Pirmasens „Mit Nairobi den Wahnsinn der Welt erzählen“

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Die Welt, die das Hope-Theatre Nairobi am Freitagabend vor rund hundert Zuschauern in bunten Bildern auf die Bühne der Halle in der Rodalber Mozartschule zeichnete, beschrieb ein Leben mit Hunger, Dreck und Verzweiflung einerseits, aber auch Heiterkeit und Lebensfreude auf der anderen Seite. Afrika bekam in diesen Szenen ein Gesicht, ganz nah an der Wirklichkeit.

„Mit Nairobi kann man den ganzen Wahnsinn der Welt erzählen“, sagt Stephan Bruckmeier, der die „Fair Trade Show“ entwickelt hat. Genau dieses Anliegen setzt er um, Collagen ähnlich, in aneinandergereihten Szenen aus Dialogen und Monologen, Tanz und Gesang. Manche Beiträge der zehn jungen Akteure machen betroffen. Dies gilt für den Monolog über den Hunger, der mit der Anrede „Lieber Herr Finanzminister“ das Stilmittel „Pars pro Toto“ verwendet. Ein Teil steht für das Ganze, in diesem Fall steht der Finanzminister für Europa. „Hunger ist kein Delikt, es ist ein schmerzhafter Zustand“, referiert die Schauspielerin. Was sie damit meint, lässt sie die Zuschauer in plastischen Bildern erleben. Auch ein Interview mit einem jungen Mann geht unter die Haut. Er ist tatsächlich Bootsflüchtling gewesen und hat mit Glück überlebt. Später heißt es in einem satirischen Lied: „Während ihr Leben vernichtet, müssen wir uns auf die Flucht begeben, um es zu erhalten.“ Merkwürdig mutet die Szene mit Maria an, die nicht mehr Jungfrau sein will und „die Beine spreizt, um Leben zu gebären“. In dieser krassen Form mag die Darstellung religiöse Empfindlichkeiten treffen, wenngleich sie als Metapher zu verstehen ist. Sie bringt zum Ausdruck, dass für die jungen Schauspieler aus Kenias Hauptstadt christliches Denken und Handeln für das Leben steht. Die Angst begleitet die Menschen in Nairobis Slums tagtäglich. So wird im Vortrag geschildert, wie der nächtliche Gang zur Toilette wegen der Straßenbanden zum riskanten Abenteuer wird. Die Gesundheit ist durch Dreck, Armut und gedankenlose Vermüllung ständig gefährdet. Eine Akteurin schildert Eindrücke vom Leben in den Slums, wo bei starkem Regen der Inhalt der Latrinen durch die Hütten rinnt. Eine Gruppe einkaufender Frauen spricht eine andere Frau an, die eine Einkaufstüte aus Plastik benutzt. Es entwickelt sich ein heftiger Dialog, denn Plastikmüll wird auf Müllhalden abgeladen, Schwermetalle und Gifte gelangen so in den Lebenskreislauf. Aber die Bruckmeiersche Revue prangert nicht nur an, sie bezieht das Gute ein. In kleinen Szenen taucht der faire Handel auf, mithilfe dessen man etwas mehr Gerechtigkeit in der Wirtschaft erreichen will. Fairness, so zeigt es eine Szene mit Publikumsbeteiligung, beginnt im Alltag im Umgang mit anderen. Schon das Teilen einer Tafel Schokolade kann der Anfang einer Freundschaft sein, zeigen die Schauspieler. Eine wichtige Rolle in dieser Revue spielen die vielen Tanz- und Gesangseinlagen. Sie zeigen ein anderes Bild von Afrika, abseits von Hunger und Slums – ein Afrika, das das Leben feiert. Musik erklingt an allen Ecken und Enden, Tanz und Gesang gehören dazu, im Bus wird Partymusik gespielt. Der aus Stuttgart stammende Bruckmeier hat diese Revue zusammengestellt, sie mit Schauspielern aus den Slums Nairobis vor Ort eingeübt und eine fünfmonatige Tournee durch Deutschland und Österreich organisiert (wir berichteten am 12. April). Bevor Bruckmeier sein Herz für Afrika entdeckte, war das Volkstheater in Wien sein Stammhaus. Regie führt er immer noch an Theatern in Stuttgart und bei den Burgfestspielen in Jagsthausen. Die „Fair Trade Show“ des Hope-Theatre Nairobi klagt nicht an, und sie hebt nicht den moralischen Zeigefinger. Sie setzt sich auf unterhaltsame Weise mit dem Beziehungsgeflecht zwischen Afrika und Europa auseinander, und sie zeigt die Verschiedenheit des Kontinents. „Über Afrika spricht man am besten in Afrika“, kommentiert ein Darsteller zum Schluss.

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