliktlösungen. Unterhaltung wird mit Tiefgang verbunden.
Was war denn eigentlich die Initialzündung für die Gräfensteiner Theaterspiele vor 40 Jahren?
Ich habe 1982 die ehrenamtliche Leitung der Volkshochschule in Rodalben übernommen und stand vor der Aufgabe, ein Programm zu erstellen. Da ging es um Sprachen, um Gesundheit, um Computerthemen. Das Programm sollte aber auch etwas Besonderes beinhalten: So kam mir die Idee, Theaterspiele anzubieten. Mir ging es dabei auch darum, einen weiteren kulturellen Schwerpunkt im Landkreis zu bilden. Denn Pirmasens hatte sein Programm, Dahn hatte sein Programm, und in Rodalben sollte mit den Theaterspielen, die dann den Namen Gräfensteiner Theaterspiele bekommen haben, ein weiterer Schwerpunkt im Landkreis gesetzt werden.
Unter den Künstlern, die in den vergangenen Jahrzehnten aufgetreten sind, waren ja immer wieder neue Gesichter. Wo informieren Sie sich über neue Künstler und Ensembles? Wie knüpfen Sie die Kontakte?
Ich habe mir meinen Weg suchen müssen. Zunächst mal habe ich ganz mühsam Tourneetheatergruppen aufgestöbert und dabei festgestellt, dass München in diesem Bereich ein Zentrum bildet. Zuerst – daran erinnere ich mich noch gut – habe ich beim Tourneetheater Die Scene angerufen und dem Ensemble mitgeteilt, dass wir es gerne in unserer Kleinstadt Rodalben auftreten lassen würden, dass wir aber den hohen Preis, den es ursprünglich gekostet hätte, nicht bezahlen können. Darauf haben sie sich tatsächlich eingelassen – und wir mussten nur die Hälfte bezahlen. Durch Nachforschungen habe ich Kontakte zu weiteren Theatern knüpfen können, beispielsweise zur Bühne 64 in Zürich und zur Berliner Komödie. So lief das ab, bis irgendwann Kataloge kamen, in denen man sich informieren konnte. Heute informiere ich mich hauptsächlich über das Internet. Und überhaupt: Über die Jahre hat sich einfach ein großes Netzwerk entwickelt.
Welche Erinnerungen an die Anfänge der Veranstaltungsreihe sind bei Ihnen hängengeblieben?
Die Anfänge waren enorm schwer. Die größte Sorge war das Geld. Es ging nicht anders, als Bettelgänge zu unternehmen – in Arztpraxen und Kanzleien zum Beispiel, also bei Leuten, von denen ich dachte, sie können vielleicht etwas entbehren. Trotz der Spenden waren am Ende Schulden da. Im Rathaus wurde mir gesagt, ich solle lieber Theaterfahrten nach Kaiserslautern anbieten. Aber darum ging es ja nicht: Der Stadt Rodalben sollte kulturelles Leben eingehaucht werden – darum ging es. Ich merkte allerdings auch: Wenn ich keine Schulden mache, gibt es keine Zuschüsse. Schließlich fanden mehrere Gespräche statt, und es gelang, dass die Stadt, die Verbandsgemeinde und der Landkreis Zuschüsse bezahlten. Von den genannten Zuschussgebern ist heute bloß noch die Verbandsgemeinde übrig. Als Spielort blieb uns nur die Halle der Mozartschule, die glücklicherweise gut ausgestattet war. Die Pläne, eine Stadthalle zu bauen, gab es zwar mal, doch zu dem Bau kam es nicht; aktuell sieht es ja wieder anders aus. Der erste Versuch war dann ein Gastspiel des Forumtheaters Wien: „Jedermann“. Am 1. November 1982 wurde dann das Kriminalstück „Der Hexer“ gespielt – als erstes Stück des offiziellen Programms.
Was war aus Ihrer Sicht der Höhepunkt unter all den Gastspielen?
In der Anfangszeit waren das sicher die beiden Auftritte von Hans-Joachim Kulenkampff. Außerdem waren Hans Korte, Elke Sommer und Horst Tappert, der Derrick-Darsteller, da. Jede Saison hatte ihre Höhepunkte mit prominenter Besetzung. Das geht bis heute. Dieses Jahr war zum Beispiel Christine Neubauer schon da.
Haben Sie irgendwann aufgehört zu zählen, wie vielen TV-Prominenten Sie schon die Hand geschüttelt haben?
Ja, das waren viele. Zu manchen haben sich auch schöne Beziehungen entwickelt – zu dem Schauspieler Dieter Henkel zum Beispiel. Er stammte aus Mannheim, lebte in München, und die Kontakte in die Pfalz waren ihm sehr wichtig. Wir haben uns öfter in München getroffen. Leider ist er inzwischen verstorben.
