Pirmasens
Ausverkauf bei Peter Kaiser: Nur noch Name und Fassade bleiben
Während im vorderen, der Lemberger Straße zugewandten Gebäude noch gearbeitet wird, drücken sich im hinteren Bereich die Interessenten die Klinke in die Hand. Mitarbeiter des Hamburger Auktionsunternehmens Lüders & Partner empfangen sie, erfassen die Kontaktdaten, geben die Auktionskataloge aus. Sechs Stunden lang können am Donnerstag mehr als 270 Objekte besichtigt werden, die bis morgen, Dienstag, im Internet versteigert werden. Unter den Hammer kommen Büroausstattungen und Computer, Maschinen aus der Schuhproduktion, der Fuhrpark und die Kantineneinrichtung – von der Edelstahlküche über die Kaffeemaschine bis zum Essservice. Selbst Kurioses ist dabei: eine Raucherkabine aus Glas mit Sitzbank, ein Edelstahl-Gemüseschneider, 60 Stapelstühle mit sechs Tischen, ein Standventilator.
Verlassene Arbeitsplätze
Ein Teil der Versteigerungsobjekte ist im Untergeschoss zusammengestellt. Der Weg dorthin führt durch den Waschraum, von dem aus Türen zu den Duschen und Toiletten abzweigen. Die Räume sind verlassen, niemand ist unterwegs. Metallregale, in denen Kisten gestapelt sind, Gitterkörbe mit Sohlenrohlingen und Absätzen, Gabelhubwagen und ein Stapler stehen auf dem Weg zur Sohlen- und Absatzfertigung. In einer Werkstattkabine stehen Schreibtische mit Computern und Faxgeräten, auf einem Tisch liegt eine Packung mit feuchten Desinfektionstüchern. Hier sieht es so aus, als seien die Mitarbeiter in die Pause gegangen und kämen gleich zurück. Sie werden nicht mehr zurückkommen. Ob sich für die Computer, die auch nicht mehr die jüngsten sind, jemand begeistert? Mindestens 15 Euro müssen geboten werden.
In der ehemaligen Sohlen- und Absatzfertigung, in der es vor wenigen Monaten noch laut und lebhaft zuging, herrscht Stille. Eine bedrückende Stille. Denn in diesem Raum spiegelt sich die Geschichte der Pirmasenser Schuhindustrie, deren älteste Schuhfabrik jetzt vor dem Ende steht. Da steht eine alte Sohlenschleifmaschine der Firma Ernst Mohrbach aus Rieschweiler/Pfalz, Typ 5, Maschinen-Nummer 184. Der schwarze Bakelit-Drehschalter steht auf 0, genau wie die Anzahl der Gebote. Ein Mindestgebot von 80 Euro erhofft sich der Auktionator für dieses Museumsstück.
Weitere Maschinen erinnern daran, dass Pirmasens nicht nur das Zentrum der Schuhproduktion war, sondern hier auch weltweit gefragte Schuhmaschinen entwickelt und produziert wurden. Sohlenschleif- und Absauganlagen von Ferdinand Schäfer und Söhne, eine alte Schwenkarmstanze und ein Sohlenegalisierer der Firma Sandt, verschiedene Anlagen von USM, deren Tochter Deutsche Vereinigte Schuhmaschinen bis in die 1990er Jahre eine Niederlassung in der Horebstadt hatte. In den 1970ern begann der Niedergang der Branche. Ein Jammer.
Hoffen auf Schnäppchen
Um 12 Uhr stehen die ersten Interessenten vor der Tür. Sie kommen aus der Region, schauen sich die Maschinen in der Produktion an. Wiederverkäufer und private Schnäppchenjäger schauen vorbei. Ein Autoaufkäufer bietet an, den Fuhrpark zum Festpreis zu übernehmen. Vergebens. Die Volkswagen-SUVs, ein Seat-Van, ein Mercedes-Transporter und ein Mercedes-Bus mit acht Sitzplätzen sind online begehrt. „Da kommen aber noch Aufschlag und Mehrwertsteuer dazu, gell?“, fragt ein Interessent nach den Nebenkosten. Der Mercedes-Bus, im November 2019 zugelassen, steht am Sonntagabend schon bei über 17.000 Euro. Geboten werden muss in 1000er-Schritten. Der derzeit Höchstbietende muss inklusive Nebenkosten fast 24.000 Euro auf den Tisch legen, wenn er morgen den Zuschlag erhält. Für das Geld erhält er ein vergleichbares Gebrauchtmodell vom Händler.
Bis zum Ende der Besichtigung kommen immer wieder Interessenten. Der eine oder andere wird ein Stück aus der ältesten Schuhfabrik Deutschlands erwerben. Damit werden weiter Schuhe produziert. Nicht mehr bei Peter Kaiser in der Lemberger Straße. Dort bleibt nur der Name und die Hülle einer Fabrik, in der nichts mehr fabriziert wird. Wieder endet ein Stück Pirmasenser Schuhgeschichte.