Pirmasens
„Gemeckert iss glei“: Sind Pirmasenser unfreundlich?
„Un?“ – „Jo. Selbsch?“ – „Muss.“ Beim klassischen Smalltalk kommt der gemeine Pirmasenser mitunter einsilbig aus. Diese nüchterne, etwas monotone Art kann von Außenstehenden schnell mit Unfreundlichkeit verwechselt werden. Zugegeben, ein herzliches „Hallo“ von Fremden hört man bei einem Spaziergang durch die Horebstadt eher selten. Auch die berühmten Zauberworte „danke“ und „bitte“ gehen manchen Pirmasensern nur schwer über die Lippen – etwa beim Türaufhalten oder beim Vorlassen an der Supermarktkasse. Aber sind die Menschen hier wirklich so knurrig und unfreundlich, wie es teilweise wirkt?
Überregional wird gerne das Bild der geselligen Pfälzer gezeichnet, die offen und herzlich mit jedem, der gerade da ist, beim Weinfest plaudern. Hier findet sich bereits der Knackpunkt: Weinfeste sind in und um Pirmasens quasi nicht existent. Es fehlt die Unterscheidung zwischen West-, Süd- und Vorderpfalz. Wer viel in der Pfalz herumkommt, merkt schnell, dass die Menschen in den einzelnen Landstrichen unterschiedlich ticken. Es stimmt, dass beispielsweise die Bad Dürkheimer eine offenere Art haben als manch andere. Selbst die nahe gelegenen Zweibrücker haben ein geselligeres Auftreten als wir Pirmasenser – womöglich kommt ihnen dabei der nicht zu leugnende saarländische Einschlag zugute.
Art nicht immer einladend
Heißt das also im Umkehrschluss, dass die Schuhstadt der einzige Fleck der Pfalz ist, in dem die Menschen mit finsteren Mienen ein schlecht gelauntes Dasein fristen? Nein. Wer Pirmasens und die Einheimischen kennt, weiß, dass sie etwas Zeit benötigen, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Die Bürger nur dafür als unfreundlich abzustempeln, weil sie nicht durchgehend mit einem breiten Grinsen und laut grüßend durch ihre Stadt flanieren, wird ihnen nicht gerecht.
Auch als gebürtiger Pirmasenser, der das Vorurteil selbst öfter bedient, ist es nachvollziehbar, dass der eine oder andere Gesichtsausdruck abschreckend, eine kurzsilbige Antwort wenig einladend wirken kann. Nimmt man die Leute aber so, wie sie sind, und gibt ihnen Zeit, aufzutauen, zeigt sich die Pirmasenser Geselligkeit.
Keine aufgesetzte Freundlichkeit
Und diese Zeit lohnt sich. Wer es schafft, die zurückhaltenden Pirmasenser aus der Reserve zu locken, wird in aller erster Linie mit Ehrlichkeit belohnt. Eine nette Begrüßung samt überschwänglichem Smalltalk kann sich anfangs toll anfühlen. Ist diese Freundlichkeit aber nur aufgesetzt, ist sie letztlich weniger wert als der Dreck unter den Fingernägeln.
So etwas ist in der Horebstadt die Seltenheit. Wer von Pirmasensern freundlich behandelt wird, kann sich in den meisten Fällen sicher sein, dass es von Herzen kommt. Wäre es nicht so, würde man es wohl recht schnell erfahren. Denn die Menschen hier sind zudem für ihre Direktheit bekannt – „vun de Lung uff die Zung“, wie es so schön heißt. Auch damit muss man als Außenstehender erst einmal zurechtkommen. Aber nicht umsonst gilt die ehrliche, direkte Art als eine der größten Tugenden der Pirmasenser und wird von Besuchern wie von Einheimischen gleichermaßen geschätzt.
Pils statt Schorle
Schon sprichwörtlich ist bekannt, dass man ein Buch nie nach seinem Einband beurteilen sollte. Hinter den grimmigen Gesichtern, die durch die Schuhstadt ziehen, verbergen sich in vielen Fällen grundehrliche, herzliche Menschen. Wer Geselligkeit sucht, findet sie nicht nur bei einer Schorle auf den Weinfesten der Süd- und Vorderpfalz. Es gibt sie auch bei einem frisch gezapften Pils in den Pirmasenser Kneipen und Biergärten – man muss nur etwas Geduld mitbringen.
Zur Serie
In der Serie „Gemeckert iss glei“ geht RHEINPFALZ-Redakteur Maximilian Schenk Vorurteilen und Klischees rund um seine Heimatstadt auf den Grund – und damit der Frage: Ist wirklich so vieles schlecht an Pirmasens? Den jüngsten Teil der Serie finden Sie hier.


