Singen in der Corina-Krise
Chöre wollen nicht länger schweigen
Kinos dürfen öffnen, Restaurants und Schwimmbäder auch. Gottesdienste dürfen wieder stattfinden – allerdings ohne Gesang. „Der evangelische Gottesdienst lebt aber vom Gesang der Gemeinde, deren Beteiligung und Funktion Teil der Verkündigung ist. Eigentlich wird ohne Gemeindegesang der evangelische Gottesdienst ad absurdum geführt“, sagt zum Beispiel Peter Ammer, Vizepräsident des Verbandes Evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in Deutschland. Eine der Folgen werde sein, dass manche Chöre wegbrechen, andere ihr Niveau nicht werden halten können. „Wenn meine Soprane sechs Wochen nicht gesungen haben, verliert ihre Stimme an Höhe und Elastizität“, sagt Ammer.
Es herrscht Unruhe bei den Chören. Sie wollen proben und gehört werden – und das nicht nur vom Publikum, sondern auch von der Politik, die sich endlich auch ihrer Interessen annehmen soll. So kommt Widerspruch und Widerstand auf – befeuert auch von Studien, die das Singen unter Einhaltung von bestimmten Sicherheitsvorkehrungen als möglich erachten.
Chorverband startet eine Petition
Der Chorverband Rheinland-Pfalz hat nun unter dem Hashtag #Restartsinging eine Petition gestartet. Der Adressat ist die rheinland-pfälzische Landesregierung. Das Ziel: Gehört zu werden und der Chormusik im Land eine Perspektive zu geben. „So paradox es im Augenblick klingen mag: Die Chormusik im Land wird tatsächlich totgeschwiegen“, beschreibt Tobias Hellmann seinen Eindruck. Der Vizepräsident des Chorverbandes Rheinland-Pfalz erklärt: „Bereits vor über drei Wochen haben wir ein Hygiene- und Sicherheitskonzept initiativ vorgelegt, in dem wir dargestellt haben, wie ein reduzierter Probenbetrieb wieder stattfinden kann. Es geht nicht um Chorproben wie in der Vor-Corona-Zeit. Die sind aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich sicherlich noch lange Zeit undenkbar. Dessen sind wir uns vollkommen bewusst.“
Hellmann spricht damit die Verbreitung des Coronavirus durch Aerosole an, die unter anderem beim Sprechen und Singen entstehen. Dabei werde derzeit oftmals in der Berichterstattung und in sozialen Netzwerken der Eindruck vermittelt, dies mache Singende zu reinen Virenschleudern.
Mit dem Thema Chorsingen und der Corona-Infektionsgefahr durch Aerosole beschäftigt sich unter anderem das Institut für Musikermedizin der Musikhochschule Freiburg. Es stellt dabei klar, dass herkömmliche Chorproben mit relativ vielen Personen in engen Räumen und ohne ausreichenden Abstand ein idealer Nährboden für die Virus-Verbreitung sind.
So am 9. März als sich die Mitglieder der Berliner Domkantorei zu ihrer wöchentlichen Probe trafen. In der Probe waren etwa 80 Mitglieder im Raum. Der ist etwa 120 Quadratmeter groß. Der Kantor stand in angemessener Entfernung vor dem Chor. Auch die Korrepetitorin saß weiter weg am Klavier. Die zweieinhalbstündige Probe verlief normal, niemand zeigte Symptome einer Erkrankung. Aber das änderte sich bald. Rund 60 der 80 Sängerinnen und Sänger sowie der Kantor und die Korrepetitorin bekamen in der Folge Symptome in verschiedener Schwere.
Trotz der sich in Berlin realisierten Risiken seien, so die Freiburger Forschungsergebnisse, auf die sich der Chorverband Rheinland-Pfalz in seiner Petition beruft, Chorproben möglich: mit großen Abständen, ausreichender Lüftung und Hygienestandards.
