Musikgeschichte(n)
Jakel Bossert über die Anfänge von „Rock im Wald“ und einen Unterhosen-Auftritt
Herr Bossert, Sie haben im Zusammenhang mit den Anfangstagen der Band Limerick das mittlerweile fast schon legendäre Event „Rock im Wald“ in Erlenbrunn erwähnt. Würden Sie kurz erläutern, wie einst die Idee dazu entstand?
Die Idee zu „Rock im Wald“ hatten Horst Streisser, Klaus Kölsch und meine Person während eines Fußballturniers in der Wasgauhalle, als wir in einer Pause zusammenstanden und Bockwürste aßen. Unser Wunsch war es, in Pirmasens ein Open-Air zu veranstalten. Zuerst war das Gelände um den Eisweiher im Gespräch, was sich allerdings zerschlug. Da wir ein eingezäuntes Gelände benötigten, schlug ich den Fußballplatz in Erlenbrunn vor. Unser Konzept musste ich dem Kulturamt, das als Mitveranstalter agierte, vorstellen. Zudem musste ich die Sache in einem Referat beim damaligen Jugendamtsleiter vorstellen. Letztendlich haben der Hauptausschuss und der damalige Oberbürgermeister Karl Rheinwalt das Event abgesegnet. Da aber wenig Geld zur Verfügung stand, spielten 1988 – bei der ersten Auflage von „Rock im Wald“ – lediglich regional angesagte Bands wie Fat Rat, Rockmen, Tarkus, Soul Basar und die PS Blues Band. Doch schon ein Jahr später engagierte ich die Rodgau Monotones, dann kam Pur, und 1991 waren schließlich Bob Geldof und Jule Neigel mit Band dabei.
Welche denkwürdigen Geschichten haben Sie zu „Rock im Wald“ in petto?
Kurz vor dem 1991er Open-Air bekam ich von Pur die folgende Mitteilung: „An diesem Tag spielen wir nicht nur ab 22 Uhr für dich in Erlenbrunn, sondern auch um 13 Uhr am Hockenheimring und danach bei einem Open-Air in Bochum.“ „Rock im Wald“ wäre also das dritte Konzert für Pur an einem Tag! „Mach dir keine Sorgen, unsere Gage geht drauf für den Helikopter“, so die weitere Info, welche ich am Telefon bekam. Das fand ich anfangs gar nicht so lustig, da die ganze Verantwortung, also das rechtzeitige Eintreffen von Pur, auf meinen Schultern lastete. Als die Band dann tatsächlich per Hubschrauber in Erlenbrunn landete, war ich sehr erleichtert.
Ein Jahr später forderte Jule Neigel in ihrem Engagement-Vertrag, dass eine internationale Telefonverbindung zur Verfügung stehen müsse. Da Neigel aus Ludwigshafen stammt und in deutscher Sprache singt, war mir und dem Veranstalterteam schleierhaft, wozu sie das benötigt. Damals war dies nur mit einem dieser großen sogenannten D1-Kästen möglich. Das haben wir dann in der Halle vom örtlichen Kaninchenzuchtverein ermöglicht. Schließlich stellte sich heraus, dass Neigel damals Streit mit ihrem Freund hatte, was der einzige Grund für ihre Forderung war und auch dazu führte, dass sie mitten im Konzert die Bühne verließ und sich in der Toilette einschloss.
Mit Udo Lindenberg telefonierte ich damals auch persönlich, um ihn zu „Rock im Wald“ zu holen. Obwohl er Interesse bekundete, kam kein Auftritt zustande, da er zu dieser Zeit ohne Band und Management dastand.
Nun zu Ihrer Band Limerick, Herr Bossert. Aus welchem Anlass gründete sich die Band einst und wer ist von der Urbesetzung noch übrig?
Man muss unterscheiden zwischen der Urbesetzung und den Gründern der Band. Das heißt: Die Gründer waren größtenteils andere Musiker als die später bekannte Besetzung. Limerick wurde im Jahr 1977 von Matthias Bersdorf, Alexander „Ace“ Wilhelm, Thomas Wilhelm, Rainer Drews, Florian Allgeyer und mir selbst als Schülerband gegründet. Zwei Jahre später haben Bersdorf und ich mit einer anderen Besetzung weitergemacht. Von der Pirmasenser Band Kadmandu kamen Heinz Joas, Gunnar Henges und Bernd Hess dazu. Bersdorf zog nach Stuttgart und die besagten Leute plus Roland Lehner bildeten schließlich die erste Version von Limerick, so wie wir seit 1980 zusammen sind.
Was gibt’s zur LP „On Tour“ aus dem Jahr 1982 zu berichten? Wie kam es zu der damals riskanten Entscheidung, Rockmusik mit deutschen Texten machen zu wollen?
Schon zwei Jahre zuvor veröffentlichten wir eine Single mit den Liedern „Alaska Nights“ und „Hard Work“. Hiermit hatten wir den ersten Radioauftritt, und der Moderator Manfred Sexauer sagte damals zu meiner Mutter, die das Bandmanagement übernommen hatte: „Frau Bossert, gehen Sie mit den Burschen ins Tonstudio nach Schmelz zum Herrn Leistenschneider zum Aufnehmen der Songs.“ Wir sind also quasi auf Empfehlung von Sexauer zur Single-Produktion gekommen. Danach wurden wir für etliche Sendungen der Europawelle Saar gebucht.
