Fernsehen RHEINPFALZ Plus Artikel Contwiger Tatort-Drehbuchautor: „Im Krimi muss man einfach verkürzen“

Routinierter Drehbuchautor: Wolfgang Stauch aus Contwig.
Routinierter Drehbuchautor: Wolfgang Stauch aus Contwig.

Interview: Der Tatort „Du allein“ vom 24. Mai war der 25. Fall der Stuttgarter Kommissare Sebastian Bootz (Felix Klare) und Thorsten Lannert (Richy Müller). Er war der erfolgreichste des seit 2008 ermittelnden Duos. 10,49 Millionen Zuschauer schalteten ein. Das Drehbuch schrieb der aus Contwig stammende Autor Wolfgang Stauch.

Sie leben seit rund 20 Jahren in Berlin. Wäre Ihre Karriere als Drehbuchautor nicht möglich gewesen, wenn Sie in der Pfalz geblieben wären?
Wahrscheinlich wäre es tatsächlich anders verlaufen, allein schon, weil ich viele Leute nicht kennengelernt hätte. Mittlerweile wäre es aber sicher kein Problem, wieder in der Pfalz zu wohnen. Meine Eltern und andere Verwandte leben noch da. Und meine Frau, die ich allerdings erst in Berlin kennengelernt habe, kommt aus Zweibrücken. Auch ihre Verwandte sind noch da. Deshalb sind wir ab und zu in Contwig und Zweibrücken.

Ihre ersten beiden Bücher waren reine Literatur. Wie kamen Sie dazu, Drehbücher zu schreiben?
Als mein zweites Buch erschienen ist, war ich noch nicht ganz 30. Ich war noch halbwegs davon überzeugt, vom literarischen Schreiben leben zu können. Dann hat sich herausgestellt, dass ein finanziell unabhängiges Schreibleben durch Literatur eher schwierig werden wird. Mein Leben war damals eine Art Studentenleben. Du kriegst da eine Lesung, dort einen kleinen Preis oder ein Stipendium. Aber auf Dauer war das doch unbefriedigend. Dann hat ein Drehbuchautor in Saarbrücken bei mir angefragt, ob ich ihn nicht beim Schreiben seiner Drehbücher unterstützen könnte. Er hat damals für RTL an der Polizeiserie „Die Wache“ gearbeitet. Das haben wir dann zu zweit geschrieben. So bin ich mit einem Drehbuch in Berührung gekommen. Das lag mir ganz gut. Ich habe mich dann umgesehen, ob ich mit dieser Art des Schreibens auch allein Fuß fassen könnte. In München habe ich eine Agentur gefunden und Kontakte bekommen.

Müssen Sie sich noch um Jobs bewerben oder werden Sie angefragt?
Manchmal habe ich einen Stoff und biete den dort an, wo ich denke, dass er gut untergebracht ist. Aber glücklicherweise komme ich schon gar nicht mehr dazu, weil meine Schreibzeit durch Anfragen voll ist. Da ist es dann so, dass ein Wunsch, eine grobe Idee oder eine Vorstellung an mich herangetragen wird. Oder manche sagen, sie würden gerne mit mir arbeiten.

Haben Regisseure oder Schauspieler Einfluss auf das Drehbuch?
Eine Drehbuch-Entwicklung ist eine lange Sache. Da kann man, die Vorfassungen eingeschlossen, von etwa zehn Fassungen ausgehen. Es beginnt mit einem kurzen Exposé. Dann spricht man darüber, ob es weitergeht. Wenn ja, welche Veränderungen es geben soll. Das ist am Anfang dieses Dreieck aus Produzent, Redakteur und Autor. Dann geht es ins Treatment, das ist schon eine ausführlichere Form der Geschichte, die noch nicht ganz szenisch ist und bei der die Dialoge noch nicht ganz ausgeschrieben sind. Das ist eher ein Fließtext. Erst danach geht es ans eigentliche Drehbuch. Und in allen Phasen gibt es Besprechungen, Rückmeldungen, Änderungswünsche, Vorschläge. Das heißt, man hat auch zehn Fassungen, zehn Besprechungen, bis die abnahmefertige Fassung steht.

Wie viel Ihrer Arbeit ist der kreative Teil, wie viel ist reines Handwerk?
Das eigentliche Schreiben macht vielleicht 20 Prozent aus, beim Drehbuch ist ja schon relativ viel Funktionstext. „A. kommt in den Raum, kratzt sich am Ohr, schaut sich um und wundert sich“ – das ist ja alles Funktionstext, der nicht literarisch sein muss. Dennoch versuche ich da, schöne Sätze zu formulieren.

Es schwingt auch oft ein Prise Humor mit – gerade in dem letzten Stuttgarter Tatort. Ist das Ihr Stil?
Ja. Ich versuche immer, eine entsprechende Mischung hinzubekommen. Der einzige, der wirklich ganz ernst war, war der letzte Ludwigshafener Tatort, den ich geschrieben habe. Die Regisseurin wollte das so. Die stand nicht auf Pointen oder Witzchen. Es gehört aber zu meiner Art, mal einen Spruch zu machen. Mord ist ja schon düster genug.

Holen Sie sich für Details, die die Polizeiarbeit oder die Justiz betreffen, fachmännischen Rat ein?
Beim Stuttgarter Tatort hatte ich einen Strafrechtler als Berater, um sicher zu sein, wer da welches Schreiben wann bekommt. Wenn ich denke, dieses oder jenes kann man so machen, auch wenn es vielleicht nicht 100-prozentig stimmt, dann mache ich das. Im Krimi muss man verkürzen. Dass die Kommissare ständig an Türen klingeln und zuhause Gespräche führen, kommt in der Realität nicht vor. Da kriegt man eine Vorladung, dass man bei der Polizei auftauchen muss, und das Ganze zieht sich über Wochen und Monate hin. Das ist im Tatort gar nicht darzustellen. Da muss man einfach faken.

Lesen Sie Kritiken?
Klar. Und montags um 9 Uhr kommt die Quote, das ist sehr wichtig.

Hat das etwas mit Eitelkeit zu tun?
Bestimmt. Als Drehbuchautor hat man kaum Kundenkontakt. Als Schriftsteller machst du Lesungen und bekommst Rückmeldungen auf dein Buch. Ich habe das Glück, dass ich als Autor bei Besprechungen ganz gut wahrgenommen werde. Da schreibt manchmal ein Kritiker von der „Geschichte des Regisseurs“, was totaler Quatsch ist. Der Regisseur erzählt über Bilder, die Story kommt vom Autor. Viele Leute wissen gar nicht, was ein Drehbuch ist.

Woran arbeiten Sie aktuell?
Abgedreht ist ein Kölner Tatort. Ich schreibe an einem Magdeburger Polizeiruf und an einem Mainzer Tatort, die beide so gut wie fertig sind. Der Magdeburger ist um ein Jahr verschoben. Er spielt in der Walpurgisnacht, da gibt es viele Szenen, die unter Corona-Vorgaben nicht möglich sind und die man im Herbst nicht drehen kann. Danach schreibe ich einen Stuttgarter und einen Kölner Tatort. Dann mache ich ein Sabbatical und bis Ende nächsten Jahres Pause – mindestens.   

Tatort „Du allein“: Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) mit der Leiche eines Joggers.
Tatort »Du allein«: Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) mit der Leiche eines Joggers.
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