Von Woche zu Woche RHEINPFALZ Plus Artikel Bei der Ausbildung von Medizinern agiert Deutschland scheinheilig

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Bahnchaos: Mitarbeiter müssen strukturelle Probleme ausgleichen

Die großen strukturellen Probleme der Deutschen Bahn haben sich in dieser Woche eindrücklich am Beispiel von Pirmasenser Schülern gezeigt, die sich beim Start zur großen, lang geplanten Klassenfahrt durch immer neue Schwierigkeiten kämpfen mussten und um ein Haar scheiterten. Eine Odyssee.

Sicher kann der erste Zug zum größeren Bahnhof in Kaiserslautern mal ausfallen. Das mutmaßliche Problem – die Hitze – ist zwar eines, das das Unternehmen seit Jahren nicht unter Kontrolle bekommt, aber geschenkt. Bei dieser Komplikation blieb es für die Pirmasenser Schüler aber nicht: Auch der ICE nach Paris entfiel kurzerhand, ob die Gruppe einen anderen Zug würde nehmen können, war während der langen Wartezeit völlig unklar, der Anschluss war erst mal weg, und, ach ja: Kaum hatten die Pirmasenser den Bahnhof in Kaiserslautern verlassen, rückte dort die Feuerwehr zum Großeinsatz an, weil ein TGV brannte. Absurd.

Die Klasse des Berufsvorbereitungsjahrs der BBS kam am Ende doch noch in Marseille an. Das ist dem Einsatz der Beteiligten zu verdanken: den Lehrern, die den Schulbus nutzten, um die Schüler weiterzubringen, den ganzen Reisetag um die Weiterfahrt kämpften und stundenlang am Telefon hingen, und Bahnmitarbeitern an diversen Standorten, die sich darum bemühten, die Klasse ins Ziel zu bringen. Das ist lobenswert – und kann dennoch nicht der Anspruch sein.

Zuverlässigkeit ist vielleicht der wichtigste Qualitätsfaktor eines Bahnunternehmens – und genau den hat die Deutsche Bahn immer noch nicht im Griff. Es darf doch nicht sein, dass Pläne nur so lange funktionieren, bis die Deutsche Bahn ins Spiel kommt. Besser gesagt, alle Spielfiguren über den Haufen wirft und das Brett vom Tisch schmeißt.

Der vorliegende Fall hat besonders viele Menschen mitfiebern lassen, wie wir an der großen Resonanz auf unsere Berichterstattung ablesen können. Vielleicht weil es um die erste große Fahrt von Jugendlichen ging, deren sozialer Hintergrund teure Abenteuer eigentlich nicht zulässt. Stattdessen hat die Schülerfirma Kreativ der BBS die Kosten mit dem Verkauf ihrer Werkstücke gedeckt. Die erste Reise mit Freunden, französische Kultur, Mittelmeerflair und Strandspaß. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Reisen in andere Länder zu den Dingen gehören, die mich in meiner Jugend am meisten geprägt haben. Eigentlich ist das heute noch so. Fremde Orte und Menschen geben neue Blickwinkel, weiten den Geist und das Herz. Fantastisch also, dass Schülerfirma, Lehrer und engagierte Bahnmitarbeiter die Reise am Ende doch möglich gemacht haben.

Ärztemangel: Scheinheiliges Deutschland

Es gibt zu wenig Ärzte, und es werden immer weniger. Das Problem ist ebenso bekannt wie ungelöst. Gerade auf dem Land ist die flächendeckende Versorgung gefährdet. Auf der anderen Seite leisten wir es uns, junge Menschen abzuweisen, die den Beruf des Mediziners erlernen wollen. Das Interesse ist da: Im Schnitt kommen auf einen freien Studienplatz in Deutschland drei bis vier Bewerber.

Die Hürden fürs Studium sind hoch, obwohl dringend zusätzliche Ärztinnen gebraucht werden. Denn Studienplätze in der Medizin sind teuer und kosten das Land Hunderttausende Euro. Es wird selten gegengerechnet, was es kosten wird, wenn die Mediziner in einigen Jahren zu wenige sind, um die Menschen zu versorgen. Anfang des Jahres hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die Länder aufgefordert, 5000 Studienplätze mehr zu schaffen. Dem wird in dieser Größenordnung wohl erst mal nicht nachgekommen. Dabei drängt die Zeit: An das sechsjährige Studium hängen die jungen Mediziner noch fünf Jahre Facharztweiterbildung.

Die Westpfalz kann an der Anzahl der Studienplätze in Rheinland-Pfalz relativ wenig ändern, hat sich aber einen eigenen Plan ausgedacht: Ein Verein, dessen Mitglieder die Landkreise und Städte der Region sind, schickt junge Leute nach Ungarn, um sie dort zu Ärzten auszubilden. Die Studiengebühren zahlt der Verein – teilweise oder ganz –, dafür müssen sich die künftigen Medizinerinnen verpflichten, wenigstens eine Zeit lang in der Westpfalz zu arbeiten.

Gut, dass es diese Möglichkeit gibt. Aber sie nimmt den Rest der Politik nicht aus der Verantwortung. Es ist scheinheilig, junge Leute allein zu lassen, sie zu zwingen, auf eigene Kosten oder mithilfe privater Spenden im Ausland zu lernen. Denn jeder weiß: Sobald sie fertige Ärzte sind, wird Deutschland sie mit Kusshand empfangen.

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