Thaleischweiler
Monika Geier: „Die Krise ist eine Chance für Veränderungen“
Monika Geier hat gerade ein Hörspiel realisiert, bei dem es um Kornkreise, Antijagdaktivisten und Naturliebhaber geht. Und sterben tut natürlich auch jemand. Nun schreibt sie wieder an einem Buch – einem echten Bettina-Boll-Kriminalroman.
Inspiriert Sie die Corona-Krise als Schriftstellerin?
Als Schriftstellerin kann ich sagen: Mein Alltag ist genau wie vorher. Ich sitze zuhause und schreibe. Aber diese Krankheit ist mit ihren Auswirkungen natürlich erschreckend und erstaunlich. Ich bin sehr neugierig, was danach passiert.
Was vermuten Sie?
Das kann ich nicht sagen. Wir haben hier zuhause – ich lebe ja mit meinen drei Söhnen zusammen – einen Prognosenzettel. Jeder darf draufschreiben, was er meint. Von den Kindern stehen da allerdings hauptsächlich lustige Sachen drauf. Ich selbst habe, ehrlich gesagt, noch gar nichts draufgeschrieben. Ich bin einfach nur gespannt.
Denken Sie, dass die Corona-Krise romantauglich ist?
Na ja, die Menschen bleiben ja immer dieselben. Aber die momentane Lage ist wie eine Lupe. Jeder reagiert eigentlich genau wie immer – nur hoch dosiert. Die Persönlichkeiten kommen stärker zum Vorschein. Außerdem ist es aufschlussreich, wie Personen auf eine Zwangssituation reagieren. Für eine Schriftstellerin ist das natürlich interessant.
Schreiben Sie an einem neuen Bettina-Boll-Roman?
Ja, wieder. Und ich habe gerade ein Hörspiel veröffentlicht. „Kornkreise“ heißt es. Das war eine schöne Erfahrung. Wenn ich noch einmal die Gelegenheit bekomme, ein Hörspiel zu machen, werde ich das sicher wieder tun, weil ich glaube, dass es mir sehr liegt. Reines Dialogschreiben finde ich toll. Ich hatte auch sofort das Gefühl, dass die Geschichte rund geworden ist. Hat wirklich sehr viel Spaß gemacht.
Dann könnten Sie im Grunde auch das Drehbuch für Ihren eigenen Krimi schreiben.
Das würde ich sehr gerne tun, wenn sich auch jemand dazu bereit erklären würde, diesen Film zu finanzieren. Eine sehr engagierte Regisseurin wollte den Film unbedingt drehen und brannte regelrecht dafür. Sie hat ihre Option dafür mehrfach verlängert und versucht nach wie vor, den Stoff zu vermarkten. Erfolg bei den Geldgebern hatte sie bisher allerdings noch nicht.
Zurück zu Ihrem Hörspiel: Um was geht es da?
Um Kornkreise, also um diese Kreise, die in Felder reingedrückt werden. Wir kennen da menschengemachte und, na ja, eben nicht von Menschen gemachte. Manche behaupten, da wären Aliens am Werk. Nein. Es gibt tatsächlich drei Arten: Kornkreise von Rehen in der Brunft, welche von Eso-Spinnern und Witzbolden, und dann die von Jägern, falls die illegale Wildfütterung betreiben. Im Hörspiel kommen dazu noch Antijagdaktivisten. Die wollen bei schönem Wetter und Vollmond das mit den Kornkreisen mal selbst ausprobieren. Allerdings stirbt dann einer – mitten im Kornkreis.
Hat es Sie getroffen, dass in diesem Jahr die Buchmesse abgesagt wurde?
Es sind auch Lesungen ausgefallen. Der Verdienstausfall ist natürlich blöd – und auch dass ich viele Menschen nicht getroffen habe. Gut ist das nicht, dass die Messe nicht stattgefunden hat.
Vermarkten sich Ihre Bücher in der Corona-Krise noch besser, weil die Leute durch die Ausgangsbeschränkungen mehr Zeit haben zum Lesen?