Münchner Forscher: 1,5 Meter Abstand sinnvoll
So wie die Freiburger Musikhochschule sieht es auch das Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Bundeswehr-Universität in München. Beim Singen gibt es laut Bundeswehr-Studie keine weitreichende Virenübertragung. Luftschwingungen konnten die Forscher im Bereich von 50 Zentimetern vor dem Mund beobachten. Trotzdem halten sie 1,5 Meter Abstand für sinnvoll, falls ein Sänger zwischendurch husten muss. Chorsänger sollten am besten versetzt stehen. Bei Dirigenten differenzieren die Münchner Epidemiologen zwischen Probe und Konzert: Im Konzert würden 1,5 Meter ausreichen, da der Dirigent nicht redet. Während der Probe seien zwei Meter sicherer, denn Tröpfchen können bei lautem Sprechen weit fliegen.
Beide Untersuchungen berücksichtigt der Chorverband in seinem Konzept. Den letzten Negativ-Beleg erhoffen sich nun Forschende aus München und Erlangen zusammen mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks mit einer abschließenden Studie zum Thema.
„Wir verstehen das Stillschweigen der Landesregierung nicht, können es auch den Singenden in Rheinland-Pfalz nicht mehr erklären“, so Hellmann vom Chorverband Rheinland-Pfalz. „Während in den angrenzenden Bundesländern Hessen, Nordrhein-Westfalen und jetzt auch im Saarland Lockerungen beim Chorsingen in vernünftigem Maße stattfinden, schweigt sich die rheinland-pfälzische Landesregierung weiter aus.“ Auch bei der aktuellen Fassung der Corona-Bekämpfungsverordnung spiele das Chorsingen keine Rolle. Es bleibe einfach verboten, ohne nachvollziehbare Begründung. „Das ist ein absolut inakzeptabler Zustand“, verleiht der Vizepräsident seiner Unzufriedenheit Ausdruck.
Der Chorverband Rheinland-Pfalz fordert die Landesregierung erneut auf, den Chören in Rheinland-Pfalz eine perspektivische Auskunft zu geben und im Dialog ein Konzept zu erarbeiten, wie das Chorsingen aktuell realisiert werden kann. In anderen, bereits geöffneten Bereichen habe dieser Dialog zwischen den jeweils Beteiligten und der Landesregierung durchaus stattgefunden. „Sogar in Bayern gibt man der Chormusik eine Perspektive. Wenn auch nicht erfreulich. Doch dort wird sich wenigstens geäußert und man arbeitet an den Dingen“, sagt Chorverbands-Vizepräsident Hellmann.
„Singen macht glücklich und gesund“
Auch der Pirmasenser Bezirkskantor Maurice Antoine Croissant ist verunsichert, die Vorgaben der Politik seien nicht eindeutig und vor allem perspektivlos. Beim Himmelfahrts-Gottesdienst sei mit Maske gesungen worden. Aber ob das nun erlaubt war – ? Für Croissants Chöre jedenfalls sind weiterhin alle Proben gestrichen. Zwar biete er manches online an, aber das seien alles nur aus der Not geborene Hilfskonstrukte.
Als eine Katastrophe für die Chorarbeit bezeichnet Christoph Haßler die gegenwärtige Situation – zumal das Singen für viele Menschen mehr ist, als nur ein Hobby. Laut einiger Studien macht Singen glücklicher und gesünder und vor allem der Wegfall der sozialen Komponente ist laut Haßler nicht aufzufangen. Er treffe sich zwar per Zoom-Konferenz regelmäßig mit den Sängerinnen des Frauenchores ex-semble und den jungen Talenten des Südwestpfälzer Kinderchores, doch effektiv sei diese Art des Probens nicht und schon gar nicht sozial.
Auch im Oratorienchor Musikverein Pirmasens findet derzeit keine Probenarbeit statt. Sowohl dem Vorstand als auch Chorleiter Helfried Steckel und den Chorsängern fehlen zwar die sozialen Kontakte, doch ist hier eine hohe Akzeptanz des Probe-Verbotes zu spüren.
