Pirmasens Gamben-Virtuose Paolo Pandolfo erklärt sein Instrument
Wie wurde Ihre Leidenschaft für die Viola da Gamba entfacht?
Nachdem ich schon mit einigen Instrumenten Erfahrungen gesammelt hatte, begegnete ich der Viola da Gamba und spürte sofort eine tiefe Verbindung. Und das, obwohl ich als Kind erst einmal mit Klavier begann und dann Gitarre, Geige, E-Gitarre, E-Bass und sogar Kontrabass in der Klassik- und der Jazz-Version ausprobiert habe.
Was ist das Besondere an dem Instrument?
Die Viola da Gamba vereinigt Eigenschaften vieler Instrumente in sich. Meine Vergangenheit als Poly-Instrumentalist ging also einfach weiter mit einem unglaublich vielseitigen Instrument. Der Klang der Gambe ist so unglaublich reich an Obertönen, mit denen sie jeden aufmerksamen Zuhörer tief berühren kann. Die Vereinigung von Zupf- und Streichinstrument verleiht der Gambe unendliche Fähigkeiten. Diese gestrichene Laute kann alles …
Warum hat Ihre Gambe einen so schön geschnitzten Kopf?
So ein Schnitzwerk wurde Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts normal – damals, als die Gambe eines der bevorzugten Instrumente der Adligen in den Höfen von ganz Europa wurde. Ein geschnitzter Kopf war und ist ein Zeichen für raffinierten Geschmack.
Die Gambe wird auch Bein-Viola genannt. Wie wird sie gespielt beziehungsweise gehalten?
In der Renaissance gab es zwei Familien von Streichinstrumenten, die Arm-Violen und die Bein-Violen. Die Eigenschaft der Arm-Viola ist, dass man nicht sitzen muss, um sie zu spielen. Deshalb wurde sie gern von Straßenmusikanten genutzt. Auch das Bassinstrument der Arm-Violen, das Cello, spielte man oft im Gehen. Beweis dafür ist, dass sehr viele alte Celli-Spuren von einem Loch am Hals zeigen, durch die früher eine Schnur gezogen wurde, um das Cello umhängen und so im Stehen und Gehen spielen zu können.
Also sind Instrumente gesellschaftsabhängig.
In der Renaissance war die Geigenfamilie eher von tieferen sozialen Schichten gespielt, die Bein-Viola dagegen war eher für die Musik in Kirchen, Palästen und Höfen eingesetzt. Sie war sehr beliebt bei Adligen und Aristokraten. Das erklärt auch, warum sie nach einigen Revolutionen schnell vergessen wurde. Die Arm-Violen waren – und das sind sie immer noch – vierseitig und nach Quinten gestimmt, während die Bein-Violen wie die Lauten gestimmt waren, also sechsseitig und in Quarten sowie mit Bünden. Dadurch ist ein polyphonisches Spiel und auch lang resonierende Klänge möglich.
Stimmt es, dass Gamben manchmal wie Glocken oder lamentierende Stimmen klingen?
In der extremen Vielfalt der Klänge, die die Gambe produzieren kann, gibt es auch diese ästhetischen Gegensätze. Beide waren und bleiben sehr wichtige Klangvorbilder. Ich spreche von obertonreichen resonierenden Klängen, wie denen von Glocken sowie der singenden und lyrischen Klangqualität wie der von menschlichen Stimmen. Um diese Töne erklingen zu lassen, benötigt es allerdings eine hochraffinierte Bogentechnik.
Haben Sie sich deswegen entschieden, die Musik von Monsieur De Sainte Colombe aus dem 17. Jahrhundert zu präsentieren?
Ich liebe die Musik von Sainte Colombe. Zu seiner Zeit entwickelte sich ein Bewusstsein von Seiten der Gamben-Meister für die extreme Vielfalt der Viole de Gambe. Das ist kaum zu glauben. Im Tombeau für zwei Gamben gibt es die beiden Aspekte klar beschrieben auch schon in den Titeln „Glockenklang“ (Cloches oder Carillon) und „Lamento“ (Les Pleurs).
Wie holt man solche Töne aus dem Instrument hervor?
Der Bogen muss machen, was der Kopf oder noch besser, der Geist des Instruments ihm befehlt. Der Bogen ist die direkte Verbindung zum Instrument, der mit dem Musiker bestenfalls eins wird.
In dem Pirmasenser Konzert ist auch Musik des englischen Komponisten Tobias Hume (1569-1645) zu hören. Was gefällt Ihnen an seinen Kompositionen?
Sein sympathischer Antiakademismus und gleichzeitig seine unendliche Kreativität, gepaart mit einen tatsächlich klaren musikalischen Genie. Wenn man bedenkt, dass er Soldat war, ist das kaum zu glauben. Traurig, dass er am Ende seines Lebens arm und so gut wie vergessen war.
Was bedeutet der Titel des Konzerts „Les Joyes des Elisées“?
Es ist auch der Titel des letzten Kapitels von Sainte Colombens „Tombeau“, also den „Himmelsfreuden“. Ein „Tombeau“ ist eine musikalische Begleitung der Trauer. Am Ende dieses „Tombeaus“, also nach der Beschreibung der verschiedenen Phasen der Trauer, die mit dem Tod einen geliebten Menschen verbunden sind, kommt die Hoffnung, dass seine Seele im Paradies aufgenommen wird. Darum entfalten sich freudvolle Musikfiguren in dem zweigambischen Dialog. Eine zweite Bedeutung des Titels war für uns beide, dass wir unser Zusammenspiel als ausgesprochen wertvoll erachten. Amélie und ich schätzen es als eine Art Privileg, dass uns „Himmelsfreuden“ schon auf dieser Erde vergönnt sind. Deswegen haben wir entschieden, unser Programm so zu nennen.
