Pirmasens Bittere Parodie

Open-Air-Auftakt auf Burg Altdahn: Das „Theater Rhein Ruhr“ mit seiner Polit-Komödie „Bye Bye Bundeskanzler“.
Open-Air-Auftakt auf Burg Altdahn: Das »Theater Rhein Ruhr« mit seiner Polit-Komödie »Bye Bye Bundeskanzler«.

Der äußere Rahmen der ersten Freilichtveranstaltung der diesjährigen 54. Dahner Sommerspiele ist eines Freiherren würdig: Die Burgruine Altdahn liefert im milden sommerlichen Abendlicht den Hintergrund vor dem adlige Möchtegern-Politiker ihre Kandidatur zum Bundeskanzler mit Lug und Trug, Sex mit Minderjähri-gen und Fakenews inszenieren. Diesen Eindruck vermittelte jedenfalls das Ensemble „Theater Rhein Ruhr“ mit seiner Polit-Komödie „Bye Bye Bundeskanzler“ am Samstag in Dahn.

Das einfach gestaltete Bühnenbild steht nur scheinbar in scharfem Kontrast zum mittelalterlichen Ambiente, doch wie weiland seinem bayerischen Vorbild gelingt es auch Richard Freiherr von Wittekind nahezu spielerisch, aristokratische Unterwerfungsallüren in das Jetzt und Heute zu transponieren – beispielhaft hierfür die Handkuss-Zeremonie. Dumm nur, dass des Kandidaten Doktorarbeit nicht von ihm, sondern von zwei Damen des horizontalen Gewerbes verfasst wurde. Auch nicht so geschickt ist es, seine Praktikantin und sein „Mädchen für alles“ auf Befehl seiner Frau Barbara zu entlassen. Wittekind wird verurteilt. Doch seine rechte Hand, Edgar Schnabel, erreicht bei Gericht, dass sein Schützling im freien Vollzug arbeitet und Schwerstkriminelle im Hochsicherheitstrakt einer JVA mit Lesestoff versorgt. Die Parallelen zu einer weiteren bajuwarischen Lichtfigur sind offensichtlich und werden durch ein Graffiti „Uli H. was here“ verifiziert. Im Gespräch mit dem Häftling Arne Schneeloch wird die ganze Hinterhältigkeit des Wittekindschen Umfelds deutlich: Schneeloch hat als Whistleblower im Auftrag von Schnabel und der Praktikantin Melissa die Untaten des Kanzlerkandidaten veröffentlicht, um selbst als Hacker bestraft zu werden. Schnabel schwingt sich derweil zum Nachfolger Wittekinds und Kanzlerkandidaten auf. Im dritten Teil der Komödie kommt es dann zum Showdown: Wittekind, wohl wieder rehabilitiert und auch hiermit ein Abbild des Präsidenten eines bayerischen Fußballvereins, kämpft mit Frau und Arne Schneeloch als Kandidat der neugegründeten Partei NSA (Nicht-Schnabel-Allianz) gegen ebendiesen und Melissa, um die Macht, die nun seine rechte Hand und „Mädchen für alles“ ist. Schnabel, der kurz zuvor noch im Superman-Outfit masochistische „Freuden“, verursacht von Melissa, erleben durfte, scheitert aber, wie sein aristokratischer Herausforderer, in einer Kandidaten-Runde. Während Wittekind nur infantile Plattitüden von sich geben kann, entgleist Schnabel mit rechtsradikalen großdeutschen Gebietsansprüchen. Das Stück lebt von den vielen Anspielungen auf politische Zeitzeugen der Gegenwart und nahen Vergangenheit: Zitate werden dem eigenen Programm angepasst (Obama), Telefonate unterstreichen die eigene Bedeutung (Trump und Erdogan). Der Ansager in der JVA erinnert sehr stark an Walter Ulbricht, die englischen Sentenzen an Günther Oettinger. Natürlich darf auch Silvio Berlusconis Bunga-Bunga nicht fehlen. Das Stück lebt aber auch und in besonderem Maße von den schauspielerischen Qualitäten aller Akteure. Daniel Wandelt zeichnet den Richard Freiherr von Wittekind so überzeugend als vom Sex gesteuerten infantilen Machtmenschen, dass man über eine solche Politikerparodie gerne lacht, wenn es nicht reale Beispiele gäbe. Dies gilt auch für seine Gesten: ihre Übertreibung – ein probates Mittel der Parodie – erinnert leider an allzu reale Vorbilder. Seine Gattin, Barbara Freifrau von Wittekind, erinnert in ihrem Auftreten an die Ex-Ex-Gattin eines Ex-Bundespräsidenten. In allen Phasen ihres Handelns demonstriert sie ihre letztlich tatsächliche Überlegenheit über ihren Kind-Mann. Melissa Pohlmann spielt die kluge, aufstrebende Praktikantin, die bereit ist, alles, was sie hat, einzusetzen, um Karriere zu machen. Sie scheut vor keiner Intrige zurück und fasziniert ihre Kollegen mit ihrem gnadenlosen Sex-Appeal. Andre Klem weist als Edgar Schnabel ein sehr großes schauspielerisches Spektrum auf. Zuerst darf er als devoter Sekretär der Wurm seines Chefs sein, um dann – in der gemeinsamen Intrige mit Melissa – zum mächtigen Widersacher zu werden. Er schwankt zwischen Masochist und Superman und träumt davon, ein zweiter Hitler zu werden. Marc-Oliver Teschke leidet als Häftling Arne Schneeloch auch unter masochistischen Anwandlungen. Später muss er als neue rechte Hand Wittekinds erkennen, dass seine Entwicklung ebenfalls in einer Sackgasse endet. Die Polit-Komödie von John Schöllgen in der Inszenierung und unter der Regie von Orlando Schenk ist eine sehr unterhaltsame, letztlich aber bittere Parodie auf den Polit-Alltag, nicht nur in Deutschland. Das zahlreich erschienene Publikum jedenfalls erfreute sich an der gebotenen Inszenierung und geizte nicht mit Applaus. Der Ausflug auf die Burg Altdahn hat sich sehr gelohnt!

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