Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung in der Alten Post hat eine neue Bedeutung bekommen

Bettina Böhme aus Friedersdorf in der Oberlausitz arbeitet mit Textilien und Verbandsmaterial – wie bei diesem Werk.
Bettina Böhme aus Friedersdorf in der Oberlausitz arbeitet mit Textilien und Verbandsmaterial – wie bei diesem Werk.

So ein Künstleraustausch kann ganz schnell echte geopolitische Bedeutung erhalten. Die Wanderausstellung „Zusammentreffen“, die ab Freitag in der Alten Post Station macht, war als eine Art Retrospektive eines langjährigen Künstleraustauschs gedacht, der angesichts des Kriegs in der Ukraine nun im größeren Zusammenhang gesehen werden kann. Die Künstler selbst arbeiteten eher unpolitisch.

Seit 2013 reisen jedes Jahr Künstler aus dem Kreis Fulda in das an der polnischen Grenze gelegene Görlitz und umgekehrt. 13 Künstler waren es seitdem, die in der Ausstellung nun zusammenkommen. „Via-Regia-Stipendium“ nennt sich die Initiative und mit der Via Regia kommt nun die geopolitische Dimension in die Alte Post in Pirmasens.

„Das hat eine Bedeutung bekommen, die so nicht geplant war“, meint der Pirmasenser Kulturamtsleiter Rolf Schlicher, der auf den Krieg in der Ukraine anspielt. Die Via Regia war ein mittelalterlicher Handels- und Pilgerweg, der von Santiago di Compostela bis Kiew führte. Es gab auch noch eine Abzweigung nach Moskau. Der Künstleraustausch zwischen Fulda und Görlitz diene auch der europäischen Integration, meint die Kuratorin der Alten Post, Charlotte Veit, obwohl nur Künstler aus West- und Ostdeutschland dabei zusammenkommen. Die Ausstellung soll von Pirmasens nach Brüssel, Leipzig und Breslau weiterwandern. Weiter östlich gelegene Ausstellungsorte waren geplant, haben sich durch den Krieg aber erst mal erledigt.

Das Moos von Görlitz

Inhaltlich haben sich die Künstler während ihrer Stipendien meist mit den Themen befasst, denen sie sich ohnehin widmen. Der aus Fulda stammende Jens Rausch (Jahrgang 1976) hat sich immerhin bei seinem Aufenthalt in Görlitz der dortigen Erde und Moosen bedient für seine Gemälde, die auf den ersten Blick wie experimentelle Fotografien wirken, aber aufwendig gearbeitete Materialbilder sind. Wälder, Felsen und Wasserspiegelungen hat er auf die Leinwand gebracht. Öl, Ruß, Kalk, Gips und eben Erde aus Görlitz sowie Moos aus der Umgebung wurden von dem Künstler auf eine beeindruckende Art zu einem reliefartigen Bild zusammengefügt und mit einer verblüffenden Bildwirkung versehen.

Kunst aus Gemüse

Verblüfft ist der Betrachter auch beim Anblick der Arbeiten der jüngsten Stipendiatin. Viviane Niebling aus Frankfurt am Main (1991 geboren) arbeitet mit Gemüse. Zucchini, Wirsing oder Rotkohl und Lauch werden von der im Hauptberuf als Bühnenbildnerin arbeitenden Künstlerin zu Collagen verarbeitet oder eben auch ganz plastisch zu einem Torso. Drei Torsi sind zu sehen. Das Gemüse wurde von der Künstlerin derart fein ausgewalzt, dass es transparent ist. Durch die Brust des Torsos kann man das Licht sehen. Gemüsepapyri nennt sie ihre Kreationen. Die Figur wirkt extrem fragil, scheint es auch zu sein. Niebling war als einzige der 13 Künstler angereist, um ihre Werke selbst zu hängen. Bei der Vernissage am Freitag wird sie aber ebenso fehlen wie alle anderen Künstler. Nur die Kuratorin aus Kleinsassen bei Fulda reist an.

Computerspiel-Momente

Ganz klassisch mit Aquarellfarbe arbeitet der ebenfalls aus Fulda kommende Lukas Bleuel. Der 1988 geborene Maler widmet sich den digitalen Medien und ihrer extrem vergänglichen Bildwelten, die oft nur wenige Sekunden existieren, bevor sie wieder zu Einsen und Nullen aufgelöst im Internet verschwinden. Momentaufnahmen von Computerspielen hat Lukas Bleuel als Standbild auf metergroße Leinwände mit der althergebrachten Aquarelltechnik gebannt. Pokemon und Super Mario finden sich so in der Alten Post ebenso wie eine Szene aus einem kriegerischen Spiel, bei dem rote auf blaue Menschen schießen.

Männerkörper, Männerköpfe

Die gute alte Ölmalerei auf Leinwand praktiziert die 1963 in Görlitz geborene Doris Baum. 2,60 Meter hoch ist ihr Monumentalgemälde „Demut Mariens“. Zu sehen sind nackte Männerkörper, gut gebaut und umrahmt von gut gelaunten Männerköpfen, die sie umschwirren. „Schauen, fragen, Antworten entstehen lassen“, empfiehlt die Künstlerin den Betrachtern. Ihre Kollegin Bettina Böhme (geboren 1956) aus der Oberlausitz hat sich wie Niebling der Collage gewidmet. Allerdings sie dazu haltbarere Materialien wie Verbandsmull, Fliegengaze und andere Textilien verwendet, die sie zu vernetzten Strukturen auf metergroßen Stoffbahnen zusammenfügt. Organische Welten entstehen so, die über das Textilmaterial in den Raum hinein wachsen.

Die Ausstellung wird bis 19. Juni in Pirmasens zu sehen sein und geht danach direkt nach Brüssel zum Europäischen Ausschuss der Regionen. Neben den genannten Künstlern werden noch Arbeiten von Bernd Baldus, Kathrin Christoph, Teresa Dietrich, Frank Hiller, Ulrike Kuborn, Christine Mann, Melissa Wagner und Veronika Zyzik gezeigt.

Info

  • „Zusammentreffen“, Werke von 13 Künstlern, Pirmasens, Forum Alte Post, Poststraße 2, bis 19. Juni, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 10-17 Uhr. Eintritt: sechs Euro.
  • Vernissage: Freitag, 18. Juni, 19 Uhr, Anmeldung nötig unter Telefon 06331 239271. Die Kuratorin Elisabeth Heil führt in die Ausstellung ein.
"Demut Mariens" (hier ein nur Detail) nennt Doris Baum dieses 2,60 Meter hohe Gemälde.
»Demut Mariens« (hier ein nur Detail) nennt Doris Baum dieses 2,60 Meter hohe Gemälde.
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