Kaiserslautern
Gefährtin aus der Pfalz
Der erste „Jedermann“ wurde von Max Reinhardt inszeniert, der die Salzburger Festspiele ins Leben rief und heute als überragender Theatermacher des 20. Jahrhunderts gilt. Damals wie heute kommt die Besetzung der Titelrolle in der Bühnenwelt einem Ritterschlag gleich, der nur den berühmtesten (Theater-) Schauspielern zuteil wird.
Im Premierenjahr wurde Alexander Moissi als mythischer Großmeister der deutschen Mimenkunst verehrt. Kritik und Publikum feierten ihn ob seiner Sprechkultur und Intonation, seines facettenreichen Darstellungsstils, seiner beseelt-hingebungsvollen Rolleninterpretation. So gab Reinhardt ihm die Rolle des reichen Prassers, der im Augenblick seines Sterbens erkennen muss, wie leer und selbstsüchtig sein Leben war.
Den Todesengel in Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Manns“ stellte 1920 der große Werner Krauß dar. Weitere Mitwirkende der ersten Aufführung waren Heinrich George, die spätere Reinhardt-Gattin Helene Thimig sowie der aus Ludwigshafen stammende William Dieterle, der bald ein erfolgreicher Hollywood-Regisseur wurde. Jedermanns Geliebte, seine „Buhlschaft“, spielte Johanna Terwin, im wahren Leben Moissis Ehefrau. Deren reiches Bühnen- und Filmschaffen wird vom dauerhaften Nachruhm ihres Mannes verdeckt.
Debüt in der Ludwigstraße
Auch in Kaiserslautern stößt die Nennung ihres Namens überwiegend auf Achselzucken. In den Lexika und Büchern zur Theatergeschichte wird sie meist als „Münchnerin“ geführt. Doch die Wiege der Schauspielerin stand tatsächlich in der Kaiserslauterer Ludwigstraße.
Hier wurde Wilhelmine Johanna Winter, die ihren Namen später zu Terwin verfremdete, am 18. März 1884 geboren. Ihre Mutter Frida, geborene Linsmayer, stammte aus Bayreuth; Vater Wilhelm Winter wurde in Neuburg am Inn geboren und 1875 als Realschullehrer ins damals bayerische Kaiserslautern versetzt. Drei Kinder kamen hier zur Welt, ehe der Professor 1886 nach Regensburg versetzt wurde.
An der Seite des Stars
Ihr Debüt als Bühnenschauspielerin gab Johanna Terwin anno 1904 in Passau. Weitere Engagements führten sie nach Zürich und München, bevor sie 1910 in die Kulturmetropole Berlin wechselte. Hier spielte sie unter anderem im Theater am Schiffbauerdamm sowie im Berliner Theater, ehe sie ans Deutsche Theater engagiert wurde. Der genialische Bühnenzauberer Reinhardt, der 1933 aus Deutschland verjagt wurde, besetzte sie als „Sumurun“ und „Minna von Barnhelm“, in Ibsens „Gespenstern“, dem „Arzt am Scheideweg“ von Shaw und Wedekinds „Frühlings Erwachen“.
Er brachte sie mit Moissi zusammen, an dessen Seite sie die großen Liebespaare von Shakespeare spielte: Othello und Desdemona, Hamlet und Ophelia, natürlich Romeo und Julia. Und nur dieses Paar konnte für den „Jedermann“ in Frage kommen, als Reinhardt 1920 die Salzburger Festspiele aus der Taufe hob.
Moissi wurde zum hochbezahlten Superstar seiner Zeit. Über sein rastloses, fast hektisches Tourneeleben berichteten die Zeitungen und Illustrierten wie sonst nur beim Opernsänger Enrico Caruso oder dem Hollywood-Star Rudolph Valentino. Seinen Ruf als Frauenschwarm und Verführer bediente er nur allzu gern, doch Johanna Terwin hielt stets zu ihm.
Der in Worms geborene Journalist und Theaterhistoriker Rüdiger Schaper spricht in seiner 2000 erschienenen Moissi-Biografie von einer „lebenslangen Liebesgeschichte“, die „zu einer Zeit begann, als Moissi mit der Schauspielerin Maria Urfus verheiratet war“.
Charakter im Stummfilm
Ebenso wie Moissi fand auch Johanna Terwin früh zum Film, den viele Theaterschaffende damals noch als minderwertige Kunstform betrachteten. Zu den ersten Berühmtheiten, die sich selbstbewusst zur deutlich lukrativeren Arbeit vor der Kamera bekannten, gehörten Paul Wegener und der mit dem Iffland-Ring dekorierte Mannheimer Albert Bassermann; er wurde später wegen seiner jüdischen Frau aus Deutschland vertrieben. Wie sie wandte sich Johanna Terwin bereits vor dem Ersten Weltkrieg dem neuen Medium zu.
