Pirmasens Babyboom im Städtischen
„Ob sich Schwangere wohlfühlen, hängt nicht damit zusammen, ob der Kreißsaal hellrosa oder knallpink gestrichen ist“, sagt Chefarzt Dieter Mink, der lange Jahre an der Uniklinik in Homburg gearbeitet hat und zuletzt Chefarzt am städtischen Klinikum in Saarbrücken war. Vor vier Jahren kam er nach Pirmasens, hat seitdem einiges umgekrempelt. „Wichtig ist, den Frauen früh das Gefühl zu vermitteln, auf sie einzugehen.“ Deshalb hat er bei den Kreißsaalführungen kürzere Intervalle eingeführt, bietet sie alle 14 Tage an. „Das soll persönlich sein, die künftigen Eltern wollen wissen, wie wir ticken.“ Da kommen mal drei Interessierte, ein andermal 50. Seit klar ist, dass das Evangelische in Zweibrücken schließt, ist der Andrang größer geworden, sagt Mink, der betont, dass das Städtische noch Kapazitäten frei hat. Zu Spitzenzeiten kamen hier 800 Kinder im Jahr auf die Welt. Er sehe Raum für 1000 Geburten. Ein Riesenvorteil sei in Pirmasens, sagt Mink, dass alle Frauen mit direkter Hebammenhilfe rechnen können. Eine Hebamme ist immer im Kreißsaal präsent, zwei haben Rufbereitschaft. Dafür sorgen die 17 Freiberuflerinnen des Hebammenhauses, das mit dem Krankenhaus zusammenarbeitet. Das sei auch schon während der Schwangerschaft ein Vorteil, erklärt die Hebamme Gabriele Kuntz, die Regie führt. „Woanders müssen sich die Frauen die Kurse zusammensuchen, bei uns können sie sich nehmen, was sie wollen.“ Das kommt offenbar an. Mittlerweile kommen Frauen aus Wilgartswiesen genauso zum Entbinden nach Pirmasens wie aus Waldfischbach-Burgalben. Minks Devise: „Den Frauen ein Maximum an Intimität und Ruhe bieten, eingebettet in einen Kokon hochleistungsfähiger Medizin.“ Die Freiberuflerin Kuntz konkretisiert: „Wir versuchen herauszufinden, welche Gebärsituation für die Frau am besten ist. Das kann in der Badewanne sein, wir arbeiten mit Bällen, Seilen, Tragetüchern, in die die Frauen sich reinhängen können.“ Für sie ganz wichtig: „Keiner Frau wird etwas aufgezwungen.“ 35 Prozent aller Kinder kommen in Pirmasens per Kaiserschnitt auf die Welt. „Damit liegen wir im Landeschnitt“, sagt der 56-jährige Gynäkologe. „Wir gehören aber zu den wenigen Kliniken, die aus der Beckenendlage heraus entbinden.“ Sein Ziel sei es, die Medizin überall dort zurückzunehmen, wo sie nicht erforderlich ist, sagt der Chefarzt. Er versuche auch dann eine natürliche Geburt, wenn das Kind sehr groß sei. „Zumal man im Ultraschall das Gewicht des Kindes nicht präzise vorhersagen kann.“ Die Dammschnittrate hat er zurückgefahren, Geburtseinleitungen versucht er zu verhindern. Und bevor unter der Geburt Medikamente gegeben werden, frage man die Mutter, ob sie das wolle. Als großen Vorteil empfindet es Mink, dass die Kinderstation auf demselben Flur ist und Frühgeborene ab der 32. Woche versorgt werden können. „Wenn es unter der Geburt zu einer Akutsituation kommt, kann ich einen Kollegen dazurufen. Wenn sich das Kind in den ersten Stunden schwertut, kann ich zuwarten, muss es nicht gleich auf die Kinderstation verlegen, weil ich in zwei Minuten dort bin.“ Mink geht davon aus, dass ihm die Schließung des Zweibrücker Krankenhauses noch mehr Geburten beschert. Was nicht gehen wird: Dass die Zweibrücker Frauen ihre Hebammen mitbringen. „Ich muss ja wissen, wer hier arbeitet, die müssen wissen, wo was liegt.“ Angedacht sei aber, dass Zweibrücker Hebammen Teil des Pirmasenser Teams werden, deutet Kuntz an. In jedem Kreißsaal gibt es eine Badewanne, das Licht kann gedimmt werden. Und Musik ist auch erlaubt. „Die Leute bringen ihre Musik mit. Ich hatte hier schon alles, Schlager und AC/DC.“ Auch gedämpftes Licht empfinde er als wichtig: „Was das Kind kennt, beruhigt es.“ Selbst bei der Zimmerbelegung versuchen die Verantwortlichen, den werdenden Müttern entgegenzukommen. „Wenn es geht, belegen wir die Doppelzimmer als Einzelzimmer“, erläutert Mink. Für 35 Euro Zuzahlung gibt es ein sogenanntes Familienzimmer, in dem auch ein Bett für den Vater steht, „das ist dann wie im Hotel“. „Babyfreundlich“ heißt auf der Geburtshilfestation ein Zauberwort. Deshalb wird den Müttern das Kind direkt nach der Geburt auf die Brust gelegt, um das Urvertrauen zu stärken. Stillen wird forciert, Werbung für Milchfirmen ist tabu. Kuntz: „Erfolgreiches Stillen hat auch viel damit zu tun, auf den Rhythmus des Kindes einzugehen.“ Deshalb seien die Babybettchen direkt ans Bett der Mutter angekoppelt. Die Verweildauer von jungen Müttern beträgt im Städtischen 3,6 Tage. Druck gemacht werde nicht, so Mink. „Wir sagen, gehen sie nach Hause, wenn es ihnen gut geht und sie mit allem klarkommen.“