Hauenstein RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Literat, Schöngeist und Menschenfreund

Lorenz Wingerter wäre am Freitag 130 Jahre alt geworden
Lorenz Wingerter wäre am Freitag 130 Jahre alt geworden

feiner Poesie zu überziehen, lebte von 1935 bis 1959 in Hauenstein, wo er die erste Apotheker eröffnete. Wingerter, den die Einheimischen nur „De Apotheker“ nannten, wurde am vergangenen Freitag vor 130 Jahren geboren.

Die älteren Hauensteiner können sich noch an ihn erinnern, wenn er mit seiner blütenweißen Apothekerkleidung vor seiner Sonnen-Apotheke oder auf dem unteren Rathausplatz stand und mit den Passanten über Gott und die Welt ein Schwätzchen hielt. Am vergangenen Freitag wäre „de Apotheker“ Lorenz Wingerter 130 Jahre alt geworden. Geboren wurde er 1890 als zwölftes Kind eines Gartenbauinspektors in Speyer.

Von 1935 bis 1959 lebte er in Hauenstein. Aber auch danach, als er schon zu seiner Tochter nach Landau verzogen war – er starb im Jahre 1969 – sah man ihn noch wöchentlich in seinem geliebten Hääschde, wo er vor nunmehr genau 85 Jahren in der Dahner Straße die erste Hauensteiner Apotheke eröffnet hatte.

Die Hauensteiner schätzen Lorenz Wingerter immer noch. So wurde 1990 zu seinem 100. Geburtstag eine Feier mit zahlreichen Ehrengästen im Haus des Gastes veranstaltet. Kurze Zeit später widmeten die Hauensteiner ihrem heimlichen Ehrenbürger und Philanthropen im Rahmen der Ortskerngestaltung auch einen eigenen Platz: Der Lorenz-Wingerter-Platz vor „seiner“ Apotheke mit dem historischen Schuhmacherdenkmal des aus Lug stammenden Künstlers Franz Leschinger íst mitten im neuen Zentrum ein Vermächtnis und Erinnerung an einen großen Pfälzer Literaten geworden.

Wingerters literarisches Talent wurde früh entdeckt

Ein Blick in eines seiner frühesten Werke „Heimat , öffne deine Quellen“ (Speyer 1923) zeigt, was den von Humanität und unbändiger Heimatliebe geprägten Poeten im Innersten bewegte: „Heimat öffne deine Quellen,/ lass uns deine Schönheit trinken,/ dass im Strom der Alltagswellen,/ deine Kinder nicht versinken….“. Oder die Liebe zum Menschen – sie erinnert an eine ganz tiefe „humanitas“, wie sie auch die Hauensteiner noch kennen: „Oh, dass doch sehend werde,/das blinde Menschenkind,/ dass alle auf der Erde der Schöpfung Erbe sind…“.

Wingerters frühe Gedichte sind ganz im Stil der Zeit geschrieben. Die großen Literaten erkannten die Bedeutung des jungen Speyerers und beriefen ihn schon sehr früh als Schriftleiter der damals hoch angesehenen Zeitschrift „Palatina“. Wingerter war auch mit seinem Freund, dem Herausgeber Roland Betsch, in den inneren Zirkel der Pfälzer Literaten und Lyriker gerückt. Das literarische Heimatbuch „Rheinpfalz“, das er im Jahr 1928 zusammen mit Betsch in einem Leipziger Verlag herausgegeben hat, ist jetzt bald ein Jahrhundert alt, aber immer noch in seiner Art modern und zeitlos.

Lorenz Wingerter konnte aber auch sehr nachdenkliche und mahnende Lyrik sprechen lassen. Die Erschütterung durch den Ersten Weltkrieg beispielsweise ließ den jungen Poeten auch diese Zeilen in der Hoffnung auf ein besseres Leben schreiben: „Auf allem Ird’schen lastet der Stunden stummes Leid, und meine Sehnsucht weitet sich auf zur Ewigkeit“. Auch seine Gedichte und Texte über das Unheil des Zweiten Weltkriegs gehen ins Tiefe und sind immerwährende lyrische Mahnungen zum Frieden.

