Ludwigswinkel RHEINPFALZ Plus Artikel Giese und Furch in Ludwigswinkel: Schaurig schöne Moritaten

Madeleine Giese und Rainer Furch bei der Lesung in Ludwigswinkel.
Madeleine Giese und Rainer Furch bei der Lesung in Ludwigswinkel.

Was passieren kann, wenn ein Hering eine Auster liebt, konnten die Zuschauer bei der Lesung von Madeleine Giese und Rainer Furch in der Kirche St. Ludwig erleben.

Zu hören gab es außerdem noch viele weitere schaurig schöne Balladen und Moritaten aus sechs Jahrhunderten. Die beiden Schauspieler zogen das Publikum mit den leidenschaftlich vorgetragenen Texten in ihren Bann. Publikum hätte sich der Freundeskreis St. Ludwig, der die Vorstellung organisiert hatte, für die hochkarätige Veranstaltung mehr gewünscht. Am heißen Sommerabend fanden lediglich 15 Zuschauer den Weg in die Kirche. Der Qualität des Vortrags tat das keinen Abbruch.

Als kleines Gruselschmankerl forderte Giese die Zuhörer auf, die Toten in den Balladen und Moritaten mitzuzählen und versprach den Gewinn einer Flasche Wein: „Allerdings dürfen Sie nur die zählen, die sterben, also wenn die schon länger tot sind, zählen die nicht mit“, erläuterte Giese mit einem Augenzwinkern die Spielregeln. Höhepunkte aus sechs Jahrhunderten, Klassiker und Kabinettstücke, Komisches und Kurioses brachten die Künstler zu Gehör. Neben Goethe und Schiller, Hebbel, Heine, Mörike, Meyer und Fontane gab es Verserzählungen von Busch, Wedekind, Brecht, Tucholsky, Ringelnatz, Kästner und Gernhardt. Von Schillers Ballade „Der Taucher“ gab es gar noch zwei weitere, eher kurz gehaltene Versionen, wovon eine unverkennbar aus der Feder Heinz Erhardts stammte.

Gruseln nach Herzenslust

Nach Herzenslust durfte sich das Publikum gruseln und erschauern, wenn beispielsweise „Die schlimme Gret“ von Eduard Mörike dem Königssohn seinen Verrat mit dem Erstickungstod an ihren Brüsten heimzahlt. Der Hering indessen wurde in Joseph Victor Scheffels Ballade, guillotiniert, als er versuchte die geliebte Auster zu küssen. Die Todesursachen der literarischen Oper waren vielfältig und reichten von zerhacken, aufhängen oder ertränken bis zu erschlagen. Wie der schnöde Mammon, in diesem Fall das Gold, Menschen alle guten Sitten vergessen lässt, wurde in Emanuel Geibels „Die Goldgräber“ deutlich: „Wohl um das Gold erschluget ihr mich; Weh’ euch! Ihr seid verloren, wie ich. Auch ich, ich wollte den Schatz allein, und mischt euch tödliches Gift an den Wein“. Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit indessen erfüllte Wilhelm Busch in seiner Ballade „Die beiden Schwestern“. Während „Kätchen, das gute Mädchen“ schuftet bis zum Umfallen, lässt es sich Adelheid gut gehen: „Die Adelheid trank roten Wein, dem Kätchen schenkt sie Wasser ein.“ So mancher Zuschauer fand sich möglicherweise in der Gutmütigkeit des Kätchens gespiegelt, als diese aus Mitleid den darum bettelnden Frosch küsst: „Erbarme dich, erbarme dich, Ach, küsse und umarme mich!“ Nach dem dritten Kuss, mutiert der Frosch zum Prinzen samt Schloss und Käthchen wird belohnt: „Lieb Käthchen du allein, sollst meine Herzprinzessin sein.“ Während Kätchen belohnt wird, küsst Adelheid den als Knaben mit Leier erschienen Wasserneck und wird von ihm in die Tiefe gezogen. Giese und Furch indessen lassen die Zuschauer eintauchen in Reime und Klänge der deutschen Dichtung und stürzen sie in Wechselbäder der Gefühle, während sich mancher innerlich die Hände reibt. Die Gerechtigkeit hat zumindest hier gesiegt.

Gegen Ende wurde das Repertoire etwas leichter und die beiden Künstler nehmen sich gegenseitig auf die Schippe. Furch kündigt seine Lieblingsballade an, während Giese sich davon ausdrücklich distanziert. Das hindert Furch nicht, mit Inbrunst Fritz Grasshoffs Ballade „Prunz von Prunzelschütz“ zu zitieren: „Ein dumpfer Schlag, ein lauter Knall, Herr Prunz mit einem Furze, den Gegner bracht zum Sturze.“ Die Lacher hatte Furch auf seiner Seite. Zum Ende zelebrierten Giese und Furch mit einem Text von Götz Widmann die Vorstellung davon, was wäre, wenn das Leben mit dem Tod begänne: „Das Leben ist ja schön und gut als Mensch aus Fleisch und Blut, nur eins stört mich so sehr daran, dass ich den Rest kaum noch genießen kann. Am Ende sterben ist so dumm, ich wollt es wäre andersrum, das Leben sollte mit dem Tod beginnen. Es würd dabei gewinnen.“

Dichte Bilderwelt

Was Giese und Furch in einer kurzweiligen Vorstellung in eineinhalb Stunden boten war nicht einfach eine Lesung und Aneinanderreihung literarischer Texte. Die Künstler ließen Bilder und Stimmungen entstehen und entführen ihre Zuhörer in eine dichte Bilderwelt voller menschlicher Abgründe. Stimme und Mimik waren so ausdrucksstark, dass sie die Umgebung verblassen ließen und man sich mitten im Geschehen wähnte. Dass die beiden Schauspieler den Weg von ihrem Wohnort Kaiserslautern in den Wasgau, trotz magerem Zuschauerbesuch, auf sich nahmen, ist ihnen hoch anzurechnen. Hier spürte man die Liebe der Profis zur Literatur und zum Theater. Mit der gleichen Leidenschaft wie für ein volles Haus boten sie ihre Kunst auf höchstem Niveau dar und weckten bei den Zuhörern Lust auf mehr. Furch, in Neuwied geboren und in Kirn aufgewachsen, gehört seit 2001 zum festen Ensemble des Pfalztheaters Kaiserslautern, wo er unter vielen anderen Partien als Faust, Macbeth oder König Philipp auf der Bühne stand. Giese ist gebürtige Saarländerin, hatte über lange Jahre Engagements in Süddeutschland und ist inzwischen auch als freie Autorin mehrerer Kriminalromane tätig und als feste Hörspielautorin für die ARD. Beide zusammen sind seit über 20 Jahren das Duo „Wortlaut“, mit zahlreichen musikalisch-literarischen Programmen. 2021 wurden sie mit dem Dietrich Oppenberg Medienpreis ausgezeichnet.

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