Pirmasens
Lehrer Lego: Schüler bauen Roboter und lernen dabei Deutsch
Große, gelbe Legokisten auf den Tischen sind nicht unbedingt das, was man im Sprachunterricht an einer Schule als Erstes erwartet. Doch die Berufsbildende Schule in Pirmasens hat sich für einen ungewöhnlichen Weg entschieden, um Jugendliche aus Syrien, Ungarn und Indien die deutsche Sprache zu lehren. Spannende Aufgaben sollen die Schüler packen. Lange Vokabellisten und Auswendiglernen von Verbkonjugationen führen bei 16- bis 18-Jährigen nicht unbedingt zu großer Begeisterung am Erlernen der deutschen Sprache. Warum also nicht einen praktischen Ansatz wählen? Es funktioniert, lautet das Fazit der Lehrer nach einem Jahr. Die Schülerinnen und Schüler bauen Roboter und kleine Maschinen und sich gleichzeitig einen Wortschatz auf, der stark praxisbezogen ist.
Der Unterricht gibt den Jugendlichen einen gewissen Spielraum. Am Ende soll die Maschine laufen, doch die Ausgestaltung bleibt ihnen überlassen. Schülerin Liliana Samu aus Ungarn bittet um Hilfe: „Frau Kurtz, die Programmierung des Pieptons macht uns Probleme“. Die ausgebildete Linguistin kümmert sich um den Spracherwerb der jugendlichen Migranten. Bei einer Reise nach Slowenien mit dem digitalen Kompetenzzentrum Rheinland-Pfalz hatte Kurtz beobachtet, dass an den Schulen mit Robotikunterricht Englisch gelehrt wird. „Das ist genial“, fand sie.
Stiftung Pfalzmetall stellt Material
Kurtz beschloss, an der BBS Pirmasens ein ähnliches Modell aufzubauen, um Migranten zu helfen, Deutsch zu lernen. Mit Unterstützung des Kompetenz-Teams und des Medienzentrums entwickelte sie ein eigenes Konzept. Vor einem Jahr begann der erste Robotik-Kurs für die Schüler des berufsvorbereitenden Jahrs, Schwerpunkt Sprache. Die zehn Lego-Kisten, die damals verwendet wurden, waren geliehen – von diversen Schulen quer durchs Bundesland. „Es hat extrem gut funktioniert. Die Mühe hat sich wirklich gelohnt“, sagt Kurtz. Also wendete sie sich im nächsten Schritt an die Stiftung Pfalzmetall und bat um eigenes Unterrichtsmaterial.
Das bekam sie – im Wert von etwa 7000 Euro. „Das ist ein tolles Projekt. Wir stellen das Material, die Schule steuert die pädagogische Seite und die Manpower bei“, erklärt Felix Mayer, Geschäftsleiter der Stiftung Pfalzmetall. Das Geld sieht er bei der Pirmasenser BBS gut angelegt.
Abdulrahman Al Taha und Mohamud Yusuf waren im ersten Robotikkurs der BBS. Ihr Deutsch hat sich so verbessert, dass sie inzwischen mit deutschen Schülern das berufsvorbereitende Jahr, Schwerpunkt Technik, besuchen. „Wir haben viel hier gelernt. Jetzt kann ich anderen helfen“, erzählt Abdulrahman Al Taha.
Jugendliche entscheiden selbstständig
„Expressbildung“, nennt Kurtz den Unterricht. Im Deutschkurs der BBS sitzen immer wieder Jugendliche, die nie oder selten in der Schule waren. In Syrien beispielsweise sei es teilweise üblich, dass Kinder mit sieben Jahren anfangen zu arbeiten und Geld zu verdienen. Nach ihrer Flucht nach Deutschland müssten sie nicht nur versäumte Bildung nachholen, sondern auch mit dem Konzept Schule vertraut werden. „Diese Jugendlichen sind es gewohnt, selbstständig für sich zu entscheiden“, erklärt Kurtz. Setze die Schule ihnen starren Grammatikunterricht vor, entschieden sie schnell, dass sie in der Einrichtung nichts Hilfreiches lernen können und tauchten nicht mehr auf.
Doch bei der Aufgabe, funktionale Roboter zu bauen und zu programmieren, würden die Schüler von Ehrgeiz gepackt. Bei manchen Jugendlichen geht es auch um die Alphabetisierung. „Die Schrift zu erobern, ist ein Riesenschritt für sie, denn er bedeutet ein großes Stück Selbstständigkeit“, erklärt die Linguistin.
Manchmal was fürs Herz
Der Unterricht ist berufsorientiert. Programmiert wird mit App und Arbeitsblatt. Meist richten die Jugendlichen Roboter ein, um Arbeitsprozesse nachzustellen, zum Beispiel Dinge zu sortieren. „Aber manchmal bauen wir auch was fürs Herz“, sagt Kurtz und lacht. Einen Tänzer, ein Karussell oder eine Heuschrecke, die über den Boden hüpft. Liliana Samu und Ayune Aldabah bauen die besten Rennautos. „Die gewinnen jedes Rennen“, meint die Lehrkraft. Allen Varghese Lali hat in seiner indischen Heimat bereits mit der Computersprache Python programmiert und versucht sich gern an komplizierteren Kniffen. Lehrer Udo Richter, der an der BBS Elektrotechnik und Mathematik unterrichtet, hilft bei Problemen.
„Wir sehen uns als Pilotprojekt und versuchen, die Organisation so aufzubauen, dass andere Schulen das nachmachen können“, sagt Kurtz. Die Pirmasenser BBS standardisiere die Technik und erstelle beispielsweise Arbeitsblätter, auf die andere Einrichtungen zurückgreifen könnten. „Das hat Potenzial für viele Schulen“, ist Kurtz überzeugt.