Radsport RHEINPFALZ Plus Artikel Hartmut Bölts ist heute lieber ohne Tacho und Trainingsplan unterwegs

Im Jahr 1994 gewann Hartmut Bölts die Gesamtwertung der Mountainbike-Bundesliga.
Im Jahr 1994 gewann Hartmut Bölts die Gesamtwertung der Mountainbike-Bundesliga.

LEUTE AUS DER NÄHE: Man hört den pfälzischen Akzent noch gut, aber der ehemalige Heltersberger Radprofi und mehrmalige Deutsche Meister Hartmut Bölts ist längst in Südbaden heimisch geworden. Besuche in der Pfalz sind für den Sportler, der in der ganzen Welt unterwegs ist, selten geworden, Bölts ist viel beschäftigt. Entlastung brachte ihm ausgerechnet die Corona-Krise.

Im nächsten Jahr steht bei dem älteren der beiden Bölts-Brüder der 60. Geburtstag an. „Ich bin vielleicht ein paar Jahre zu früh geboren, denn als ich meine Karriere beendet hatte, floss erst so richtig Geld in den Radsport“, erklärt Hartmut Bölts. Er war deshalb nach der Rad-Karriere sofort ins reguläre Berufsleben umgestiegen, während sein jüngerer Bruder Udo nach den Jahren als Edelhelfer von Jan Ullrich und Erik Zabel finanziell ausgesorgt hatte. „Udo ist heute Privatier, daher auch noch viel fitter als ich“, sagt Hartmut, der aber selbst in Südbaden im Sommer auf dem Rad sitzt. „Aber nur bei gutem Wetter, ich bin solarbetrieben“, scherzt der Ex-Profi, der im Winter eher auf Langlauf-Skier setzt und abends mit dem Hund eine Runde läuft. „Ohne Tacho, ohne Trainingsplan“, beschreibt er seine Radrunden, „und meistens fahre ich mit dem Rad alleine, weil ich einfach nach Lust und Laune an einer Kreuzung mal links oder rechts abbiegen will. Normal bin ich so zwei, aber auch mal bis zu fünf Stunden unterwegs.“

„Vertrag“ mit Heimat Oberried seit 32 Jahren

Als Radsportler hatte der Heltersberger Hartmut Bölts schon früh einen Bezug nach Südbaden: „Hier fanden Lehrgänge und Leistungstests statt. Ich war schon immer mehrere Wochen im Jahr dort, lernte so auch meine Frau kennen.“ Als er dann als Vize-Weltmeister der Amateure einen Profivertrag beim französischen Team R.M.O. bekam, wünschte sich seine damalige Mannschaft, dass Bölts sein Domizil an die deutsch-französische Grenze und in die Nähe eines Flughafens verlegte.

Auch wegen des Klimas fiel die Wahl schließlich auf Oberried, den Heimatort seiner Frau. „Damit waren die Zeiten vorbei, als wir mit dem Auto zum Training erstmal ins Elmsteiner Tal gefahren werden mussten, weil in Heltersberg noch Schnee lag“, erinnert sich Bölts. Den „Vertrag“ mit Oberried habe er dann Jahr für Jahr immer wieder verlängert – seit 32 Jahren, bis heute. Aber er pflegt noch einige Kontakte in die Region, unter anderem zu Ex-Rennfahrer Michael Maue, der heute aber in der Vorderpfalz lebt. „So zwei- bis dreimal im Jahr komme ich noch in die Pfalz“, sagt der Vater zweier Söhne, die inzwischen erwachsen und „aus dem Haus“ sind. Deren Rad-Karrieren sind auch beendet.

1996 war Schluss nach der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt

Zum Ende seiner Radsportlaufbahn stieg Hartmut Bölts, der Deutsche Amateurmeister von 1987 und Olympia-Teilnehmer von 1984, noch auf das damals boomende Mountainbiken um, feierte Mitte der 1990er-Jahre auch in dieser Sparte Erfolge, wurde noch zweimal Deutscher Vizemeister und 1994 Sieger der Bundesliga. „Es war noch mal etwas ganz anderes. Ich würde das wieder so machen“, sagt er heute. Der Entschluss, seine Karriere zu beenden, fiel dann allerdings nach einem Straßenrennen – bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 1996, als er sich nach einem Sturz in Ahrweiler im Krankenhaus wiederfand und schlecht versorgt sah. „Ich überlegte, warum ich mir das weiter antun sollte und wollte das nicht mehr. Ich wollte auch meine Kinder aufwachsen sehen. Das war im Juli, im Herbst habe ich mich schon um meine berufliche Laufbahn gekümmert.“

Bölts übernahm für die französische Mountainbike-Firma Sunn den Deutschland-Vertrieb. Als die Firma insolvent war, führte ihn sein Weg in der Radsport-Branche auch zu einer Firma mit Sitz in den USA. Dort kam Bölts mit der Mentalität nicht klar: „Wir in Deutschland verstehen nicht, dass Donald Trump ein typischer Amerikaner ist. Amerikaner denken nur ans Jetzt und Heute, sind rigoros, ohne Empathie. Als Pfälzer würde man sagen: Trampel eben. Man muss aber auch an morgen und übermorgen denken“, erklärt Bölts, warum er beruflich schnell wieder bei Continental in Korbach anheuerte. Dort ist er heute für die Hersteller zuständig, die ihre Fahrräder mit Continental-Reifen zu Händlern liefern. Das macht Reisen um die ganze Welt erforderlich. Die Fahrradproduktion findet im Wesentlichen in Asien statt. Noch zumindest.

