Zweibrücken
Auf Leonard Cohens Spuren durch Montreal
Sie planen eine Art Enzyklopädie über das Gesamtwerk Leonard Cohens. Was macht den sechsten Band ihrer Serie aus?
Das Buch „Marillion, Montreal und Leonard Cohen“ bietet drei als „Book of Marillion“, „Book of Montreal“ und „Book of Leonard Cohen“ betitelte Kapitel. Das „Book of Marillion“ offeriert Zahlen, Daten und Fakten anhand einer kommentierten Timeline zum Gesamtwerk von Marillion. Zahlreiche unveröffentlichte Fotos und Interviews mit Fish, dem einstigen Frontmann der Band, mit Steve Rothery, dem Mitbegründer und Gitarristen und Steve Hogarth, Frontmann bei Marillion seit über 30 Jahren, ergänzen das Kapitel. Im „Book of Montreal“ genannten zweiten Kapitel beschreibe ich einen Spaziergang durch Leonard Cohens Heimatstadt. Das Buch behandelt knapp 60 Wirkungsstätten seiner Karriere in Wort, Bild und QR-Codes mit Hinweisen auf eine Karte bei Google Map, die diese Spaziergänge durch Montreal auch digital nacherleben lassen. Im „Book of Leonard Cohen“, dem dritten Kapitel, wird die Relevanz des 2016 verstorbenen Rockpoeten aus Montreal am Beispiel der 2022er Film-Dokumentation „Hallelujah – A Song, A Journey“ thematisiert. Ein Interview mit Leonard Cohens Co-Produzentin Sharon Robinson und eine kommentierte Timeline mit unveröffentlichten Fotos zu seinem Lebenswerk komplettieren den Band.
„Bücher sind Freunde“ schreiben Sie im „Vorklang“ bezeichneten Vorwort Ihres Buches. Was meinen Sie damit?
Obwohl alles schon im Internet zu lesen, zu recherchieren und nachzuschauen ist, bleiben Bücher Freunde. Bücher kann man berühren, anfassen und riechen. Bücher sind um uns herum, manchmal ein Leben lang, stehen in Regalen, in Schränken und in Bibliotheken. Bücher sind Freunde. Natürlich kann man all das, was in Büchern steht, all die Geschichten, die man in Büchern aufschreibt, auch ins Internet stellen. Aber auch dort gibt es Lücken und Fehler, und dann ist es kein Buch mehr. Und ja, es sind viele – auch die lücken- und fehlerhafte – Geschichten über Marillion, Montreal und Cohen im Internet zu finden. Will man im digitalen Zeitalter dennoch ein Buch wie „Marillion, Montreal und Leonard Cohen“ schreiben, sollte es etwas beinhalten, was andere Publikationen nicht oder noch nicht oder zumindest in dieser Art noch nicht offerieren. Noch nie zuvor sind alle sogenannten Cohen-Places in Montreal in Wort und Bild analog erfasst und zusätzlich auch noch auf Google Map als eine Art digitaler Stadtführer publiziert worden.
Wann entstand die Idee für dieses Buchprojekt?
Die Idee zu diesem Buch kam im Umfeld der Veröffentlichung des 19. Studio-Albums von Marillion „An Hour Before It’s Dark“ im Jahr 2022. Auf diesem Album befindet sich mit „The Crow and the Nightingale“ eine Art Liebeslied an Leonard Cohen. Diese Hommage, textlich umgesetzt von Steve Hogarth, basiert auf dessen Begeisterung für Cohen. Marillion sind Hogarth schon 2012 mit der Veröffentlichung des Songs „Montreal“ auf dem Album „Sounds That Can’t Be Made“ gefolgt. In dem Song verarbeitet Hogarth Tagebucheinträge und Erinnerungen an eine Reise in Cohens Heimatstadt zu einem Lied. „The Crow and the Nightingale“ ist eine Art Liebeslied an Cohen. Der Song stand im Mittelpunkt des dreitägigen „Marillion Weekend-Festivals“ in Montreal im Mai 2023. Mit einem Freund, der in Montreal lebt, besuchte ich das Festival und unternahm Spaziergänge durch die Stadt. Ich hatte Gelegenheit mit Gitarrist Steve Rothery und Steve Hogarth über „Marillion, Montreal und Leonard Cohen“ zu sprechen und besuchte etwa 60 Cohen Places in Montreal, Wirkungsstätten, die mit dem Leben und Werk Cohens zu tun haben.
Welche musikalischen Bezüge gibt es zwischen Leonard Cohen und Marillion?
