Pirmasens Musik digital: Ja und nein

Musiker sind Menschen, die versuchen, unschuldigen Luftmolekülen ihren Willen aufzuzwingen. Dazu ist ihnen beinahe jedes Mittel recht, selbst digitale Technik, die das analoge stufenlose, kontinuierliche Klangereignis in eine endlose Reihe von digitalen Einsen und Nullen, Jas und Neins zerlegt. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte, denn digitale Technik hat das Musizieren selbst, den Umgang mit Musik, ihre Speicherung, ihren Vertrieb und sogar die Art zu proben maßgeblich verändert.
Kaum eine Band, kaum ein Solokünstler könnte sich unter den üblichen Bedingungen ohne entsprechende Verstärkeranlage mit Mikrofonen, Kabeln, Mischpulten, Verstärkern und Lautsprechern überhaupt hörbar machen, gleichgültig ob mit analoger oder digitaler Technik. Die elektroakustische Verstärkung ist sozusagen Standard und keineswegs Ausdruck mangelnden Spielvermögens. Auch „unplugged“ bedurfte einer Steckdose. Immerhin gibt es aber auch heute noch ein nahezu gleichberechtigtes Neben- und Miteinander von akustisch erzeugter Musik, analoger und digitaler Technik und trotz digitaler Stimmgeräte ist die Stimmgabel immer noch in Gebrauch. Viele Rock-Gitarristen zum Beispiel ziehen analoge Effektgeräte wie Verzerrer, Hall oder Chorus und gar Verstärker mit Röhrentechnik den digitalen Varianten vor. Andererseits lässt sich mit der digitalen, sogenannten Imaging-Technik ein bestimmtes analoges Verstärkermodell nachbilden. Spezialisierte Effektgeräte simulieren gar das Klangbild hochwertiger Akustikgitarren, so dass auch einem preiswerten Modell zu edlem Klang verholfen werden kann. Selbst bei ausgewiesenen Elektro-Pop-Bands wie „Glasperlenspiel“ gibt es nach wie vor ein Nebeneinander von digitalen und analogen Synthesizern, Sequenzern, Schlagzeug-Computern, E-Bass, E-Gitarre und konventionellem Schlagzeug. Mischpulte gibt es nach wie vor in analoger wie digitaler Ausführung, oft mit einer digitalen Schnittstelle zu einem Computer, auf dem die Signale aufgezeichnet und bearbeitet werden können. So ist etwa für die Pirmasenser Session „Parksong“ nach wie vor ein analoges Mischpult – freilich mit digitaler Effekteinheit – im Einsatz. Die Musik beim Pirmasenser Kimmle-Festival am 9. Mai im Städtischen Stadion auf der Husterhöhe wurde mit einem aufwendigen digitalen Mischpult abgemischt, das sich sogar über ein gängiges Tablet standortunabhängig bedienen ließe. Der „Song für Pirmasens“ wurde beispielsweise auf die Computerfestplatte aufgenommen und nicht auf ein Mehrspurtonbandgerät, allein schon aus wirtschaftlichen Gründen. Und Herwig Meyszner von „Headcrash“ hat die aktuellen Songs seiner Band in einem winzigen Studio unterm Dach in den Computer eingespielt, bearbeitet und gemischt. Aber selbst Partituren werden heute häufig mit Notensatz-Programmen erstellt, sehr spezialisierte Verwandte gängiger Satz-Programme. Christof Heringer zum Beispiel hat zwar die Stücke für sein „Pirmasenser Klavierbüchlein“ zunächst noch konventionell von Hand auf Notenpapier geschrieben, dann aber die Partituren am Computer gesetzt und ins PDF-Format übertragen, so dass sie über das Internet downloadbar sind. Wie in allen anderen Branchen auch bringt digitale Technik wirtschaftliche Vorteile, die Geräte sind oft – aber beileibe nicht immer – kleiner, leichter, vielseitiger und günstiger als ihre analogen Pendants. Aber die digitale Technik fordert auch ihren Tribut: „Ein Musiker von heute muss viel mehr von der Technik verstehen, als das noch vor ein paar Jahren mit der analogen Technik der Fall war“, sagt der Pirmasenser Musiker Michael Bixler („Bixi Chicks“), der als Projektleiter bei der renommierten Leipziger Piano-Fabrik Blüthner für die komplette elektronische, also digitale, Produktlinie verantwortlich ist. Wenn man nicht gerade Elton John, Billy Joel oder Bob Dylan heißt, wird wohl kaum ein Rockpianist aus nachvollziehbaren Gründen mit einem echten Piano oder gar Flügel auf die Bühne gehen können. Trotzdem wünscht er sich erstklassige Piano-Sounds. Bixler erläutert, wie der zustande kommt: Jeder einzelne Ton der 88 Klaviertasten wird in vier Lautstärkestufen gesampelt, also digital aufgenommen. Mit bestimmten Algorithmen, also Rechenvorschriften, für die Bixler unter anderem mit dem Leipziger Max-Planck-Institut zusammenarbeitet, werden die über 1500 Samples zusammengeführt. „Ausschlaggebend ist aber am Ende das Ohr des Musikers“, sagt Bixler, der den so entstandenen Klängen dann hier in Pirmasens am Computer den letzten Schliff gibt. Auch hier hat die Klangqualität in den letzten 20 Jahren dank phänomenal gestiegener Rechenleistung beträchtliche Fortschritte gemacht. Ein hochwertiges digitales Piano kommt – bei Verstärkung über Saallautsprecher – dem akustischen Original schon sehr nahe. Zu einem wahrhaftigen Kreativ-Instrument ist die sogenannte Loop-Machine herangereift, mit der entsprechend versierte Musiker, oft Solisten, Schicht um Schicht ganze Begleitarrangements live aufzeichnen können und darüber solieren. Die digitale Aufzeichnungstechnik, vor allem aber auch der datenkomprimierte MP3-Standard, haben auf Umwegen bedeutende Auswirkungen gehabt. Digital aufgezeichnete Musik lässt sich leicht über das Internet verschicken, mit all den folgenreichen wirtschaftlichen Auswirkungen für die gesamte Musikbranche. Andererseits ist eine musikalische Idee ratzfatz auf ein gängiges Smart-Phone aufgezeichnet und kann dann an die Bandkollegen zur weiteren Bearbeitung übers Netz verschickt werden. Im Gegensatz zur früher üblichen Methode, die Musik auf Tonbandkassetten herum zu schicken, ist das müheloser und ohne Verluste in der Klangqualität bei mehrfachem Kopieren möglich. Aber gleichgültig, ob die Musik mit analogen oder digitalen Mitteln erzeugt oder bearbeitet wurde: Am Ende müssen wieder unschuldige Luftmoleküle in Schwingung versetzt werden: analog.