Würden Sie sagen, dass Corona bislang der größte Einschnitt in die Veranstaltungsreihe war?
Die Corona-Pandemie war der größte Einschnitt, weil das Programm für eineinhalb Jahre ganz ausgefallen ist – und dann erst wieder zaghaft begonnen hat, mit Veranstaltungen im Freien. Dazu muss man sagen, dass wir einsichtige Vertragspartner haben und uns währenddessen keine finanziellen Belastungen entstanden sind.
Wie finanzieren sich die Gräfensteiner Theaterspiele eigentlich insgesamt?
Durch Zuschüsse und Eintrittsgelder. Damit kommen wir in der Regel null auf null hin. Das Rote Kreuz kümmert sich um Garderobe und Bewirtung. Diese Einnahmen fließen in deren Kasse.
Müssen Sie Saalmiete für die Veranstaltungsorte zahlen?
Nein, die stehen uns kostenlos zur Verfügung.
Wie ist Ihr personeller Unterbau bei der Organisation der Veranstaltungen? Haben Sie viele ehrenamtliche Helfer?
Die meiste Arbeit bleibt an mir hängen. Zur Seite steht mir Norbert Bäumle, der Geschäftsführer der Volkshochschule, der sich um die Organisation in den Räumen kümmert, also etwa dafür sorgt, dass bestuhlt wird und dass der Techniker kommt. Außerdem rechnet er mit den Künstlern und Ensembles ab. Die Unterstützung durch die Kommune ist schon da, weil der Bauhof die Stühle stellt und die Kronleuchter aufhängt. In der Halle der Mozartschule kümmert sich der Bauhof der Verbandsgemeinde darum, im Dr.-Lederer-Haus der städtische.
Wie ist die Altersstruktur unter den Besuchern? Kommen auch einige junge Leute zu den Gastspielen?
Das Publikum ist in der Regel 50 plus – mit Ausnahmen natürlich. Es kommt allerdings auf die Vorstellung an. Wenn nächste Saison Chako Habekost kommt, sitzen sicherlich auch jüngere Leute im Publikum.
Reicht das Einzugsgebiet der Besucher über die Südwestpfalz hinaus?
Auf jeden Fall. Es kommen viele Leute von außerhalb zu uns – insbesondere dann, wenn jemand Prominentes kommt. Als Christine Neubauer hier war, waren nicht nur Leute aus Kaiserslautern da, auch aus Karlsruhe, Landau, Saarbrücken und Mainz. Leute, die in der Nähe privat zu Besuch sind oder an Veranstaltungen teilnehmen, kommen auch manchmal zu uns, neulich zum Beispiel eine Gruppe aus Augsburg.
Wie geht’s denn jetzt weiter? Wo sehen Sie die Gräfensteiner Theaterspiele in zehn Jahren?
Ich hoffe, dass es sie noch gibt. Sie stehen der Stadt und der Verbandsgemeinde gut an und sind für die Region insgesamt ein zusätzliches Angebot. Touristisch könnten die Theaterspiele noch besser vermarktet werden, zum Beispiel könnten Flyer ausliegen, wenn sich hier jemand ein Zimmer nimmt. Grundsätzlich bin ich schon damit beschäftigt, meine Nachfolge zu regeln, habe auch gewisse Personen im Blick. Bis Ende der Spielzeit 2023/2024 bin ich aber noch voll dabei, danach braucht es ein neues Führungsteam. Nachdem ich die ehrenamtliche Leitung der Rodalber Volkshochschule abgegeben habe, stellt sich nun ohnehin die Frage der Anbindung der Gräfensteiner Theaterspiele. Und ich hoffe, dass sie an die Kommune angebunden werden. Es sind schon Gespräche mit der Stadt im Gange, in denen es darum geht, die Theaterspiele auf eine zukunftssichere Basis zu stellen.
Zur Person: Hans Heinen
Hans Heinen wurde 1949 in Rodalben geboren und wohnt dort auch heute noch. Als Lehrer unterrichtete er am Schulzentrum in Dahn die Fächer Deutsch und Geschichte. 1982 übernahm er die ehrenamtliche Leitung der Rodalber Volkshochschule und legte den Grundstein für die Gräfensteiner Theaterspiele, für die er bis heute verantwortlich zeichnet. Seit 1968 schreibt er für die RHEINPFALZ. Der ehemalige Leiter der Pirmasenser Lokalredaktion, Peter Rojan, verlieh ihm den Namen „Rodalben-Korrespondent“.