In den Olymp der geachteten Pfälzer Lyriker, die auch ihre Mudderschbrooch als hohes Kulturgut hegten und pflegten, gelangte Wingerter schließlich 1955, als sein Bändchen „Pfälzer Mudderschbrooch“ (erschienen in Neustadt) große Begeisterung hervorrief. Es ist eine köstliche Auslese feinsinniger Dialekt-Poesie und biografischer Skizzen.

Hauenstein kämpfte lange für eine eigene Apotheke

Für Hääschde war Wingerter ein Glücksfall. Dabei war die Niederlassung des jungen Apothekers alles andere als einfach. Schon 1926 hatte sich der Gemeinderat in dem von der Industrialisierung extrem wachsenden Ort für eine eigene Apotheke eingesetzt, mussten doch die verschriebenen Rezepte in Dahn oder Annweiler geholt werden. Es sei nicht verantwortlich – so die Großkopfeten in Speyer –, dass ein Ort mit 2200 Einwohnern und „das fehlende Hinterland“ die Existenz einer Apotheke garantieren könne, beschied die Regierung in Speyer das jährliche Begehren der Hauensteiner. Heute beherbergt der Ort zwei Apotheken, wobei Lorenz Wingerter bereits 1955 von der Dahner Straße in die repräsentativen Räume der neuen Sparkasse am Rathaus umgezogen ist. Und bei der Wahl des Namens der ersten Hauensteiner Apotheke hat der junge Apotheker aus der Domstadt eine seiner prägendsten Charaktereigenschaften umgesetzt: Sonnen-Apotheke nannte er seine eigene Apotheke, getreu seinem Lebensmotto „Hab’ immer Sonne im Herzen….“

Und dieses sonnige, lebensbejahende Gemüt „ihres“ Apothekers erfasste auch die Hauensteiner, deren Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit ihn von Anfang an auch literarisch beflügelte. So war „de Apotheker“, der übrigens als entschiedener Gegner des Nazi-Regimes zusammen „mim Prälat“ (Georg Sommer) dafür sorgte, dass Hauenstein im Wesentlichen dem Regime trotzte, jetzt genau vor 70 Jahren nach schweren Nachkriegsjahren sofort bereit, als Bürgermeister Hermann Seibel den „Hauensteiner Bote“ begründete, dort als Autor mitzuwirken. Und in der allerersten Ausgabe des „Boten“ der am 1. Oktober sieben Jahrzehnte alt wird, erschien neben einem literarischen Geleitwort Lorenz Wingerters auch gleichsam als Morgengabe einer seiner äußerst zahlreichen lyrischen Texte: „Sitte, Denken, Brauch der Alten,/ lass uns sinnend neu erleben,/hilf erhalten und gestalten deines Volkes Art und Leben“.

Lorenz Wingerters Herz für die „Halbstarken“

Und ganz zum Schluss ist da auch noch der ins Tiefe gehende Philosoph Lorenz Wingerter, der die Weisheit und alle Menschen, insbesondere die Jugend und vor allem die „Halbstarken“ der 50er Jahre ebenso liebte wie seinen Beruf. Ein bislang unveröffentlichter Text zeigt einen nachdenklich reflektierenden und einen eigentlich ganz anderen Lorenz Wingerter: „Alles Unglück entspringt aus der Selbstüberhebung des individualistischen Menschen, der am Glück vorbeigeht, weil er nicht demütig ist und sich nicht so gering fühlt, dass er sein Ich dienend dem Ideal der aktiven Liebe unterstellen mag: Der Mensch baut sich nach Vermögen in das Dingliche, Zeitliche ein und vergisst, dass diese Wallfahrt auf Erden nur zu unserer Reinigung bestimmt ist“.

Volkstümlich und heimatverbunden bis ins hohe Alter: Auch als er schon in Landau wohnte, kam „de Apotheker“ (2. v. re.) immer ge
Volkstümlich und heimatverbunden bis ins hohe Alter: Auch als er schon in Landau wohnte, kam »de Apotheker« (2. v. re.) immer gerne nach Hauenstein zum Tag der Senioren.
Die Sonnen-Apotheke gibt es heute noch im Zentrum Hauensteins am Lorenz-Wingerter-Platz. Im Vordergrund ist der 1986 errichtete
Die Sonnen-Apotheke gibt es heute noch im Zentrum Hauensteins am Lorenz-Wingerter-Platz. Im Vordergrund ist der 1986 errichtete Schusterbrunnen zu sehen.
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