Pirmasens
Im Teppichhandel zählt nicht allein der Verkauf
„Mit einem Teppich kauft man eine Jahrtausende alte Kunst“, erläutert der Kundenservice-Leiter. „Der älteste handgeknüpfte Teppich wurde bei Ausgrabungen gefunden und ist rund 2500 Jahre alt.“ Was als Bodenbelag geschaffen wurde, „lebe“ vom handwerklichen Geschick und der Fantasie des Knüpfers. „Dieses Fach kann man nicht in der VHS lernen oder sich beim Kurzurlaub in Teheran aneignen. Bereits mit sechs Jahren war ich mit meinem Vater jeden Tag im Geschäft und habe zugehört, ich war auf Messen, bei Großhändlern und Kundengesprächen immer dabei und habe eine eigene Taktik entwickelt, wie ich Teppiche verkaufe. Mein Vater hat immer verhandelt um den Preis – bei Tee, Kaffee und Datteln. Der Vater ist inzwischen 85 Jahre alt und immer noch aktiv. „Er bedient sich dabei der elektronischen Medien.“
Human Tavanaianfar erinnert sich auch noch gut an die Zeiten nach der Geschäftsgründung. „Da kam ein Lkw aus Teheran, voll mit Teppichen. Die Leute haben schon gewartet und zugegriffen. Mein Vater konnte damals noch sehr gut vom Verkauf leben. Heutzutage gibt es für die Restauration, die Reparatur und die Wäsche von Teppichen eine höhere Nachfrage als nach Orientteppichen.“
Klassischer Perserteppich als Kontrast
Dennoch könne er sich über den Verkauf nicht beschweren. „Wir sprechen Kundschaft aus Pirmasens und Umgebung, aus der Vorderpfalz und viele Leute aus Luxemburg an. Allesamt zumeist Ü40“, so Tavanaianfar. Preislich gebe es beim Einkauf nach oben keine Grenzen. Auf RHEINPFALZ-Nachfrage wie oft es denn im Jahr vorkomme, dass sich jemand einen Teppich für 20.000 oder 30.000 Euro leisten will, meinte der Kundendienstleiter: „Da halten wir uns sehr bedeckt. Aber es gibt natürlich solche Kunden.“
Tavanaianfar berichtet, dass heutzutage beim Teppichkauf Akzente gesetzt werden. Edelmaterialien als Eyecatcher, hochwertig aber auch klassisch, passend zur modernen Einrichtung. „Es ist wie bei anderen Trends auch, ob Schlaghose oder Plateauschuhe, auch der Orientteppich kommt wieder zurück. Beispielsweise haben wir von Innenarchitekten Anfragen nach Über-Maß-Teppichen für Showrooms. Aber auch von Industriefirmen, die Showrooms haben und die komplett modern und wunderschön eingerichtet werden sollen. Dort wird dann als Kontrast ein klassischer Perserteppich gelegt. Das sieht dann auch besonders toll aus. Es muss auch nicht immer die Farbe Rot ins Spiel kommen, wie man reflexartig denken könnte, wenn man das Stichwort ,Orientteppiche’ hört.“
Rund 900 Teppiche hält er am Firmensitz in der Bitscher Straße im ehemaligen Saalbau vor. „Es sind zum Teil noch Altbestände aus der Zeit, als mein Vater aktiv war und die Teppiche direkt aus dem Iran importierte“, sagt Human Tavanaianfar. „Außerdem fliege ich nach Dubai und kaufe dort ein. Der hochwertigste Teppichbestand ist tatsächlich in Dubai gelagert. Dabei stammen Perserteppiche zum größten Teil aus dem Iran.
Immaterielles Kulturerbe der Menschheit
Dort gebe es viele traditionelle Produktionsstätten in Metropolen, die einem Teppich sogar ihren Namen geben; beispielsweise den Ghom Teppich, Isfahan, Täbriz, Bidjar, Kaschan, Kerman oder den Sarough. Im Jahr 2010 wurde die Kunst der Teppichfertigung in Kaschan und Fars in die offizielle „repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ aufgenommen.
Dennoch sei das Kerngeschäft nicht mehr in erster Linie der Teppichverkauf, sondern die Dienstleistung. Das lässt sich auch an Zahlen festmachen: 2020 sei ein relativ gutes Jahr gewesen, ähnlich wie 2019 und 2018 auch. Im vergangenen Jahr sei der Verkauf rückläufig gewesen. „Im Bereich der Restauration und der Wäsche ist der Umsatz gleichbleibend.“ Die Dienstleistungspalette sei sehr breit.
Motten haben keine Chance
Hauptfeld ist die Teppichwäsche; wobei die Pirmasenser Firma mit einer Teppichwäscherei in Frankfurt zusammenarbeitet. Dort werden die Teppiche mit Wasser und Seife, biologisch und umweltschonend gereinigt. Der Teppich werde nach handwerklich und maschinentechnisch neuesten Gesichtspunkten gewaschen, geschleudert, getrocknet und wenn notwendig veredelt. Auch Motten, Mottenlarven und Motteneier haben keine Chance. Sie werden ausgespült.
Weiterhin im Angebot ist die Reparatur von Teppichen. Hier seien Teppichrestauratoren am Werk, die diese Arbeit seit mindestens 30 Jahren ausüben. Als weitere Dienstleistung wird der Ankauf und Kommission von Teppichen angeboten. Um den Verkauf der Teppiche anzukurbeln, wurde jetzt ein Online-Shop eröffnet. „Dort haben auch Kunden, die uns ihre Teppiche zum Verkauf anvertraut haben, die Möglichkeit, selbst zu sehen, wann und zu welchem Preis ihr Teppich verkauft wird.“
Freier Sachverständiger für Orientteppiche
Außerdem ist Human Tavanaianfar Mitglied im Bundesverband freier Sachverständiger, Fachbereich Orientteppiche, Teppichrestauration und Teppichwäsche. Insbesondere sei er bei Versicherungsfällen gefragt, beispielsweise um eine Bewertung abzugeben, ob es sich um einen Totalschaden handelt oder wie hoch die Reparaturkosten ausfallen werden, aber auch bei Erbangelegenheiten.
Im Geschäft arbeitet derzeit die zweite Generation. Zusätzliche Hilfe hat der Kundendienstleiter von seiner Ehefrau. „Wir sind ein reines Familienunternehmen und es wird auch traditionell mit unserer Fachkenntnis in diesem Bereich fortgesetzt: Vater, Sohn, Ehefrau und drei Kinder. „Ich hoffe, dass eines von ihnen das Geschäft weiterführen wird.“
Info
www.amirteppiche.com