Pirmasens
Bereitschaftspraxen-Reduzierung: Mehr Patienten, längere Wartezeiten in der Notaufnahme
„Eine angeblich große Säule der medizinischen Versorgung trägt ihre Verantwortung nicht“, kommentierte Krankenhaus-Geschäftsführer Martin Forster die Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Dadurch würden die Uhren komplett zurückgedreht, so Forster, der zusammen mit dem ärztlichen Leiter der Notaufnahme, Max-Peter Weber, die aktuelle Situation im Krankenhaus darstellte. Gleichzeitig zeichneten sie ein schwieriges Bild der nahen Zukunft.
Forster wies darauf hin, dass bei der Behandlung von ambulanten Patienten im Krankenhaus die Vergütung durch die KV nur marginal sei und sich für alle Anwesenden der Stress-Level erhöhe, wenn sich Warteschlangen bildeten. „Für uns ist die Behandlung dieser Patienten schon immer finanziell eine Katastrophe. Trotzdem haben wir wegen der steigenden Patientenzahlen den Personalstand in der Zentralen Notaufnahme erhöht. Wegen der anderen finanziellen Bedrängnisse, in denen jetzt alle Krankenhäuser sind, ist es unmöglich, diesen Weg weiter zu gehen“, sagte Forster.
Seit Jahren mehr Ärzte im Tagdienst
In den vergangenen Jahren sei im Tagdienst der Notaufnahme die ärztliche Präsenz aufgestockt worden. Außerdem seien nachts und am Wochenende die Bereitschaftsdienste in der Chirurgie und in der Inneren Medizin verdoppelt worden, weil ein Arzt alleine das stationäre und das steigende ambulante Aufkommen unmöglich leisten könne. „Wir fahren vor allem mit dem ambulanten Servicebetrieb ein Defizit, das zwischen eineinhalb und zwei Millionen Euro liegt. Das haben wir bisher getragen, weil wir für die Bevölkerung da sind und es finanziell leisten konnten.“
Die zentrale Notaufnahme sei vor neun Jahren zum Bereich mit eigenständiger ärztlichen Leitung aufgewertet worden. Der Chirurg Max-Peter Weber nimmt diese Leitungsfunktion wahr. Für die Innere Medizin ist Oberarzt Miklos Bus zuständig und der dritte dort angestellte Arzt heißt Odysseas Miliadis, er ist Chirurg. Forster: „Wir sind gerade dabei, unsere Notaufnahme zu Jahresbeginn mit einem weiteren Internisten zu besetzen. Zu dieser festen Stammmannschaft werden noch die Assistenzärzte der Bereiche zugesteuert, im Tagbetrieb sind hier fünf bis sechs Ärzte ununterbrochen tätig. Nachts und am Wochenende sind die Bereitschaftsdienste der Abteilungen zuständig, das sind Assistenzärzte. Es waren früher deutlich weniger Ärzte im Einsatz.“
Mehr Patienten in Notaufnahme erwartet
Man müsse davon ausgehen, dass nach der Entscheidung der KV, die Öffnungszeiten der Notdienstzentrale zu reduzieren und nachts keinen Dienst mehr anzubieten, wieder mehr Patienten in der Zentralen Notaufnahme im Krankenhaus aufschlagen werden. „Das ist menschlich nachvollziehbar“, sagt der ärztliche Leiter. „Umsonst suchen diese Menschen die Bereitschaftspraxis nicht auf. Wenn sie dort nicht mehr versorgt werden, dann gehen sie nicht, wie es die KV sich wünscht, nach Hause und am nächsten Tag zum Hausarzt. Diese Leute gehen die einhundert Meter weiter zu uns in die Notaufnahme.“
An diesem Punkt treffe ärztlich-ethische und pflegerisch-ethische Sichtweisen auf die Realität. „Im wahren Leben wirft uns die KV seit Jahren vor, dass wir ambulante Patienten usurpieren. Wenn aber bei einem Patienten kein aktueller Notfall vorliege, ersetzt die KV lediglich die Untersuchungspauschale, eine Vergütung von 5,40 Euro.“ Die KV begründe dies damit, dass das Krankenhaus den Patienten zur Weiterbehandlung an einen niedergelassenen Arzt hätte verweisen müssen, so Weber weiter. Außer Acht werde jedoch gelassen, dass die Patienten häufig in die Notfall-Ambulanz kamen, weil sie vorher schon wochenlang keinen Termin beim Hausarzt bekommen hatten.
