Pirmasens Ein Abend mit Philipp Felsch

Hugo-Ball-Förderpreisträger Philipp Felsch möchte bei seiner Lesung im Carolinensaal die Pirmasenser kennenlernen.
Hugo-Ball-Förderpreisträger Philipp Felsch möchte bei seiner Lesung im Carolinensaal die Pirmasenser kennenlernen.

Am morgigen Freitag liest Philipp Felsch, Träger des Hugo-Ball-Förderpreises 2017, aus seinem Werk „Theorie des letzten Sommers“, in dem die Jury der renommierten Auszeichnung ein modernes Gegenstück zu Balls „Kritik der deutschen Intelligenz“ erkennt. Als Gesprächspartner wird Ball-Experte Martin Mittelmeier, freier Lektor und Autor aus Köln, erwartet. Die Lesung findet im Pirmasenser Carolinensaal am Buchsweiler-Tor-Platz statt und beginnt um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Sie sind nun seit ungefähr einem halben Jahr Träger des Hugo-Ball-Förderpreises. Hat sich durch den Titel seitdem etwas geändert in Ihrem Leben?

Rein äußerlich wenig. Kontakte zum Literaturbetrieb hatte ich bereits. Doch mein Zuvertrauen als Autor ist seither gewachsen, und auch der Mut, mich zwischen den Disziplinen zu bewegen und Dinge auszuprobieren. Ich kann mir schwerlich einen Namen vorstellen, der als Grundlage dafür besser geeignet wäre als Hugo Ball. Deswegen erfüllt mich die Auszeichnung mit dem Hugo-Ball-Förderpreis mit besonderer Freude. Kannten Sie Hugo Ball vor der Preisverleihung? Natürlich. In erster Linie als Dada-Erfinder und inzwischen auch als Autor des Buches „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“, was für mich ein polemisches, witziges, brillantes Buch über die Geisteshaltung der Deutschen ist. Dieses Werk wollte ich immer schon lesen, nicht zuletzt auch als Vorlage für mein eigenes Buch „Der lange Sommer der Theorie“. Das hat vorher nicht geklappt. Inzwischen kenne ich diese Komödie der deutschen Intelligenz, die mit einer großer Verve geschrieben ist. Was hat Sie an Hugo Ball am meisten beeindruckt? Die Radikalität seiner Avantgarde-Idee. Denn kaum war Dada zu einem gesamteuropäischen Markenzeichen geworden, wandte er sich von dem selbstgeschaffenen Phänomen ab, um andere Wege einzuschlagen. Das finde ich bewundernswert. Andere hätten den Erfolg genutzt und ausgeschlachtet. In seiner Haltung spiegelt sich eine erstaunliche Gleichgültigkeit materiellem Reichtum und selbst Ruhm gegenüber. Das scheint mir ziemlich einzigartig. Ihre Laudatorin hat deutliche Parallelen im Werk Balls und Ihrem erkannt. Wo sehen Sie Schnittpunkte? Der Berührungspunkt ist der, dass wir beide eine bisweilen auch polemische Satire über die deutschen Intellektuellen geschrieben haben. Ball verarbeitete seinen Hass auf den Kulturprotestantismus. Bei mir war ein gewisses Unbehagen am Theorie-Jargon an den Universitäten der Ausgangspunkt. Diesen Monat ist Bundestagswahl. Gibt es Ihrer Meinung nach Überreste revolutionärer Theorien? Nein. Theorie hat sich kaum auf dem Feld der parlamentarischen Politik abgespielt, sondern eher in der außerparlamentarischen Opposition. Davon handelt auch mein Buch. Damals waren es die Studenten, die sich aus politischer Unzufriedenheit von der SPD losgelöst haben und innerhalb der APO ihre eigene Theorielektüre vorangetrieben haben. Heute heißt die außerparlamentarische Opposition Pegida, die sich allerdings nicht auf Theorien stützt, sondern auf eine nationalistische Ideologie. Bräuchte es mehr an revolutionärer Theorie bei der aktuellen weltpolitischen Lage? Ja, unbedingt. Theorie als Instrument zur Verstärkung des Möglichkeitssinnes, um politische Visionen zu entwickeln. Um in Gedanken durchzugehen, was möglich ist, auch wenn die Zeichen der Zeit nicht gut sind. Über Zukunft wird heute nur noch in Silicon Valley nachgedacht. Das kann nicht sein. Ein wichtiger Punkt hier ist auch, dass Theorie schlechthin von Empfehlungen abgelöst wurde. Die Menschen bevorzugen heute das Narrative, sie brauchen Geschichten zur Orientierung. Ich beobachte, dass sich dieses Phänomen in allen gesellschaftlichen Feldern ausbreitet, nicht nur in der Politik. Das große Schlagwort der Zeit ist Storytelling. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich aktuell? Ich schreibe ein Buch über ein intellektuelles Abenteuer aus der Ära des Kalten Krieges. Im Mittelpunkt stehen zwei italienische Philologen, Giorgio Colli und Mazzino Montinari, die in den sechziger Jahren den Nachlass von Nietzsche veröffentlicht haben, der als faschistischer Autor in der DDR im Giftschrank lag. Colli und Montinari, zwei italienische Kommunisten, haben Nietzsche entnazifiziert. Info —Die Buchhandlung Thalia verkauft Publikationen beider Autoren am Büchertisch, die diese gerne signieren. —Das Publikum hat die Möglichkeit, mit Philipp Felsch und Martin Mittelmeier bei einem Glas Sekt und einem kleinen Imbiss ins Gespräch zu kommen. — Weitere Informationen im Internet unter: www.pirmasens.de/hugo-ball-preis | Interview: Christiane Magin

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