Rein musikalisch sind Marillion und Cohen weit auseinander. Marillion sind Vertreter des New Prog-Rocks, mit der Intension, Rockmusik um stilistische Merkmale anderer Musikgattungen zu ergänzen. Cohen dagegen ist Vertreter der Singer-Songwriter-Gilde, der im Zuge seiner langen Karriere aber auch Ausflüge in den Blues mit Jazz-Elemente unternahm. Parallelen finden sich in den bildreichen, atmosphärisch dichten Texten.
Haben sich Marillion und Cohen kennengelernt?
Soweit mir das die Marillion-Musiker sagten, war das nie der Fall.
Was hat es mit der digitalen Google Map und der Interaktivität des Buches auf sich?
Das Buch ist nicht nur eine kleine Einführung in die Karriere von Marillion mit unveröffentlichten Fotos der 2023er Marillion-Tournee in Montreal und davor; es ist nicht nur eine Einführung in das Werk von Cohen – es ist vor allem auch eine Art Melange aus analogem und digitalen Montreal-Stadtführer mit Bezug zu Cohens Leben. Möchte man auf dessen Fußspuren durch die Stadt wandeln, habe ich analog zum Buch eine umfangreiche Google Map mit Fotos aus dem Buch und Hintergrundinfos ins Netz gestellt. Es ist so etwas wie die digitale interaktive Visualisierung eines Buch-Kapitels. Zu finden ist das alles auch mit dem im Buch abgebildeten QR-Code, den es auch auf der Webseite www.cohenpedia.de zu finden ist. Man kann Auszüge des Buches zudem über das Smartphone bei einem analogen Spaziergang durch Montreal digital erleben. Dort findet man auch kleine Podcasts zum Buch.
Wie oft haben Sie Montreal auf den Spuren Cohens bereist?
Montreal habe ich über drei Jahrzehnte mehrere Male besucht. Die Besuche bei einem langjährigen Freund ermöglichten es mir, die Stadt ein wenig besser kennenzulernen. Zum ersten Mal war ich dort Ende der 1990er Jahre und im Jahr 2000 anlässlich einer Cohen-Convention. In Montreal war ich auch 2017, um das dortige „Tower of Song – Tribute to Leonard Cohen“-Festival zu besuchen. Und ich reiste nach Montreal, um die Familie Freundes Manfred zu besuchen und auf den Spuren von Leonard Cohen zu wandeln. Es begann mit Spaziergängen durch Westmount, wo mein Freund schräg gegenüber von Leonard Cohens Elternhaus wohnte.
Sie planen eine Enzyklopädie von zehn Bänden. Was folgt als nächstes?
„Es gibt nicht nur ein Buch oder gar das Buch über irgendetwas“, erzählte mir einmal Cohen als Erklärung, warum er seine Bücher „Book of Mercy“ oder „Book of Longing“ jeweils ohne vorangestellten Artikel betitelte. Er meinte, er wolle nicht den Anspruch erheben, dass es nur das eine „Buch der Gnade“ oder „das Buch der Sehnsucht“ gäbe. In diesem Sinne offeriert auch mein Buch einzelne, als „Bücher im Buch“ zu verstehende Kapitel oder als Kapitel benannte und zu verstehende Bücher in einem Buch. Das oder nur ein Buch über „Marillion, Montreal und Leonard Cohen“ gibt es nicht und deswegen reicht ein Buch über das Gesamtwerk von Cohen auch nicht aus.
Lesezeichen
Christof Graf: „Marillion, Montreal & Leonard Cohen“. Broschiert, 532 Seiten, ca. 420 Fotos. ISBN-10: 3945329213; ISBN-13: 978-3945329214; 29,50 Euro.
Zur Person
Der Zweibrücker Christof Graf, Jahrgang 1963, ist Professor für Wirtschaft und Marketing an der ASW Akademie der Saarwirtschaft in Neunkirchen. Seit 1988 ist er zudem Publizist für Hörfunk-, Print- und Online-Medien und Autor von zahlreichen Artikeln und Büchern wie „Joe Cocker“ (2015), „Rock am Ring“ (2015) und insbesondere über Leonard Cohen (unter anderem „Partisan der Liebe“, „Titan der Worte“) und Bob Dylan (,,Man On The Road – The Never Ending Tour 1988–1999“, „America“, „Bob Dylan On the Road – The Never Ending Tour 1988 – 2021). Von 1988 bis 1996 war Graf Chefredakteur bei Live-Magazin Saar und von 2001–2004 Marketingbeauftragter beim Saarländischen Rundfunk. Christof Graf ist auch Initiator des Leonard Cohen-Blogs blog.leonardcohen.de und seit 1996 Betreiber der ersten, ältesten und umfangreichsten deutschen Website zu Leonard Cohen: leonardcohen.de und cohenpedia.de. Weitere Infos online unter christofgraf.de sowie cohenpedia.de.