Pirmasens „Die Kinder geben uns viel zurück“

Szene an der Husterhöh-Schule: Die Kinder der vierten Klasse erledigen ihre Matheaufgaben mit Hilfestellung von Anne Hammel.
Szene an der Husterhöh-Schule: Die Kinder der vierten Klasse erledigen ihre Matheaufgaben mit Hilfestellung von Anne Hammel.

„Ich liebe meinen Beruf nach wie vor“, sagt Andrea Koch, Schulleiterin an der Grundschule Horeb in Pirmasens. Die Arbeit mit Kindern liege ihr. Das sei der Grund gewesen, warum sie sich für das Lehramt an der Grundschule entschieden habe. In diesem jungen Alter könne man noch viel bewirken. In den vergangenen Jahren allerdings habe sich in den Schulen vieles geändert. „Unsere Aufgaben sind vielfältiger geworden“, meint sie. „Wir sind für viele Kinder und auch deren Eltern weit mehr als Lehrer“, sagt Koch. Sie nehme heute die Erziehungsaufgaben wahr, für die früher das Elternhaus zuständig war, sagt sie. In ihrer Schule habe zudem ein Großteil der Kinder einen Migrationshintergrund oder komme aus schwierigen familiären Verhältnissen. Diese Tatsache bringe Herausforderungen mit sich, für die Lehrer nicht ausgebildet seien, erklärt die Schulleiterin. Dennoch erfülle sie ihre Aufgabe nach wie vor. „Die Kinder geben uns so viel zurück, auch wenn es oft stressig ist“, sagt sie. Außerdem bricht Koch eine Lanze für ihr Kollegium. „Sie sind so motiviert und engagiert bei der Sache“, das mache für sie als Leiterin vieles einfacher. Anne Hammel, Leiterin der Grundschule Husterhöhe, ist nach vielen Berufsjahren ein Stück weit desillusioniert von ihrem Job. „Schule und auch die Kinder haben sich geändert“, sagt sie. Angetreten sei sie, den Kindern Wissen und den Spaß am Lernen zu vermitteln. „Ziel an unserer Schule war es, dass alle Schüler am Ende ihrer Grundschulzeit die Anforderungen der Lehrpläne erfüllen, dass sie lesen und schreiben können, die Grundrechenarten beherrschen und nach Möglichkeit auch schwimmen können“, sagt sie. Diese Ziele seien inzwischen leider nicht für jeden Schüler erreichbar. Die Realität in ihrem Schulalltag sehe anders aus. Es komme oft vor, dass geplante Stunden aufgrund von Störungen gar nicht gehalten werden könnten. Schüler kommen nicht zur Schule, Eltern kümmern sich nicht. Fehlende Sprachkenntnisse sowohl bei vielen Schülern als auch deren Eltern mache es schwierig, miteinander zu kommunizieren, sagt Hammel. Immer wieder stünden Telefonate mit dem Ordnungs- oder Jugendamt an. Es komme vor, dass neue Schüler ohne Voranmeldung plötzlich da seien. „Das wirft dann den Tagesplan zusätzlich durcheinander“, sagt sie. Aus ihrer Sicht fehlen Sozialpädagogen oder zumindest zusätzliche Lehrer. Inzwischen habe sie die Grenzen ihres Einflusses akzeptiert, sagt die Schulleiterin. Das falle den jungen Kollegen bedeutend schwerer, weiß sie. „Auf die tatsächlichen Aufgaben in der Grundschule bereitet das Studium leider nicht vor“, meint Hammel. Dennoch, und das betont die Schulleiterin ausdrücklich, würde sie den Beruf immer wieder ergreifen. „Meine Kollegen werden das sicherlich bestätigen“, meint sie. Trotz vieler Hürden und Herausforderungen an ihrer Schule gebe es kaum Fluktuation bei den Lehrern und eine im Landesvergleich extrem geringe Ausfallquote. Das zeige, wie groß die Identifikation der Lehrer mit „ihren“ Kindern auf der Husterhöhe sei. „Wir sehen, sie kommen gern und das macht unseren Beruf wertvoll“ , betont Hammel. Auch Dorothee Emig, Leiterin der Robert-Schuman-Grundschule auf dem Kirchberg, sieht die Grundschule und ihren Beruf im Wandel. „Wir sind nicht nur Lehrer. Wir sind Sozialpädagogen, Erzieher, Krankenpfleger und ab und zu auch mal Eheberater für die Eltern“, sagt sie. Seit 25 Jahren unterrichtet sie als Grundschullehrerin und hat in dieser Zeit einige Veränderungen beobachtet. Wie ihre Kollegen ist auch sie der Ansicht, dass die Aufgaben inzwischen wesentlich vielfältiger geworden sind. Die Klassen seien inhomogener, vielen Kindern fehlten soziale Kompetenzen, die wichtig sind für das Miteinander einer Klassengemeinschaft. Die Schulsozialarbeiterin fange einiges auf. Aufgrund der geringen Stundenzahl sei das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Immerhin haben wir diese Hilfe, die uns nach dem Landesgesetz eigentlich gar nicht zusteht“, lobt Emig die Stadt. 400 Schüler besuchen die Robert-Schuman-Schule, rund 300 davon im Ganztagsbetrieb. „Wir könnten leicht eine Vollzeitkraft beschäftigen“, meint sie. Ein Problem: Durch die neuen Medien würden die Kinder zu viel ungefiltertes, nicht altersgerechtes Wissen und deshalb viel Ballast mit sich umher schleppen. Das mache das Unterrichten schwieriger. Ihre Berufswahl hat Emig dennoch nie bereut. „Ich würde die Entscheidung für den Lehrerberuf heute genauso treffen wie damals“, sagt sie. Schließlich könne sie gerade bei den kleinsten Schülern noch viel bewegen und die Weichen in die richtige Richtung stellen. Es komme von den Kindern so viel zurück, das für alle Mühen entschädige, so Emig. Für angehende Studenten und Lehrer wünscht sie sich eine Reform des Studiengangs mit wesentlich mehr Praxisbezug. „Ich stelle mir ein duales Studium vor, wo jeder am Ende weiß, was ihn in einer Schule erwartet“, schlägt sie vor.

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