Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Die Zweibrücker Band 114 Thekenrap will für Deutschland beim ESC starten

Man erkennt sofort, warum das Duo 114 Thekenrap heißt.
Man erkennt sofort, warum das Duo 114 Thekenrap heißt.

Es geht 114 Thekenrap um nichts Geringeres, als den kommenden Eurovision Song Contest in Liverpool erneut für Deutschland zu verlieren. Zum Vorentscheid hat das Zweibrücker Rap-Duo deshalb seinen Song „Liern da“ eingereicht. Dazu gibt es Redebedarf, mit Christian Angel (36) und Nicolas Perrault (34). Ganz ernsthaft. Thomas Füßler haben die beiden erklärt, was es mit ihrem Song auf sich hat.

Mit einem innovativen Mix aus Rap und Kultur bewerben Sie sich als ESC-Teilnehmer, um erneut in liebgewonnener Tradition dort Letzter zu werden. Was erlauben Sie sich? Sie wissen doch, dass man in den letzten Jahren eher mit wummernder Eintönigkeit aus Deutschland in den Wettbewerb ging. Wie zum Beispiel 2020 mit Ben Dolic. Oder mit einer seelenlosen Power-Ballade von Malik Harris.
Angel: Äh, ja (schmunzelt). Hm ...

Na, das wird ja ein tolles Interview.
Perrault: Gut. Jetzt haben wir natürlich schon so schlechte Songs wie von Jendrik und Malik Harris ins Rennen um den ESC geschickt, die so eintönig waren, dass sie an Eintönigkeit nicht zu überbieten waren. Da können wir nicht mitspielen. So einfältige Lieder schreiben, das können wir nicht. Das ist leider so. Zu unserem Ziel in Liverpool: Wir haben uns angeschaut, wer da denn noch so im ESC verloren hat. Da haben wir ja Ann Sophie, die ungeschlagen als Letzte 2015, mit null Punkten, unser All-Time-Favourite ist. Das ist auch unser Ziel. Null Punkte für Deutschland. Beim ESC in Liverpool. Das geht nur mit richtig, richtig, generischer ESC-Musik. Und dazu braucht man Balkanbeats, so wie in „Liern da“.

Fürchten Sie nicht, dass Sie die deutsche Vorauswahl-Jury mit innovativer Musik überfordern könnten? Ist Ihnen nichts Langweiliges eingefallen? Ein Schlager vielleicht? Wobei, das ist ja auch gefährlich. Nicole hat mit „Ein bißchen Frieden“ 1982 schließlich aus Versehen gewonnen.
Angel: Das Risiko ist uns schon bewusst, dass die Jury mit unserem Lied überfordert sein könnte. Im Vorjahr ist ja schon Electric Callboy mit „Pump It“ krachend gescheitert. Obwohl das ein fantastischer Song war. Diese Band und ihr Lied wurden für den Vorentscheid nicht einmal zugelassen. Wir gehen im Grunde davon aus, dass auch unser Song von der Jury missverstanden wird.

Sie rappen in „Liern da“ sehr schnell. Man kann den Text kaum verstehen. Sie könnten doch auch undeutlich singen, wie Herbert Grönemeyer?
Angel: Ich weiß jetzt nicht, ob wir uns musikalisch auf so ein hohes Ross setzen dürfen. Aber so schwer verständlich wie Herbert Grönemeyer sind wir definitiv nicht.

Perrault: Und wir heißen ja 114 Thekenrap und nicht 114 Grönemeyer.

Sie singen in Ihrem Lied auch Zeilen in Ukrainisch. Wer macht das denn?
Perrault: Ich.

Können Sie Ukrainisch?
Perrault: Nein. Aber der Google-Übersetzer. Und ich hoffe jetzt einfach mal, dass das was ist, was man im Fernsehen sagen darf (lacht).

Was soll es denn heißen, was Sie da singen?
Perrault: „Vielen Dank fürs Verlieren“. Die Line war ursprünglich in Russisch. Aber dann musste der Wladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine anfangen. Seitdem kann man ja nicht mehr in Russisch rappen.

Um für Deutschland am ESC teilnehmen zu dürfen, braucht man noch ein Video mit einer unfassbaren Geschmacklosigkeit darin. Einen tanzenden ausgestreckten Mittelfinger zum Beispiel wie bei Jendrik und „I Don’t Feel Hate“. Was ist Ihnen denn für Ihr Video eingefallen, um das noch zu übertreffen?
Perrault: Da muss ich jetzt wirklich mal protestieren. Wir haben uns in Zweibrücken umgeschaut. Nach den raptechnisch am besten zu verwertenden Örtlichkeiten. Wir haben quasi das Zweibrücker Getto gesucht und haben leider keins gefunden. Wir sind absolut erzürnt darüber, dass Zweibrücken so sauber ist. Wir haben uns dann notgedrungen einen dreckigen Stromkasten als Location für die Dreharbeiten ausgesucht. Leider sieht man darin ab und an im Hintergrund eine grüne Wiese. So etwas ist für uns eigentlich imageschädigend. In diesem Zusammenhang muss die Stadt Zweibrücken schon noch mit einem bösen Brief von uns rechnen. Von daher ist es uns nicht gelungen, dieses von Ihnen angesprochene Video zu übertreffen.