Vielsprachigkeit kommt ihm im Job zugute

Denn Bölts erzählt, dass es durchaus bei E-Bikes einen Trend der Verlagerung zurück nach (Ost-)Europa gebe. Der Grund: Die Akkus sind Gefahrgut, und der Transport von Asien nach Europa ist daher zu teuer. Auch in Portugal wachse die Fahrradindustrie deswegen. Bölts kommt bei der Tätigkeit seine im Radsport erworbene Vielsprachigkeit zugute: Neben Deutsch spricht der 59-Jährige Englisch, Französisch, Holländisch und Italienisch, etwas Spanisch und auch noch ein ganz kleines bisschen Chinesisch.

Weil in der Corona-Krise die „viel effizienteren“ Online-Meetings die realen geschäftlichen Besprechungen abgelöst haben, freut sich Bölts zuletzt über 40 000 eingesparte Auto-Kilometer. Dennoch gebe es auch Situationen, in denen die persönlichen Treffen mit einem Kunden bei einem guten Essen wichtig seien.

Online-Trend 2020 beschert ihm 20 Tage mehr Freizeit

Das Positive am jüngsten Online-Trend sind rund 20 volle Tage mehr Freizeit in diesem Jahr. 20 Tage, die Bölts sonst hinter dem Lenkrad, oft auf der 450-Kilometer-Strecke zwischen Oberried, von wo er seit über 20 Jahren auch in seinem gut eingerichteten Homeoffice arbeitet, und Korbach bei Kassel gesessen hatte. Mehr Zeit für seine Frau, den Hund, die Katze, gutes Essen und guten Wein, den er aber weder aus Baden noch aus der Pfalz bevorzugt, weil gerade bei den Rotweinen Spätburgunder und Dornfelder nicht so seins seien. Beim Essen ist er weniger wählerisch: „Eigentlich mag ich da alles von Sushi bis Rumpsteak. Es muss nur gut zubereitet sein.“

Wirklich zugenommen hat Bölts wohl auch deshalb im Gegensatz zu manch anderem Ex-Radprofi nicht, weil er sich bei allem Genuss auch sehr bewusst ernährt. Er kauft eigentlich kaum in Supermärkten ein, sondern von dem lebt, was im Garten wächst oder in Hofläden angeboten wird. Marmelade wird selbst gemacht. Bei 1,84 Metern Körpergröße zeigt die Waage heute 80 Kilogramm an. Gerade mal etwa sechs Kilogramm mehr als damals zu Beginn der 1990er-Jahre.

Bölts lebt in Oberried ruhig und gemütlich. Einen Starkult um ihn gibt es nicht. Aber in seine Ferienwohnung, die speziell auf Radtourismus ausgelegt ist, kommen oft Gäste, die wissen, wen sie da als Vermieter vor sich haben. Der Exil-Pfälzer kümmert sich auch um den Radsportnachwuchs in der Region. Das Sterben der Rennen für den Nachwuchsbereich bereitet Bölts ebenso Sorge wie die immer kleiner werdenden Starterfelder.

Engagement beim SV Kirchzarten

Dem versucht er entgegenzuwirken, indem er sich im Kirchzartener Verein engagiert. „Wir haben 2020 eines der ganz wenigen nationalen Nachwuchsrennen ausgerichtet“, freut er sich. Hin und wieder hilft er mal als Jugendtrainer aus. An der großen Rennszene sei er noch „mittelnah“ dran, teils über das Team-Sponsoring seines Arbeitgebers, teils über den 1.-Mai-Klassiker Eschborn-Frankfurt, wo er die eher repräsentative Funktion des Sportlichen Leiters innehat. Vor vielen Jahren von den ehemaligen Organisatoren Hermann und Erwin Moss per Handschlag verpflichtet, vertritt Bölts noch heute die Interessen des Veranstalters, inzwischen ist dies die mächtige Tour-de-France-Organisation A.S.O., gegenüber dem Weltverband. In ähnlicher Funktion sitzt Bölts auch als deutscher Vertreter in der internationalen Veranstalter-Vertretung AIOCC.

Doch am liebsten ist Hartmut Bölts einfach draußen in der Natur: mit dem Rad, auf Skiern oder zu Fuß.

2007: Hartmut Bölts, Vorstandsmitglied der AIOCC.
2007: Hartmut Bölts, Vorstandsmitglied der AIOCC.
Hartmut Bölts mit seiner Silbermedaille bei der Amateur-Weltmeisterschaft 1987.
Hartmut Bölts mit seiner Silbermedaille bei der Amateur-Weltmeisterschaft 1987.
1992: Der Heltersberger Ortsbürgermeister Heinrich Schneider empfängt die erfolgreichen Radsport-Brüder Hartmut (links) und Udo
1992: Der Heltersberger Ortsbürgermeister Heinrich Schneider empfängt die erfolgreichen Radsport-Brüder Hartmut (links) und Udo Bölts.
Radprofi Udo Bölts (rechts) vom damaligen Team Deutsche Telekom bespricht 1999 mit seinem Bruder Hartmut die fünfte Etappe der T
Radprofi Udo Bölts (rechts) vom damaligen Team Deutsche Telekom bespricht 1999 mit seinem Bruder Hartmut die fünfte Etappe der Tour de France von Bonneval nach Amiens.
Grau sind sie geworden, die ehemaligen deutschen Radsport-Asse (von links): Klaus-Peter Thaler, Hartmut Bölts und Gregor Braun.
Grau sind sie geworden, die ehemaligen deutschen Radsport-Asse (von links): Klaus-Peter Thaler, Hartmut Bölts und Gregor Braun.
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