Musikgeschichte(n)
Bob Dylans Musik begleitet viele Biografien
Der Mythos seiner von ihm selbst als „Neverending Tour“ bezeichneten unaufhörlichen Konzertreise lebt nach wie vor. Seit 1988 gab Bob Dylan Jahr für Jahr etwa 100 Konzerte rund um den Erdball. Den Begriff der „Neverending Tour“ revidierte Dylan, indem er sagte, dass diese schon seit 1991 beendet sei. Medien und Fans liebten es dennoch, Bob Dylans jährliches Erscheinen auf den Konzertbühnen dieser Welt als weitere Teile der „Neverending Tour“ anzusehen. Lediglich Covid19 stellte 2020 Dylans Konzerte erstmals in Frage.
Seit Dylan am 26. Juni 1978 in Dortmund sein erstes Konzert in Deutschland gegeben hat, trieb es mich zu seinen Konzerten. Ich erinnere mich noch daran, als damals sogar in Zweibrücken Konzertplakate hingen. Sie warben für das Konzert am 1. Juli auf dem Nürnberger Zeppelinfeld. Diese Plakate zogen mich magisch an. Ich war 15 und musste dahin.
Seit seinem ersten Auftritt am 1. Februar 1964 bis zum Beginn seiner „Neverending Tour“ am 7. Juni 1988 im kalifornischen Concord spielte Dylan 630 Konzerte. In den darauffolgenden 31 Jahren legte er 3064 Konzerte nach. Auch wenn in der Saarbrücker Saarlandhalle seit Ende der 60er Jahre fast alle hochrangigen Künstler aufgetreten sind, fanden dort nur zwei Konzerte von Bob Dylan statt. In Rheinland-Pfalz trat er 1981 in St. Goarshausen, 1998 bei „Rock am Ring“ und 2004 vor dem Dom in Worms auf. Nach Mainz kam er 2011, 2015 und 2019. In Mannheim war er vier Mal (1981, 1996, 2007 und 2011).
Konzert Nummer 2117
Wenn Dylan mal nicht in unsere Gegend kam, ließ ich mich auf längere Pilgerfahrten ein. Schließlich ist er der, der mit den Stones, Cohen & Co nicht nur den Soundtrack meines Lebens produziert hat. Dylan waren immer eine feste Größen in meinem Leben. Er begleitete mich musikalisch bei allem, was ich gerade so tat. Sein „Hurricane“ vom „Desire“-Album hörte ich zum Beispiel in der Nacht vor meinem mündlichen Abitur, sein „Gotta Serve Somebody“ als ich meinen Einberufungsbescheid zur Bundeswehr erhielt und das komplette „Rough and Rowdy Ways“-Album ist mein Soundtrack in der Corona-Pandemie. Dylan war und ist irgendwie immer da. Es gibt nicht wirklich viele Künstler, deren musikalisches Werk die eigene Biografie so begleiten.
Vom Soundtrack unseres Lebens sprechen wir doch immer dann, wenn Künstler Musik erschaffen, an die wir uns gerne erinnern und sie mit Lebenssituationen verbinden. Songs, die Körper und Seele abgespeichert haben, weil sie etwas in uns auslösen können. Es war aber nie die Absicht von Dylan, einen solchen Soundtrack zu schreiben – aber er tat es.
Es dauerte bis zum 5. April 2009, bis ich Bob Dylan „live in Concert“ in Saarbrücken erleben konnte. Es war Konzert Nummer 2117 der „Neverending Tour“, und die Anreise wurde nach vielen Konzerten in Europa und Amerika zu meiner kürzesten. Die Saarlandhalle war mit knapp 6000 Zuschauern voll wie selten.
Fans schleichen um die Halle
Der exakt 105-minütige Auftritt im Rahmen der Musikfestspiele Saar war ein gesellschaftliches Ereignis. Vor der Halle sah es aus, wie überall wo Dylan auftrat. „Bobcats“, „Dylanologen“ und „Dylanianer“ schlichen schon Stunden vor dem Konzert um die Halle, um vielleicht einen Blick auf den Meister werfen zu können, wenn er aus seinem legendären Tourbus mit der Innsbrucker Nummer steigen würde.
Wer mit der Erwartungshaltung eines Greatest-Hits-Konzerts zu Dylan geht, wird enttäuscht – so auch 2009 in Saarbrücken. Dylan stand an einem kleinen Keyboard und stieg mit „Gotta Serve Somebody“ ein. Nur beim zweiten Song „Lay Lady Lay“ griff er einmal zur E-Gitarre. Eine Bühnen-Show gab es nicht. Die Bühne war recht dunkel. Links hinter Dylan stand auf einem der Lautsprecher demonstrativ sein „Oscar“, den er im Jahr 2000 für den Song „Things Have Changed“ erhalten hatte. Den Song selbst spielte er aber nicht.