Haben Sie keine Angst, dass Sie versehentlich einen riesigen Hit komponiert haben könnten? Dann klappt das am Ende nicht mit dem letzten Platz beim ESC und Sie hätten versagt.
Angel: Das wäre schon eine kleine Enttäuschung für uns.

Perrault: Wir nehmen zur Not auch den vorletzten Platz. So lange wir am Ende in Liverpool hinter England liegen, ist alles gut.

Warum hinter England?
Perrault: (lacht) Weil England im ESC in der Regel noch schlechter abschneidet als Deutschland.

Angel: Also oft.

Was machen Sie denn, wenn Sie Vorletzter werden? Oder sogar gewinnen? Sind Sie für diesen Fall mental ausreichend vorbereitet?
Angel: Wenn wir gewinnen, werde ich hinter Bühne mindestens genauso viel koksen, wie es der Damiano David von Maneskin gemacht hat.

Perrault: Ich sag es mal so: Der zweite Auftritt mit unserem Lied, wenn wir den als Gewinner überhaupt hätten, wäre signifikant schlechter als der Auftritt im Wettbewerb zuvor.

Angel: Darauf sind wir ja dann auch nicht vorbereitet. Dann müsste die Version ja „Gewinn da“ heißen.

Eine coole Nummer

Ein ESC-Song? Aus Zweibrücken? Von 114 Thekenrap? Das ist nicht wirklich das, was ein Musikjournalist an einem frühen Freitagmorgen vor 8 Uhr, ungefrühstückt und sogar noch ohne erste Tasse Kaffee, braucht. Könnte man meinen. Doch das Duo Christian Angel und Nicolas Perrault könnte mit „Liern da“ in der Tat Deutschland in Liverpool 2023 vor einer weiteren Blamage retten. Wenn man sie nur lassen würde.

Humor beim Eurovision Song Contest (ESC) hat aus Deutschland nur dann funktioniert, wenn ein gewisser Stefan Raab dahintersteckte. Zum Beispiel mit „Guildo hat Euch lieb!“, das Raab unter seinem Pseudonym Alf Igel – in Anlehnung an Ralph Siegel – für Guildo Horn & die Orthopädischen Strümpfe komponierte. Raab machte aber irgendwann sogar Ernst. Mit unter anderem Lena Meyer-Landrut und „Satellite“, das 2010 triumphal gewann. Seitdem kann man, mit Ausnahme von Roman Lob 2012 (Platz 8) und Michael Schulte 2018 (Platz 4), sämtliche deutsche ESC-Teilnehmer unter den Begriffen „Blamage“ und „unerträglich“ subsumieren. Vor allem für die Teilnehmer von 2020 und 2021 gilt das.

Denn Jendriks Video zur scheinbaren Toleranzhymne „I Don’t Feel Hate“ war schrill und geschmacklos, samt tanzendem Mittelfinger. Und auf die Idee, 2022 Malik Harris mit einer Weichspüler-Ballade ausgerechnet mit dem Titel „Rockstars“ in den Wettbewerb zu schicken, muss man erst einmal kommen. Deutsche ESC-Fans müssen jedenfalls extrem leidensfähig sein, um solch einen Quatsch länger ertragen zu können. Warum dann nicht auch noch „Doppeleinsvier Thekenrap“, wie man den Namen des Zweibrücker Duos richtig ausspricht?

Verlorene Sympathie wettmachen

Denn von diesem Duo kommt möglicherweise der erste deutsche ESC-Beitrag seit gefühlt Jahrhunderten, der wirklich Spaß macht. Der ins Ohr geht. Der – ohne Ironie und todernst gemeint – wie ein klassischer Partyhit klingt. Und dazu noch einen intelligenten Text hat. Ja, man sollte 114 Thekenrap mit Klängen aus Klarinette und Akkordeon wirklich zum ESC nach Liverpool schicken und idealerweise behaupten, das sei das Ende eines dreijährigen Masterplans. Um mit deutschen Beiträgen beim ESC mal so richtig auf die Kacke – Verzeihung – Pauke zu hauen. Das könnte sehr viel verlorene Sympathie wettmachen. 50 Punkte müssten mit dieser musikalischen Offenbarung mindestens drin sein. Denn „Liern da“ macht richtig Spaß, und man könnte die deutsche Fußballnationalmannschaft damit würdig nach vorzeitiger Rückkehr aus Katar, am Flughafen empfangen. Wer weiß? Vielleicht tanzt sie dann dazu?

Die Idee, beim ESC mitzumachen, hatte 114 Thekenrap übrigens schon länger. „Eigentlich mit Gründung der Band im Jahr 2019“, verrät Perrault. „Wir hatten bisher aber nicht die richtige Idee dafür und haben im Herbst 2021 damit angefangen, uns Gedanken zu machen. Dann haben wir den Song, so wie er jetzt steht, in ein, zwei Wochen zusammengebastelt und einen roughen Text geschrieben. Richtig fertig ist er seit drei Wochen.“ Angel rechnet aber damit, dass die deutsche ESC-Jury „wahrscheinlich gar nicht“ darauf reagieren wird. Das wäre allerdings schade.

x