Alte Musik sei eine Inspirationsquelle für die Zukunft der westlichen Musiktradition, haben Sie einmal gesagt. Inwiefern?
Vor allem, weil in der Renaissance und Barockzeit jeder Musiker dazu fähig war, zu improvisieren und komponieren. In der Spätromantik entstand allerdings ein Bruch zwischen Interpret und Komponist, der mit der Zeit immer tiefer wurde. Dieser Bruch ist meiner Ansicht nach eine riesige Bremse für die Lebendigkeit der westlichen Musik bis heute.
Ist es Ihnen deswegen so wichtig, eine musikalische Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen?
Alte Musik muss zu uns sprechen können und eben nicht alt klingen. Um Alte Musik überzeugend anbieten zu können, muss man sie so tief kennen, dass sie neu komponiert als Neue Musik klingen kann. Wenn man sich die Zeit nimmt, auf dem Instrument zu improvisieren, passiert es von selbst, dass auch neue Kompositionen auftauchen. Mit Amélie habe ich gerade ein ganzes Projekt mit meinen neuen Kompositionen aufgenommen.
Haben Sie einen Lieblingskomponisten?
Eher eine Liste von Lieblingskomponisten, wenn ich es auf das Gambenrepertoire begrenze. Von der Renaissance bis zum Frühbarock, von den Anfängen mit der Italienischen Viola bastarda und Meistern wie Giovanni Battista Bassani, Vincenzo Bonizzi bis zu Carl Friedrich Abel und auf dem Weg natürlich Tobias Hume, Martin Marais, Johann Sebastian Bach und Carl Philipp Emanuel Bach.
In Pirmasens treten Sie mit Amélie Chemin auf. Sie ist Ihre Frau. Was ist das Besondere, wenn Sie beide mit Ihren Instrumenten im Dialog sind?
In unserer Vorstellung gibt es nur eine Musik, die noch schöner ist, als die von einer Gambe: Musik mit zwei Gamben. Wir haben als Paar mehrere Jahren gewartet, bevor wir uns getraut haben, zusammen zu musizieren. Die menschliche Verbundenheit, die sich aus all den Elementen zusammensetzt, die eine komplexe und tiefe Beziehung ausmacht, überträgt sich auf die musikalische und künstlerische Verbundenheit. Und in der spielen gerade charakterliche Unterschiede eine grundlegende Rolle, um sich gegenseitig zu ergänzen.
Wie sind Sie sich begegnet?
Amélie war fünf Jahre lang meine Studentin in Basel. Unsere sentimentale Beziehung fing allerdings erst nach ihrem Abschluss an …
Wie nennen Sie sich als Duo?
Duo Chemin-Pandolfo, oder Pandolfo-Chemin Duo. Auf Französisch kann man mit dem Wort Chemin spielen, da Chemin auch Weg bedeutet. Wir haben neulich einen Verein gegründet, der Labyrinto Chemin-Pandolfo heißt.
Wie sieht Ihr Musikeralltag aus?
Obwohl wir uns oft Alltag wünschen, hat er keine Zeit, sich in unserem Leben zu etablieren. Aus verschiedenen Gründen sind wir Nomaden – wegen den Konzerten, aber auch für unsere Familien. Es passiert selten, dass wir eine Woche an demselben Ort bleiben. Wir leben und arbeiten projektweise. Das bedeutet eine ständige Abwechslung zwischen extremen, intensiven Perioden, in denen fast nur musiziert wird, und Perioden, in denen man die Musik ausruhen lässt. In diesen Momenten kann dann doch eine vorläufige Art von Alltag in unserem Leben auftauchen. Das ist sehr schön: Nur ein wenig üben, ein wenig die Natur genießen, ein wenig Sport machen und Freunde und Familie treffen.
Konzert
Amélie Chemin und Paolo Pandolfo: „Les Joyes des Elisées“, Sonntag, 12. April 2026, 18 Uhr, Forum Alte Post Pirmasens, Einführung: 17,15 Uhr, mit Volker Christ und seinem Musikleistungskurs am Immanuel-Kant-Gymnasium in Pirmasens. Zu hören sind Werke von Monsieur de Sainte Colombe, Tobias Hume und Paolo Pandolfo. Karten: ticket-regional.de
.
Zur Person
Der Italiener Paolo Pandolfo, Jahrgang 1959, wird als der Paganini der Viola da Gamba bezeichnet. Im Jahr 1979 beginnt er mit dem Geiger Enrico Gatti und dem Cembalisten Rinaldo Alessandrini Forschungen auf dem Gebiet der Renaissance- und Barockmusik und studiert anschließend bei Jordi Savall an der Schola Cantorum Basiliensis in der Schweiz. 1982 wurde er Mitglied von Jordi Savalls Ensemble Hesperion XX und konzertiert bis 1990 mit ihm weltweit. 1990 wird er zum Professor für Viola da Gamba an seiner Alma Mater, der Schola Cantorum Basiliensis in Basel, ernannt. Er konzertiert mit Künstlern wie Emma Kirkby, Rolf Lislevand, Rinaldo Alessandrini, Mitzi Meyerson und José Miguel Moreno. Sein erstes Solo-Recital, „A Solo“, wird von Gramophone als eine der besten Veröffentlichungen des Jahres 1998 ausgezeichnet. Seine Transkription von Johann Sebastian Bachs sechs Solosuiten, die im Jahr 2000 erschien, war nicht nur ein großer Erfolg, sondern ein bedeutendes musikalisches Ereignis und gehört in jede Bach-Komplettsammlung. Paolo Pandolfo wird weltweit zu Konzerten und Meisterkursen eingeladen.