Das höre ich vom Verlag dann in einem halben Jahr. Nachfragen will ich gerade nicht, das müssten die nachrechnen, aber die haben jetzt andere Probleme, unter anderem weil Druckereien nicht mehr Vollzeit arbeiten. Momentan steht alles irgendwie still. Ich weiß von anderen Verlagen, dass dort die Neuerscheinungen verspätet rauskommen.
Was gehen Sie als nächstes an?
Meinen nächsten Roman fertigzuschreiben. Das wird wieder ein Bettina-Boll-Krimi, bei dem es um Menschen geht, die mit der Kirche zu tun haben. Da bin ich gerade am Anfang in Richtung Mitte, und es fängt es an, Spaß zu machen. Das Thema ist interessant.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Corona-Krise diesen Krimi gar nicht berührt.
Ein guter Krimi zeigt uns strukturelles Versagen und wunde Punkte der Gesellschaft. Nach demselben Prinzip, nur ungleich stärker beweist uns die Krise, dass die Welt sich nicht nur verändern sollte – sondern dass sie es manchmal ganz von allein tut. In dieser Situation rutschen asoziale Strukturen wie der Turbokapitalismus plötzlich total ins Schlaglicht. Das könnte eine Chance zur Veränderung sein und das wäre sozusagen der positive Krimi-Effekt: Dass wir in der Zuspitzung der Situation endlich mal erkennen, wo wir überhaupt hinwollen mit dieser Welt. Andererseits erzeugt die Krise auch Angst. Das ist eine große Gefahr, weil Angst kurzsichtig macht und uns Freiheiten aufgeben lässt. In diesem Moment ist vielleicht das Interessanteste, in welche Richtung sich unsere Werte verschieben werden. Wenn sie es denn tun.
Infos
- Das Hörspiel von Monika Geier:
„Kornkreise“ (hr/SWR 2020). Hörspiel von Monika Geier. In der Reihe „Feminist Gangsta“. Regie: Martin Heindel. Als Podcast auf hr2: https://www.hr2.de/programm/hoerspiel/hoerspiel--kornkreise,
epg-hoerspiel-476.html.
- Romane von Monika Geier:
„Neapel sehen“ (ISBN 978-3-88619-866-5). Elf Euro.
„Die Herzen aller Mädchen“ (ISBN 978-3-86745-184-8). Elf Euro.
„Müllers Morde“ (ISBN 978-3-86745-200-5). Elf Euro.
„Die Hex ist tot“ (ISBN 978-3-86754-216-6). zwölf Euro.
Zur Person: Monika Geier
Monika Geier, Jahrgang 1970, lebt in Thaleischweiler-Fröschen. Sie studierte Architektur in Kaiserslautern und hat drei Söhne. Für ihr literarisches Debüt „Wie könnt ihr schlafen“ erhielt sie 1999 den „Marlowe“, den Krimipreis der Raymond-Chandler-Gesellschaft. Mit ihrem aktuellen Buch „Alles so hell da vorne“ führte sie vor zwei Jahren die Bestenliste des Senders Deutschlandfunk Kultur an. Seitdem ist sie in der ganzen Republik bekannt. Inzwischen sind acht Kriminalromane von Monika Geier erschienen, in denen ihre Hauptkommissarin Bettina Boll ermittelt. Das Besondere: Die Autorin erzählt nicht nur Geschichten, in ihrer Literatur beschreibt sie auch Sitten und Gewohnheiten der Menschen drumherum. Mit ihren Helden ist sie während des Schreibens in stetem Dialog, denn ihre Figuren wollen nicht ungefragt sein, wenn es darum geht, wie die Geschichte endet. So zwingen sie die Autorin auch schon mal, einen festgelegten Plot zu ändern. Außerdem hat Monika Geier eine feministische Vereinigung namens „Herland“ mitgegründet. (Näheres: https://herlandnews.com). Benannt ist diese nach dem gleichnamigen utopistischen Roman von Charlotte Perkins Gilman aus dem Jahr 1915. „Darin wird eine Gesellschaft beschrieben, in der nur dicke, glückliche Frauen leben“, erklärt Geier.