Ansonsten tat Dylan, was er immer tat: Seine Musik in den Mittelpunkt stellen und sich nie kopieren. Kein Konzert gleicht einem anderen. Jedes Mal bedient sich Dylan einer anderen Songauswahl aus seinem Repertoires von über 600 Liedern. Alten Songs verpasst er neue Arrangements. So war es auch bei den 17 Liedern 2009 in Saarbrücken. „Highway 61 Revisited“ trug er wie Hardrock vor. Klassiker wie „Like A Rolling Stone“ erkannte man manchmal nur am Refrain. Egal mit welcher Erwartungshaltung man gekommen war, mit dem altbekannten „Blowin’ In The Wind“ waren alle versöhnt. Ohne ein Wort an seine Jünger zu richten, ging er mit seiner fünfköpfigen Band an den Bühnenrand, lächelte ins Publikum und ließ sechs Jahre vergehen, bis er zurückkam.
Wieder ein anderer Dylan
Sechs Jahre im Leben von Bob Dylan standen seinerzeit für 600 Konzerte. Tatsächlich war es Konzert Nr. 2715 der „Neverending Tour“, das ihn am 17. Oktober 2015 ein zweites Mal nach Saarbrücken führte. Bei diesem Konzert verpasste ich meiner noch nicht im Teenager-Alter gewesenen Tochter Ohrstöpsel und nahm sie mit zu dem Mann, der im Jahr darauf den Literaturnobelpreis verliehen bekam. Wenn Mozart oder Elvis Presley in Saarbrücken gespielt hätten, wäre ich meinem Vater über seinen Tod hinaus dankbar gewesen, wenn er mich da mitgenommen hätte.
Das zweite Konzert in Saarbrücken war wieder anders, weniger laut, genauso andächtig, ebenso unspektakulär, was die Show angeht, aber wieder mit großer Aura um den Mythos Bob Dylan. Dieses Mal spielte Dylan in der erneut ausverkauften Saarlandhalle 20 Songs. „Blowin’ In The Wind“ war die erste von zwei Zugaben. Ein paar Songs zuvor war meine Tochter auf ihrem Sitzplatz eingenickt. Der Refrain ließ sie aufhorchen, weil sie sich an den Lebens-Soundtrack ihres Vaters erinnert hat.
Bob Dylan – Saarbrücken 2.0 war wieder ein gutes Beispiel dafür, wie sehr er sich in den sechs Dekaden seines Schaffens einer steten Wandlung unterzog. Saarbrücken 2.0 fand im Schatten seiner sogenannten „Sinatra“-Phase statt. Die, die wirklich die Hoffnung hatten, eine lebende Legende mit ihren größten Hits erleben zu können, wurden natürlich wieder enttäuscht. 2015 wandte er sich mehr der Pflege von Liedern aus dem sogenannten „Great American Songbook“ zu. Dylan hatte Freude an Fremdinterpretationen aus dem Repertoire Frank Sinatras. „Blowin’ In The Wind“ und „She Belongs To Me“ waren die einzigen Lieder der Anfangsjahre.
Die Fans lauschen andächtig
Die Besetzung der Band hatte sich zum 21. Mal geändert. Die Bühne wirkte wie ein Filmstudio. Dylan saß meistens am Piano, griff nicht zur Gitarre, spielte nur manchmal Mundharmonika. Das Publikum rastete nicht aus, applaudierte brav oder war angesichts der unbekannt wirkenden Lieder einfach nur andächtig aber irgendwie froh, dabei zu sein. Nach „Tangled Up In Blue“ gab es eine 15-minütige Pause. Bis zum Ende sagte Dylan wieder kein Wort und lebte sich im Crooner-Gesangsstil der 1950er Jahre aus. Dylan inszenierte sich auf dem großen Klavier und mit melancholischem Sprechgesang. Nach knapp zwei Stunden war die musikalische Ausstellung eines „Lebens im Wandel“ beendet.
Bilder von den Saarbrücker Konzerten gibt es – wie von so vielen anderen – nicht. Pressefotografen sind bei Dylan unerwünscht. Dank Smart-Phones existieren einige Aufnahmen, die uns die Erinnerungen an die Konzerte zurückholen.
Insgesamt 3694 Konzerte
Dylan wurde nicht nur mit allen erdenklichen Ehrungen wie zum Beispiel mit zahlreichen Grammys, dem Oscar (2000) oder dem Literaturnobelpreis (2016) ausgezeichnet, er ist auch wie kein anderer bis in sein hohes Alter unaufhörlich aktiv. Sein letztes Konzert in Rheinland-Pfalz gab Dylan am 7. Juli 2019 im Mainzer Volkspark, drei Tage darauf sein letztes Konzert in Deutschland vor der Pandemie in Stuttgart. Am 8. Dezember 2019 fand sein bis dato letztes Konzert in Washington statt.
3064 Konzerte hat Dylan auf seiner „Neverending Tour“ rund um den Erdball gegeben, 3694 sind es insgesamt. So gut wie jedes war anders. Ob Bob Dylan jemals wieder den Südwesten Deutschlands besucht, ist ungewiss. Vielleicht ist er am „end of the road“ seiner „Neverending Tour“ angekommen? Vielleicht ist die Pandemie aber auch nur Grund für eine Unterbrechung und Neuanfang.