Auf Olympia-Kurs RHEINPFALZ Plus Artikel Leichtathletik: Stabhochsprung-Profi Raphael Holzdeppe ist extrem entstresst

Acht bis neun Wettkämpfe peilen Raphael Holzdeppe (links) und sein Trainer Andrei Tivontchik im Sommer in Vorbereitung auf Olymp
Acht bis neun Wettkämpfe peilen Raphael Holzdeppe (links) und sein Trainer Andrei Tivontchik im Sommer in Vorbereitung auf Olympia an. Dafür haben sie im Winter schwer geschuftet – diesmal aber entspannter.

Wenn es in Sachen Coronavirus bald eine Wende zum Guten gibt, tritt Raphael Holzdeppe zum vierten Mal bei Olympischen Spielen an. Seit 2018 verzichtet der 30-jährige Stabhochsprung-Profi auf raffinierten Zucker, in diesem Winter erstmals bewusst auf eine Hallensaison. Anfang Mai will der Südwestpfälzer wieder in Freiluft-Wettkämpfe einsteigen.

Raphael Holzdeppe und Andrei Tivontchik sind fast am Ende ihrer vormittäglichen Trainingszeit angelangt. Zum Abschluss will der 30-jährige Stabhochspringer jetzt an die Reckstange. Die ist aber noch besetzt von einer Turnklasse des Hofenfels-Gymnasiums mit ihrer Lehrerin Renate Felten. Also dann doch ans dicke Tau.

Nur kurz die Bluetooth-Musikbox umgestellt, aus der leise Musik dringt, dann nimmt Holzdeppe ohne Schuhe – ganz in schwarze Sportklamotten gekleidet wie sein Trainer – Anlauf, springt an das Tau und bringt sich durch schnelles Aufrollen in die senkrechte i-Stellung (mit Kopf nach unten), die er auch beim Springen mit dem Stab braucht. Nur dass das Tau hier keine Energie zurückgibt. Einmal, zweimal, dreimal ... sechsmal. Andrei Tivontchik steht daneben und schaut zu. Falls er Korrekturen gibt, sind sie kaum zu erahnen.

Auf Hallensaison verzichtet

Das war am Mittwoch, am vergangenen Samstag ging’s ins 14-tägige Trainingslager nach Stellenbosch in Südafrika, mit dem übrigen deutschen Stabhochsprung-Kader. Weitspringerin Sostehne Moguenara, Holzdeppes Lebensgefährtin, ist ebenfalls mit dabei. „37 Grad, schön warm, noch Sommer“, hatte Holzdeppe mit Blick in diverse Wetter-Apps ausgemacht. Ausgezeichnete Bedingungen, um sich auf eine Saison mit den Olympischen Spielen in Tokio (24. Juli bis 9. August) und die Europameisterschaften in Paris (26. bis 30. August) vorzubereiten. Und weil die Lufthansa keine Stäbe mehr mitnimmt, sind die beim letzten Trainingslager im November gleich vor Ort geblieben.

Der Athlet des LAZ Zweibrücken und sein Bundes- und Heimtrainer haben vor dem Winter hierzulande eine Entscheidung getroffen: Sie verzichten auf die Hallensaison. Also viel Training, aber keine Wettkämpfe. „Das haben wir eigentlich schon der WM in Doha entschieden, wir hatten ja vom Termin her noch nie eine so späte Meisterschaft“, erklärt Holzdeppe. Die Vorbereitung auf eine Hallensaison hätte zwar funktionieren können, aber nach dem nötigen Urlaub hätte ein knapper Monat Vorbereitungszeit gefehlt. „Wir wollten aber vor dem Olympia-Jahr kein Risiko eingehen und keine Hektik entstehen lassen“, meint ein sichtlich entspannter Holzdeppe. Im Urlaub hat er ein bisschen „gesündigt“, inzwischen verzichtet er auch wieder ganz auf raffinierten Zucker.

Wettkämpfe nicht vermisst

Ende Oktober, Anfang November ist der Weltmeister von 2013 wieder ins Training eingestiegen, er fühlt sich prima. Die Vorbereitung verlaufe entspannt, „es ist extrem entstresst, und wir haben genug Zeit“. Wo ein bestimmter Trainingszyklus sonst drei Wochen dauere, seien jetzt auch mal sechs Wochen Zeit. Bei den Übungen behalten Holzdeppe und Tivontchik ihre Routine bei: kleine neue Reize ja, gänzlich Neues nein. Alle sechs Wochen hat der Wahl-Saarbrücker zudem eine Testphase in Sachen Kraft und Schnelligkeit. Holzdeppe ist angesichts seiner Werte guter Dinge für die anstehende Freiluftsaison. „Jedes Training bringt mich jetzt ein Stück nach vorne“, sagt er.

Die Wettkämpfe in der Halle hat er nicht vermisst. „Ich habe die ganze Zeit keinen Reiz verspürt und wäre auch nicht in der Form gewesen, mitzuspringen“, unterstreicht er. Inzwischen kribbelt es aber schon wieder leicht: „Jetzt kommt die Lust langsam wieder“, sagt er schmunzelnd. Die Hallen-DM in Leipzig hätte aus seiner Sicht wohl schon wieder funktioniert, aber so hat er sich den Wettbewerb halt im Fernsehen angeschaut.

Und natürlich hat er die beiden Weltrekord-Sprünge (erst 6,17, dann 6,18 Meter) seines jungen schwedischen Konkurrenten Armand „Mondo“ Duplantis gesehen. „Das ist schon Wahnsinn, was er macht“, meint er anerkennend und durchaus beeindruckt. Schon bei der EM 2018 in Berlin habe man die neue Generation Stabhochspringer erkennen können, „da kommt definitiv was nach“. Die Weltspitze sei mittlerweile unglaublich stark geworden, für ihn selbst sei das nur noch motivierender.

Saisoneinstieg Anfang Mai

Die Norm von 5,80 Meter für seine vierten Olympischen Spiele hat die derzeitige Nummer 13 der Weltrangliste bereits im vergangenen Juli in Leverkusen abgehakt, ebenso wie sein deutscher Teamkollege Torben Blech (Nummer 21) – ein beruhigendes Gefühl. Für die EM in Paris sind noch mal 5,60 Meter gefordert. Ab etwa 18. Juli soll’s zum Vorbereitungstrainingslager nach Japan gehen.

Glaube an Olympia

Holzdeppe glaubt trotz der weltweiten Gesundheitskrise mit dem Coronavirus daran, dass die Olympischen Spiele stattfinden. „Die Japaner sind extrem strukturiert und haben gute Kontrollen“, sagt er. Er findet es gut, für das Thema Coronavirus sensibilisiert zu werden, „aber die Grippe ist schlimmer“. Hamsterkäufe und Hysterie kann er nicht nachvollziehen. Er achtet derzeit aber schon darauf, sich besonders häufig die Hände zu waschen.

Ende April, sagt der Stabhochspringer, soll alles an Kraft und Technik wieder ineinandergreifen, „dann haben wir ja ein halbes Zeit gehabt“. Der Saisoneinstieg ist für den 9./10. Mai geplant, der Wettkampf sei aber noch nicht bestätigt.

Himmelsstürmer-Cup

Bis zur Abfahrt ins Olympia-Trainingslager seien dann etwa zehn Wochen Zeit, „das reicht, um richtig in Tritt zu kommen“. Acht bis neun Wettkämpfe hat er dazu im Visier – die deutschen Meisterschaften am 6./7. Juni in Braunschweig und den vereinseigenen Himmelsstürmer-Cup am 19. Juni inklusive.

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