Sandra Schenk beklagt fehlende Perspektive
Sandra Schenk, Sängerin, Gesangslehrerin und Chorleiterin aus Nothweiler, ist ratlos angesichts der fehlenden Perspektive. Sie fühlt sich und mit ihr alle Chorsänger von der Politik allein gelassen. Aber Resignation – nein. Geschrieben hat sie deshalb an die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, an Ministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler und an die Landrätin der Südwestpfalz, Susanne Ganster. „Aber von keiner Politikerin habe ich bisher eine Rückmeldung bekommen. Lediglich zwei Büros haben geantwortet und über die Regeln, an die ich mich zu halten habe, informiert. Das fand ich etwas dreist, da ich ja genau über Erleichterungen dieser Regeln etwas wissen wollte.“ Weil sich ihrer Ansicht nach nichts tut, entschloss sich Schenk unter der Überschrift „Jetzt reicht’s“ einen offenen Brief an die Landrätin zu schreiben, um sich und allen Betroffenen Gehör zu verschaffen.
„Als Berufssänger und Selbstständige fühlen wir uns in dieser beispiellosen Krisenlage von den Verantwortlichen der Politik im Stich gelassen“, heißt es in dem Brief. „Unser Einkommen generiert sich aus Konzertauftritten, der Leitung verschiedener Chöre in der Südwestpfalz, Stimmbildungsseminaren sowie aus Gesangsunterricht. Seit nunmehr fast drei Monaten ist uns das Ausüben unseres Berufs mit der Ausnahme von Gesangsunterricht über Skype, mit dem sich ein paar wenige Schüler uns zuliebe abfinden, verboten. Konzerte sind auf unbestimmte Zeit abgesagt.“
Zu den wirtschaftlichen Verlusten kommt für Schenk nun aber eine noch größere Sorge hinzu: „Gesang wird von der Politik und den Medien als Virenschleuder stigmatisiert. Die wissenschaftliche Grundlage, auf der diese Behauptungen beruhen, ist extrem dünn. Dennoch beharrt die Politik in Rheinland-Pfalz darauf, das Singen weiterhin zu verbieten – ohne Aussicht auf Besserung. In Baden-Württemberg, das deutlich höhere Fallzahlen zu verzeichnen hatte und hat, dürfen Sänger ab dem 2. Juni ihre Arbeit wieder aufnehmen – wir in Rheinland-Pfalz nicht.“ Das ist für Sandra Schenk nicht mehr nachvollziehbar, und sie fragt: „Wie entscheiden Sie, wer von uns systemrelevant ist? Und wenn wir nicht als systemrelevant gelten, sind wir dann zum wirtschaftlichen und kulturellen Tode verurteilt?“
In der Folge der Verbote müssten, so Schenk, nicht nur Sänger, Konzertveranstalter, Chorsänger und Kirchenbesucher auf Gesang verzichten: die massiv geschürte Angst vor dem Singen manifestiere sich in den Köpfen vieler Menschen. Das bedeute, dass selbst wenn das gemeinsame Intonieren wieder erlaubt werde, viele Menschen, darunter Chorsänger und auch Konzertbesucher davor zurück schrecken werden, zusammen zu kommen. Ein hoher Prozentsatz an Veranstaltungen, Chören, Kinderchören und wohltätigen Singgruppen wird daran zugrunde gehen, ist sich Sandra Schenk sicher. Und „das wäre nicht nur gesamtwirtschaftlich fatal – die Kultur gilt als zweitgrößter Wirtschaftssektor Deutschlands –, sondern auch ein nicht wieder gut zu machender geistiger und emotionaler Verlust für unsere Gesellschaft.“
„Wir erwarten klare positive Signale“
„Wir erwarten keine Hilfspakete. Bisher kommt keines davon für uns in Frage“, heißt es weiter in Schenks offenen Brief. „Was wir erwarten, sind klare positive Signale.“
Und so endet der Brief an die Landrätin mit zwei Forderungen: „Wir fordern Sie hiermit auf, zum Themenbereich Gesangsunterricht, Gemeindegesang und Chorproben einen verbindlichen positiven Stufenplan zu veröffentlichen und beides schrittweise – selbstverständlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln – wieder zu gestatten.“ Zweitens fordert Schenk, über intelligente Wege nachzudenken, die ein gemeinsames Leben der Menschen wieder ermöglichen. „In unserem sogenannten digitalen Zeitalter muss es klugen Köpfen gelingen, zukunftsweisende Technologien zu entwickeln, die sowohl das gemeinsame Singen ermöglichen als auch das nahe Beisammensein, In-den-Arm-Nehmen, gemeinsam ohne Angst vor Ansteckung Lachen und einander in schweren Zeiten Beistehen.“