Forster: KV handelt verantwortungslos
Finanziell erhalte die KV in Rheinland-Pfalz von den Krankenkassen jährlich einen Milliardenbetrag zur Sicherstellung der ambulanten Versorgung. Die Verteilung dieses Betrags an Hausärzte, Fachärzte wie auch Notfalldienstzentralen unterliege einem Entscheidungsprozess der internen Gremien und sei schon immer spannungsgeladen gewesen. Nunmehr unterliegen im notärztlichen Bereitschaftsdienst Ärzte, die keine eigenen Arztpraxen unterhalten, der Sozialversicherungspflicht, urteilte jüngst das Bundessozialgericht in Kassel. „Es wird jetzt etwas teurer für die KV, diese Ärzte einzusetzen, und der Verwaltungsaufwand steigt“, erklärt Forster. „Dass die KV jedoch mit einer solchen Kurzschlusshandlung reagiert, ist aus meiner Sicht jedoch absolut verantwortungslos.“
Forster räumt allerdings ein, dass die jetzt angekündigte Schließung oder Reduzierung der Öffnungszeiten in den Notfalldienstzentralen auch ein Symptom einer grundlegenden Entwicklung ist. Selbst wenn die finanziellen Probleme der Krankenhäuser und der KV gelöst würden, gebe es kaum noch Fachpersonal.
Verunsicherung der Patienten
Die zunehmenden Patientenzahlen in der Zentralen Notaufnahme des Krankenhauses verstärke die Problematik an anderen Stellen, so Forster. Zum einen müssen Patienten mit weniger schlimmen Erkrankungen größere Wartezeiten in Kauf nehmen, weil die Patienten, die der Rettungsdienst bringe, in der Regel vorgezogen werden. Zum anderen, so der ärztliche Leiter der Notfallaufnahme, laugt es das Personal aus, das mittlerweile eh „auf Kante genäht“ sei, obwohl es aufgestockt worden war. „Kein Mensch wartet gerne. Die Szenen, die sich dort abspielen, kann ich mir, wenn ich die heutigen extrapoliere, sehr gut vorstellen. Wir sind schon so ein bisschen in einem Teufelskreis von steigenden Arbeitsanforderungen und der Überlastung des Personals, das sich dann Bahn bricht im Krankenstand oder auch Verlassen des Berufsfeldes – leider auch in der Pflege. Das erhöht wiederum die Last für diejenigen, die noch da sind.“
Forster und Weber gaben auch zu bedenken, dass die Reduzierung der Öffnungszeiten auf bestimmte Wochentage die Menschen auch verunsichere. Wer am falschen Wochentag mit seinen Beschwerden vor einer geschlossen Kassenärztlichen Notfalldienstzentrale stehe, der überlege es sich zweimal, ob er dort wieder hingehe, wenn Not am Mann ist. „Diese Situation gab es bereits in der Vergangenheit“, so Forster. „Da war der Zuspruch der Notfalldienstzentrale an den Öffnungstagen geringer. Einfach, weil die Leute verunsichert waren, ob sie offen oder zu ist.“
Weg zurück in die Vergangenheit
Er habe damals dafür plädiert, die Notfalldienstzentrale an allen Tagen der Woche zu öffnen, damit die Bevölkerung hier eine verlässliche Ansprech-Station finden kann. Dies sei damals auch geschehen. Jetzt habe die KV den Weg zurück in die Vergangenheit eingeschlagen, bei deutlich verschärften Rahmenbedingungen. Geld und verfügbares Personal im Städtischen Krankenhaus für eine nochmalige Verstärkung des Teams sei keines da. „Wir werden uns in der Gesundheitsversorgung der kommenden Jahre warm anziehen müssen“, so Forster, „egal ob als Patient oder als Leistungserbringer“.