Zu „On Tour“ ist zu sagen, dass man schon spürte, dass sich die ganze Szene verändert. Die aufkommende Neue Deutsche Welle brodelte, und immer mehr Musiker waren mit deutschen Texten am Start. Da wir eh mit deutschen Texten geliebäugelt hatten, passte das optimal für uns. Zudem kamen einheimische Mundart-Bands wie BAP und die Spider Murphy Gang groß raus, sodass wir uns sagten: Es ist genau der richtige Zeitpunkt, ebenfalls in diese Richtung zu gehen. Wir wollten aber kein Teil der Neuen Deutschen Welle sein, sondern Rockmusik mit deutschen Texten machen.
Die Aufnahmen der LP fanden 1982 in den Olympia-Studios von Ralph Siegel in München statt. Im Mai dieses Jahres gewann Nicole den „Grand Prix de Eurovision“ mit einem von Siegel produzierten Lied. Siegel ging hauptsächlich in die Schlagerrichtung, experimentierte in seinen drei Studios aber auch mit anderen Genres wie Rockmusik. Was die Studioaufnahmen an sich angeht, muss ich realistisch sein: Wir waren nicht ganz zufrieden, auch wenn wir damals beim berühmten Siegel waren. Wir hätten unter anderem gerne im etwas größeren Studio aufgenommen. Damals wurden im Gegensatz zu heute alle Genres von fast allen Produzenten gemacht, da gab es noch nicht die Spezialisierung auf einzelne Stilrichtungen.
Und 2018 hat die Band die Single „Blau-Weißes Herz“ für den FK Pirmasens aufgenommen ...
Wir als Band fühlen uns mit dem FKP sehr verbunden. Wir wollten außerdem transportieren, dass die Leute auf unsere Stadt und unseren Fußballverein stolz sein können. Uns wurde in den 1980er Jahren geraten, nach Berlin oder München zu gehen, um dort, wo die Szene am Kochen ist, den Durchbruch zu versuchen. Aber da wir sehr heimatverbunden sind, wollten wir in keiner dieser Städte in einer Kommune wohnen und auf den Durchbruch hoffen. So sind wir natürlich keine Weltstars geworden (lacht).
Es gibt doch sicherlich noch ein paar lustige Limerick-Anekdoten ...
Der Spaß an der Sache stand bei uns schon immer an erster Stelle. Es wird noch immer ständig geblödelt, es werden Witze erzählt, welche Außenstehende jetzt nicht unbedingt verstehen würden (lacht). Ich war noch in keiner Band, in der ein Blödsinn nach dem anderen gemacht wurde – aber trotzdem waren wir im Studio oder auf der Bühne konsequent bei der Sache. Eine besonders witzige Sache passierte bei einem Live-Auftritt in einer von Manfred Sexauers Sendungen. Unser Auftritt wurde spontan nach vorne verlegt, während wir gerade beim Umziehen waren, und so mussten wir schnellstmöglich auf die Bühne. Unser Gitarrist Roland Lehner wurde aber nicht rechtzeitig fertig und ging nur mit Unterhose bekleidet und einer Frankenstein-Monster-Gummimaske überm Gesicht auf die Bühne. Ich habe Sexauers Kommentar noch heute im Ohr: „Ich habe schon viel erlebt auf unserer Bühne, etwa eine Sängerin ohne Bluse … aber einen Musiker nur in Unterhosen – und zudem so schöne mit Blumen drauf – das hatten wir jetzt auch noch nicht!“ Das war natürlich die Attraktion für die Zuschauer vor Ort (lacht).
Welche Konzerte sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben und warum?
Die legendärste Sache war in Berlin-Tiergarten, wo wir im Musikclub Quartier Latin spielten. Dort traten unter anderem Stars wie Udo Lindenberg, Nena, Herbert Grönemeyer und Nina Hagen auf. Alles, was Rang und Namen hatte, musste dort spielen. Damals stand die Mauer noch, und es gab den sogenannten Eisernen Vorhang. Einige aus der Band sind von Frankfurt aus geflogen, einige mit ihren Instrumenten mit dem Auto durch die DDR angereist, was unseren damaligen Manager Siegfried Liebach sehr nervös machte. Er hat sehr um uns gebangt, nach dem Motto: „Die frechen Buben fahren durch die DDR, ob das gutgeht?!“ Wir mussten also mit eigenen Liedern vor fremdem Publikum, beispielsweise in München, Stuttgart, Wuppertal und Berlin, bestehen. So wie damals auch Pur. Das ist eine ganz andere Herausforderung, als mit einer Coverband bekannte Hits nachzuspielen.
Welche Pläne hat Limerick in naher Zukunft?
Das ist momentan nicht so einfach, es gibt kurzfristige Konzertanfragen, aber einiges musste wegen Corona und dem Ukraine-Krieg ausfallen oder verschoben werden. Für 2023 haben wir etwas geplant, aber dieses Jahr noch Konzerte zu geben, wird schwierig werden. Wir wollen zwei neue Songs aufnehmen, aber das ist alles noch in der Entwicklung.
Info
Mehr Infos zur Band gibt es online unter www.limerick-rocks.de.
Zur Person
Jakel Bossert, 1962 in Pirmasens geboren, ist ein Vollblutmusiker und Gründungsmitglied von Limerick. Er spielte auch schon in anderen regionalen Bands, beispielsweise Rockmen. Der Schlagzeuger war maßgeblich in puncto Organisation und Buchungen der Bands an den ersten vier „Rock-im-Wald“-Auflagen beteiligt. Hauptberuflich ist Bossert schon seit vielen Jahren als Veranstalter des Weihnachtscircus Landau, Zeltverleiher und Inhaber der Ponywelt Niedersimten tätig.