Pirmasens
Ein Besuch im Atelier des blinden Pirmasenser Malers Wolfgang Jung
Wer den Pirmasenser in seiner Wohnung auf dem Horeb trifft, könnte nicht den Eindruck gewinnen, dass er blind ist. Eine Blindenbinde trägt er nicht. „Ich bin immer noch unabhängig“, betont er. Jung erledigt alles selbst, bedient den Besucher mit Kaffee und Wasser und erzählt begeistert von seiner Kunst. Die ist mit zig Bildern an den Wänden überall präsent.
Es finden sich realistische Aquarelle, eine sehr stimmungsvolle Kneipenszene in Öl und viele abstrakte Gemälde. Jung hat noch ein Sehvermögen von 0,8 Prozent. Das reicht aus, um hell und dunkel zu unterscheiden. Mehr geht nicht mehr. Den Besucher könne er nicht beschreiben, und was auf seinen Bildern zu sehen ist, bleibt für Wolfgang Jung im Dunkeln.
Die Bilder in seiner Wohnung sind nicht alle in der Zeit seiner Blindheit entstanden. Die begann 2015 für den früheren Taxifahrer, der irgendwann merkte, dass er nachts immer weniger sehen konnte. 50 Prozent sah er damals noch, ergab ein Test, der dann auch gleich das Ende für den Beruf des Taxifahrers bedeutete. Zu Anfang habe er noch realistisch gemalt. Landschaften oder das Bild eines Vogels sind aus dieser Zeit. Die Bilder änderten sich mit seiner immer schwächer werdenden Sehstärke. Als er nur noch fünf Prozent sehen konnte, ist das Kneipenbild entstanden. Seit er so gut wie blind ist, wurden die Motive immer abstrakter.
Wobei er mit viel Aufwand kürzlich wieder eine realistische Szenerie gemalt hat. Eine Skyline mit Wolkenkratzern wird von einem Auge am Himmel beobachtet. Ein für Wolfgang Jung besonderes Bild. „Ich sehe was, was Du nicht siehst“, hat Jung vieldeutig das Bild betitelt. „Das war schon eine Herausforderung und hat mich über Wochen beschäftigt“, schildert Jung seine Suche nach Tricks, um das fehlende Augenlicht auszugleichen. Unter anderem hat er mit einem Stab gearbeitet und sich die Schwerkraft zunutze gemacht, um sicherzustellen, dass die Linien auch exakt gerade nach unten gehen, schildert der Pirmasenser einen der Tricks, mit denen er das fehlende Augenlicht auszugleichen versucht.
„Ich habe schon immer gemalt“, erzählt Jung, dem früher die Zeit für das Hobby fehlte. Jetzt hat er die Zeit und will nicht vor der Blindheit kapitulieren. „Es gibt aktive, blinde Fußballspieler und Kletterer“, nennt er weitere Beispiele für Menschen, die trotz fehlender Sehkraft aktiv bleiben.
Am Anfang habe er immer das fertige Bild schon im Kopf und dann beginne auch der Prozess, das Imaginierte in die Realität umzusetzen. So wie es jeder Künstler tut, auch wenn er voll sehen kann. Vor dem Malen müsse er allerdings die Rollläden schließen. Die weiße Leinwand blende ihn paradoxerweise. Mit der richtigen Musik geht dann die Malerei los.
Das für einen normal Sehenden Unvorstellbare ist eine komplexe Arbeit, bei der Jung nicht einfach drauflos pinselt, sondern das Bild in großen Zügen plant. Mit Klebeband und gespannten Fäden, Bereiche auf der Leinwand abtrennt und mit Stecknadeln Orientierungspunkte festlegt. Dazu kommen hauchdünne Schichten Modellierpaste auf den Bildern, an denen er sich beim Malen entlangtasten könne. Schichten, die für andere Menschen kaum fühlbar sind. Wo frische Farben sind, werde von ihm mit den Händen ertastet. Gemalt werde mit Pinseln und natürlich auch den Händen, wie es andere Künstler auch tun. Welche Farben er verwendet, da helfe ihm eine Farberkennungs-App für sein Smartphone. Nur noch die Farbe Rot könne er ein bisschen erkennen.
Eine große Hilfe sei seine Lebensgefährtin Birgit Wagner, die ihn immer unterstütze, wenngleich die Malerei allein von ihm ausgeführt wird. Wenn er irgendwann das Gefühl habe, das Bild sei fertig, höre er auf. „Das ist so ein Bauchgefühl“, meint Jung, der betont, dass er später nicht sagen könne, wie das Bild aussehe.
Für die Ausgangssperre wegen des Coronavirus habe er sich einen Vorrat an Leinwänden zugelegt, damit er auch genug zu tun habe, erzählt der Maler. Aktuell entstehe ein Bild pro Woche. Täglich male er nicht, sonst würden zu viele Bilder entstehen, womit Jung dasselbe Problem wie andere Künstler auch hat, denen die Sammler die Bilder nicht aus den Händen reißen. Öffentliche Ausstellungen hatte er bisher keine. Im gläsernen Atelier von Hans-Jürgen Henner habe er zum ersten Mal ausgestellt. Das ist aber Corona-bedingt geschlossen.
Jung hat eine Einzelausstellung in Zusammenarbeit mit City-Manager Constantin Weidlich vorbereitet. Im Carolinensaal will er an drei Tagen seine Kunst zeigen und für einen guten Zweck verkaufen. Ein Projekt des Pirmasenser Zahnarztes Michael Menzel in Ladakh soll damit unterstützt werden. Die Initiative zu der Ausstellung geht von Jung aus. Die Vernissage ist für den 8. Mai geplant, sofern eine länger andauernde Ausgangssperre dem nicht entgegensteht. Und dann soll im August eine weitere Ausstellung stattfinden. Eine Galerie in Bremen hat sich für seine Kunst begeistert.