Pirmasens
Mendelssohns musikalische Eskapaden in die Westpfalz
Das Konzert des Oratorienchors Pirmasens unter Leitung von Christoph Haßler beim Festivals Euroclassic am Sonntagabend in der Festhalle Pirmasens trug den Titel „180 Jahre Felix Mendelssohn Bartholdy in der Pfalz“. Unterstützt wurde der Oratorienchor durch den Frauenkammerchor Ex-semble, die Kammerphilharmonie Karlsruhe, Bariton Klaus Mertens und Pianist Julian Haßler. Durch das Programm führte Rainer Furch.
Kenntnisreich und mit zahllosen Anekdoten erzählte der Schauspieler aus Kaiserslautern über das denkwürdige Musikfest, für das die Zweibrücker damals über sich hinauswuchsen.
Erregte Streicher
Zunächst stimmten der Oratorienchor Pirmasens und die Kammerphilharmonie Karlsruhe die 580 Besucher in der Festhalle mit der Ouvertüre und dem Chor aus dem Oratorium „Paulus“ nach Worten der Bibel op. 36 auf die Klangwelt von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) ein. Die feierlich-ruhigen, in sich ausgewogenen Klänge entfalteten sich voll sicherer Kraft in einem nuancenreich ausdifferenzierten Prozess, ebenso wie spannungsreiche Entwicklungen, deren farbige Ausschattierungen die Kammerphilharmonie Karlsruhe gut zur Geltung brachte. Eine packende Dramatik mit erregten Streichern und fanalartigen dunklen Bassmotiven mündete in einen sieghaften Choral. Das Gotteslob „Herr, du bist der rechte Gott“ setzte mit ruhiger Kraft über einer bewegten Orchesterbegleitung ein, dann entfaltete sich ein plastischer Stimmfächer.
In der Strophenballade „O Täler weit, o Höhen“ op. 59 Nr. 3 traf der Oratorienchor durch ein ausgewogenes Klangbild mit plastischen Konturen und klarer Stimmführung genau den Stil der Romantik.
Schwebende Stimmen
Zart-verhaltene Klänge von höchster Transparenz zeichneten die Interpretationen des Frauenkammerchors aus. Unirdische Entrücktheit klang nicht nur aus dem Terzett „Hebe deine Augen auf“ aus Mendelssohns Oratorium „Elias“, sondern auch aus dem Chor „Denn er hat seinen Engeln befohlen“. Ätherisch schwebende Stimmen voll tiefster Empfindung entfalteten voll ruhiger Zuversicht in diesem berührenden A-cappella-Gesang ein subtil aufgefächertes transparentes Klanggeflecht, der Chor vollzog in seinem Klangkörper feinste Ausdrucksschattierungen wie ein Alter Ego der Musik nach.
Aber auch humorvolle Momente hatten ihren Platz in diesem facettenreichen Programm. Die Kammerphilharmonie Karlsruhe erinnerte mit „Ein musikalischer Spaß“ von Mozart (1756-1791) daran, dass Mendelssohn bei seinem Gastspiel beim Pfälzischen Musikfest in Zweibrücken anno 1844 viele falsche Noten ertragen musste, bis er die willigen, jedoch mittelmäßigen Sänger und Musiker zu künstlerischen Leistungen gebracht hatte – eine Pflicht, die ihm laut seiner Briefkorrespondenz der gute Pfälzer Wein sehr erleichterte.
Schräge Töne
Der Kammerphilharmonie Karlsruhe bereitete es ein unüberhörbares Vergnügen, das manchmal zart-huschende, manchmal flott-beschwingte Thema mit seinen lautmalerischen Akzenten in überraschend schrägen Tönen ausklingen zu lassen. „Mendelssohn bekam während seiner Proben für das Pfälzische Musikfest damals die falschen Noten gratis, er musste sie nicht wie Mozart komponieren“, kommentierte Rainer Furch mit einem spitzbübischen Zwinkern.
Im Verlauf des Konzertes erzählte er auch, dass Mendelssohn bei seiner Reise nach Zweibrücken auch einen Abstecher nach Pirmasens machte, wo er Gast des Landrats war und sich bei diesem für den herzlichen Empfang mit einer Komposition für Klavier zu vier Händen für seine beiden musikliebenden Töchter bedankte.
Terzett der Schwester
In dem Konzert kam auch Mendelssohns Schwester, die Pianistin und Komponistin Fanny Hensel (1805-1847) zu gehört mit dem Terzett „Wandl' ich in dem Wald des Abends“, den der Frauenkammerchor Ex-semble mit berührendem Ausdruck und tiefer Innigkeit und Klangschönheit gestaltete.
Mendelssohn war nicht nur für seine Oratorien berühmt, sondern auch als Liedkomponist. „Auf den Flügeln des Gesanges“ op. 84 Nr. interpretierten Bariton Klaus Mertens und Pianist Julian Haßler als eine versonnene romantische Ballade, in der sich der Sänger immer tiefer in einen „seligen Traum“ verlor.
Ausklang mit Pfalzhymne
Der junge Pianist überzeugte solistisch mit seiner Gestaltung von zwei Kinderstücken op. 72 Nr. 2 und 6. Sein ruhig perlendes Spiel belebten nuancenreiche Ausdrucksschattierungen ebenso wie subtile Steigerungs- und Entwicklungsprozesse. Eine munter-verspielte Weise drängte dann zu einem neckisch-leichten Ausklang.
Die Nationalhymne der Pfälzer, den „Jäger aus Kurpfalz“, stimmte Moderator Rainer Furch noch zusammen mit dem Publikum an, bevor der Oratorienchor Pirmasens sein Konzert mit „Die erste Walpurgisnacht“ op. 60 von Mendelssohn stimmungsvoll ausklingen ließ.