Pirmasens Meister Malsch legt Kamm und Schere ab

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Schnipp-schnapp. Am vorigen Samstag war das Geräusch zum letzten Mal im Friseurladen von Meister Gerhard Malsch zu hören: Dann legte der 65-jährige Pirmasenser Schere und Kamm aus der Hand. „So, jetzt ist der Bart ab“, sagte er mehr zu sich selbst als zu seiner nebenan arbeitenden Partnerin Ria Wendel. 50 Jahre und fünf Monate machte Malsch den Pirmasensern die Haare. Jetzt ist Schluss. Er geht in Rente.

Mehr als 11.000 Arbeitstage hat Malsch hinter sich gebracht, stets in ein und demselben Raum gearbeitet, stets mit Kamm und Schere in der Hand immer wieder die Haare gekürzt. „Ich war kein Maschinenfriseur“, bekennt sich Malsch ausdrücklich zum Handwerk. Als Malsch noch ein kleiner Schuljunge war, hatte sein „Onkel“ Werner Abel, wie der kinderlose beste Freund der Familie Malsch liebevoll genannt worden war, gesagt: „Du wirst mal mein Nachfolger“. Daher sei ihm der Beruf des Friseurs „quasi in die Wiege gelegt worden“, blickt Malsch zurück. Und tatsächlich begann er mit 15 Jahren eine Lehre im Friseurladen seines „Onkels“ in der Dankelsbachstraße. „Ich war der Stift. So hießen früher die Auszubildenden“, erzählt Malsch. In den 60er Jahren, zur Hochzeit der Schuhindustrie, herrschte insbesondere nach 16, 17 Uhr, wenn Feierabend in den Fabriken war, ein großer Andrang im Friseurladen Abel. Und da die Kunden sich ihre Wartezeit verkürzen wollten, gingen sie über die Straße in die Wirtschaft von Josef Bahner. „Dann musste ich eben auf Geheiß meines ,Onkels’ die Kunden holen gehen, wenn sie an der Reihe waren. Das war gar nicht einfach, denn meist hieß es dann: Bub setz dich hin, trink ’ne Cola, wir machen die Kartenpartie noch zu Ende“, erinnert sich Malsch an alte Zeiten, „als die Leute noch Zeit hatten“. Bevor Malsch die Stoppeln seiner Kunden rasieren durfte, „habe ich etliche Luftballons rasiert, ohne dass diese platzen durften. Nur einmal, als ich das Messer zu steil angesetzt hatte, platzte so ein Ding und die Seife spritzte durch den Laden.“ In den späten 60ern und 70ern gab es auf den Stühlen im Friseursalon meist nur ein Gesprächsthema: den FK Pirmasens. Chef Werner Abel war heißer FKP-Fan und nicht nur FKP-Präsident Gustav Käfer, sondern sehr viele FKP-Funktionäre und FKP-Fans – „und das waren fast alle“ – fanden sich in dem Kommunikationszentrum, in dem auch Haare geschnitten wurden, zusammen. „Manchmal fuhr ich meinen Onkel, der kein Auto hatte, zu den Auswärtsspielen nach Ludwigshafen oder Saarbrücken. Dann wurde auch samstags früher Feierabend gemacht“, erzählt Malsch. 1977 legte Malsch in Weiden in der Oberpfalz seine Meisterprüfung ab. 1984 übernahm er den Laden. „Mir war klar, dass ich keine Reichtümer verdienen konnte“, aber es war einfach ein Herzenswunsch, so Malsch. Anfangs hatte er noch bis zu drei Angestellte. „Doch dann stellte ich fest, dass das Finanzamt mir so viel abzieht, dass ich mit viel weniger Risiko bei weniger Aufwand das Gleiche verdienen kann“, sagt Malsch. Fortan arbeitete er alleine, nutzte nur noch den mittleren der drei Stühle, wobei im direkt angrenzenden zweiten Raum seine Partnerin Ria Wendel einen Damensalon (seit 1984) betrieb. „Ich habe das Heimische gesucht“, erzählt Malsch, der kein Freund von Umwälzungen war, sich kaum einem Trend anschloss. Er haben einen Herren-Friseurladen mit „99 Prozent Stammkunden“ geführt. „Und ich habe tausende Geschichten gehört“, erzählt Malsch. „Ob Streitigkeiten, Beziehungskisten oder berufliche Probleme: Mir haben sie alles erzählt, weil sie auch wussten, dass ich nichts weitererzähle“, so Malsch, der zuweilen mehr ein nebenher Haare schneidender Psychologe gewesen sei. Insbesondere dann, wenn „wie beispielsweise bei Keck, bei Helmitin oder den Amis Stellenabbau angesagt war, waren diese Themen allgegenwärtig.“ Das Attentat am 11. September 2001 in den USA habe ihn so sehr mitgenommen, „dass ich an diesem Tag sogar das Haareschneiden vergessen hatte“, erinnert sich Malsch. „Ich war ansonsten immer topaktuell informiert, was in Pirmasens passiert“, sagt Malsch. Es mag auch an seiner ausgeglichenen, gelassenen Art gelegen haben, dass er nie ernsthaft krank gewesen ist. „Das war das Wichtigste überhaupt“, weiß der Rentner zu schätzen. Mit Tennis und Radfahren hielt er sich fit, zweimal im Jahr – „im Mai an der Nordsee in den Niederlanden und im September meist in Spanien“ – gönnte er sich je zwei Wochen Urlaub. Noch fühle er sich nicht wie ein Rentner, eher wie in einem verlängerten Wochenende, erzählte er. Doch wenn er jetzt in Urlaub fahre (Mallorca) und die letzten Urlaubstage anbrechen, werde er wohl doch denken: Am Dienstag stehen sie alle wieder Schlange im Geschäft – obwohl es nicht mehr so sein wird. In der jungen Friseurmeisterin Kathrin Kunzmann hat Malsch eine Nachfolgerin gefunden. Ende September/Anfang Oktober werde sie nach Renovierung den Laden wieder eröffnen.

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