Pirmasens Bis 1972 in Bonn die Stellung gehalten

Seit 40 Jahren tagt in Bonn der Bundestag. Der Pirmasenser Schuhmachermeister Josef Becker war dabei, als das junge Parlament 1949 in Bonn das Laufen lernte. Im Jahr zuvor hatte sich die Republik mit dem Grundgesetz eine vorläufige Verfassung gegeben. Von 1949 bis 1972 hat Josef Becker, unser „Bundes-Sepp“, seine Wahlheimat Pirmasens (geboren wurde er in Bochum) dann zunächst im Wahlkreis Zweibrücken, später Pirmasens als CDU-Abgeordneter vertreten, mit jeweils sicherer Option auf seine Wiederwahl. Dabei wäre er vor 40 Jahren wesentlich lieber Oberbürgermeister in Pirmasens geworden, gesteht der mittlerweile 84-Jährige jetzt in einem Gespräch ein. Mit einem Quäntchen Glück wäre er das auch geworden, denn nach der ersten Kommunalwahl 1948 waren die beiden Bewerber Jakob Schunk und Josef Becker jeweils mit 16 Stimmen der Ratsmitglieder aus der Wahl des Stadtrates hervorgegangen. Ein Los musste entscheiden – und nicht Becker, sondern Schunk gewann. Erst auf Drängen seiner Parteifreunde habe er sich dann schließlich bereit erklärt, für den Bundestag zu kandidieren, sagte Becker rückblickend. Er errang das Direktmandat im Wahlkreis Zweibrücken. Die Schumacherwerkstatt habe er jedoch zunächst als Standbein beibehalten. Das Mandat in Bonn allein sei ihm zunächst noch zu unsicher erschienen. Und so kam es, dass der Bundestagsabgeordnete Josef Becker nach der Rückkehr von der Sitzungswoche in Bonn freitags umgehend wieder in seine Werkstatt ging und am Wochenende Schuhe reparierte. Weil auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Adolf Ludwig und nach dessen Tod 1962 Hugo Collet dienstags in der Frühe nach Bonn aufbrechen musste, um rechtzeitig ins Parlament zu kommen, verlegte der Pirmasenser Stadtrat, dem beide angehörten, schon damals seine Sitzungen auf den Montag. Die Kanzler wechselten: Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brand. Josef Becker hielt bis 1972 für seine Heimatstadt die Stellung in Bonn – zunächst gemeinsam mit Adolf Ludwig, später mit Hugo Collet. Becker hat seine Werkstatt Mitte der 50er Jahre aufgegeben, als sich herausstellte, dass die Tätigkeit im Parlament und die Parteiarbeit vor Ort viel mehr Einsatz erforderten, als zunächst angenommen. Auf der politischen Bühne erlebte Becker bewegte Zeiten: ob die Debatten um die Wiederbewaffnung, die Unstimmigkeiten zwischen Adenauer und Erhard, die wütenden Auftritte von Franz Josef Strauß, die Enttäuschungen der Kiesinger-Ära. Besonders gerne denkt Becker an eine Episode zurück, die ihn in besonderer Weise mit Konrad Adenauer verbindet. Der damalige Kanzler hatte Pirmasens besucht und als Gastgeschenk, wie üblich, ein Paar Schuhe erhalten. Weil man seine Schuhgröße nicht kannte, wurde sie auf 45 geschätzt. Das war falsch, 43 wäre richtig gewesen. Später erfuhr er, dass Adenauer die Schuhe seinem Sohn übereignet habe, dem sie hervorragend passten. Im Alter von 91 Jahren ist Josef Becker im Altenheim Maria Rosenberg, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, verstorben. Sein Name wird untrennbar verbunden bleiben mit der Nachkriegsgeschichte der Stadt. (mf)