In „Heimat und Fremde“ spielte sie 1913 die Frau eines Bankierssohns, den seine Spielsucht in den Ruin treibt. Die „Lichtbild-Bühne“ lobte nach der heftig beklatschten Uraufführung, sie verkörpere „als reizende Adoptivtochter (…) eine echte Frauengestalt, die in flottem, ausdrucksvollem Spiel sehr schön zur Geltung kommt“.
Wenig später war das Ehepaar Moissi/Terwin ein einer filmischen „Commedia dell’Arte“ zu sehen: In „Das schwarze Los“ (1913) gab er den Pierrot, sie die Colombina. Auch in der Puschkin-Verfilmung „Pique Dame“ und dem „Lebenden Leichnam“ (beide 1918) nach Tolstoi standen die beiden gemeinsam vor der Kamera. Im Artistendrama „Sodoms Ende“ (1914) führte er Regie, sie spielte die Hauptrolle.
Daneben übernahm Johanna Terwin Charakterrollen in grimmigen Stummfilm-Melodramen: eine Millionärsgattin, die sich als Modell für ein Kunstwerk namens „Die badende Nymphe“ (1914) auszieht; eine leichtlebige Dichterfreundin in „Lache, Bajazzo“ und eine Unternehmergattin, die sich nach dem Gedächtnisverlust ihres Manns einem anderen zuwendet („Paragraph 14 BGB“, beide 1915); schließlich eine untreue Ehefrau, welche die Vaterschaft ihres Kindes in Frage stellt, in „Der ewige Zweifel“ (1918).
Nach dem enormen Erfolg des „Jedermann“ kehrte das seit 1919 verheiratete Künstlerpaar fast gänzlich zum Theater zurück. Johanna Terwin filmte erst wieder 1933, nach der Einführung des Tons: Als Mutter der beiden quirligen Lustspiel-Stars Trude Berliner und Claire Rommer, die ihre Töchter zu einer guten Partie drängen will, spielte sie in „Tausend für eine Nacht“ (1933) nur noch eine Nebenrolle.
In der Musikkomödie „Blumen aus Nizza“ (1936) war sie als strenge Musiklehrerin am Konservatorium zu sehen, im patriotischen Schmachtfetzen „Ernte“ (1937) als Adelsdame und Mutter, in der Studentenromanze „Die unruhigen Mädchen“ (1938) als Tante eines verliebten Schriftstellers. Im Krimi-Melodram „Premiere“ (1937) gab sie an der Seite von Zarah Leander, Attila Hörbiger und Theo Lingen die Mutter eines Kriminalkommissars. Ihr letzter Kinofilm war „Frauensee“ (1958), der für sie neben Barbara Rütting, Ivan Desny, Bernhard Wicki und Dietmar Schönherr die kleine Rolle einer Tante bereithielt.
Zwischen Bühne und Film
Zu dieser Zeit hatte sich Johanna Moissi-Terwin, wie sie sich jetzt nannte, in Zürich niedergelassen. Ihren weltweit verehrten Mann, den Presse und Publikum gleichermaßen bejubelten, begleitete sie auf mehreren Tourneen, unter anderem mit dem „Hamlet“. Nach dem Tod Moissis, der 1935 mit nur 54 Jahren an einer Lungenentzündung starb, lebte sie zeitweilig in Italien und trat 1941 am Deutschen Theater Berlin auf.
Schließlich ließ sie sich in Zürich nieder, übernahm aber Gastengagements nach Göttingen, Wuppertal, Wien und 1957 noch einmal am Renaissancetheater Berlin. Ihre Abschiedsvorstellung gab sie 1959 in Basel als Großmutter in Osbornes „Tod im Apfelbaum“. Vom Theater mochte sie auch danach nicht lassen. Sie gab Unterricht für den Bühnennachwuchs und lehrte unter anderem an der Zürcher Schauspielschule von Wolf Bosshard.
Anfang 1962 starb Johanna Terwin 77-jährig in Zürich. Der Kreis zu Kaiserslautern schloss sich, als 1967 eine ihrer Schülerinnen ans Pfalztheater engagiert wurde: Margret Dürselen, die fast 35 Jahre dem Lauterer Ensemble angehörte und noch heute in der Barbarossastadt lebt.
Als sich 2015 im Pfalztheater der Vorhang zur Uraufführung der Rockoper „Everyman“ von Andy Kuntz öffnete, spielte Adrienn Cunka die Buhlschaft. Bei den Salzburger Festspielen 2015 spielte der gebürtige Lauterer Sierk Radzei in Brechts „Dreigroschenoper“ den korrupten Polizeichef Tiger Brown. Die Salzburger Buhlschaft des Jahres 2020 ist die Burgschauspielerin Caroline Peters, in Mainz geboren und bekannt aus der Eifel-Krimiserie „Mord mit Aussicht“.