Pirmasens
Achtung, Gefahr! Wie es in Stadt und Landkreis um die Sirenen steht
Der an- und abschwellende Heulton einer Sirene ist in Pirmasens bereits seit „Mitte der achtziger Jahre“ nicht mehr zu hören, weiß Karl-Heinz Bär, der Feuer- und Katastrophenschutzinspekteur von Pirmasens. „Anfang der neunziger Jahre wurden die Sirenen abgebaut“, berichtet der 56-Jährige.
Sirenen seien nicht mehr zeitgemäß. Eine Sirene „könnte zwar ein Mittel zur Warnung der Bevölkerung sein, doch wir wollen zunächst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen“, stellt Bär fest. Gleichwohl sei die Diskussion um Sirenen nach der Flutkatastrophe im Norden von Rheinland-Pfalz wieder aufgeflammt. Deshalb sei auch die Stadt „noch nicht am Ende des Entscheidungsprozesses“, ob Sirenengeheul doch noch nützlich sein könnte und Sirenen wieder aufgebaut werden sollten.
Bär gibt indes zu bedenken, dass in den mittlerweile sehr viel besser gedämmten Häusern bei geschlossenem Fenster der Heulton kaum zu hören sein könnte. Dagegen seien die vor möglichen Katastrophen warnenden Apps „Nina“ oder „Katwarn“ für jeden, der ein Smartphone besitzt, stets präsent – falls das Handy eingeschaltet ist.
Abfrage: 4100 Katwarn-Nutzer in Pirmasens erreichbar
Bär hat auch die spezifische, topografische Lage von Pirmasens im Blick. „In unserer Sieben-Hügel-Stadt ist die Gefahr eines Hochwassers kaum realistisch. Allenfalls kann da mal ein Keller voll Wasser laufen“, sagt Bär. Allein im Vorort Niedersimten könnte Gefahr drohen. „Doch in den letzten Jahren konnte ich nicht ein Mal beobachten, dass das Regenrückhaltebecken bei Niedersimten auch nur annähernd gefüllt war“, sagt Bär.
Bär fragt ab, wie viele Nutzer die Katwarn-App in Pirmasens aktuell mit einer Warnung erreichen kann: 4100 Personen. „Und diese würden eine Warnung über die sozialen Netzwerke an viele Leute weitergeben. Somit hätten schnell sehr viele Personen Kenntnis von einer möglichen Gefährdung“, etwa einem Chemieunfall oder einem Sturm. Es gebe zudem noch die Möglichkeit, mit einem Lautsprecherwagen vor Gefahren zu warnen.
Im Landkreis 9468 App-Nutzer erreichbar
Ähnlich ist die Situation im Landkreis. „Es gibt kein kreisweites, einheitliches Warnsystem“, klärt Stiven Schütz auf, der Feuer- und Katastrophenschutzinspekteur des Landkreises Südwestpfalz. Generell setze der Kreis auf eine Warnung „mit verschiedenen Bausteinen“. Wichtigster Baustein ist das Modulare Warnsystem (Mowas) des Bundes, hier insbesondere die Warnapps „Nina“ und „Katwarn“.
Auch Schütz testet für die RHEINPFALZ, wie viele App-Nutzer gerade im Falle einer Warnung im Landkreis zu erreichen wären: 9468. Das sind rund zehn Prozent der Einwohner des Landkreises. Der bundesweite Schnitt für die Katastrophenwarnapps liegt bei etwa 15 Prozent.
Der 52-jährige Feuerwehrmann weiß indes auch, dass nicht jedes Handy Tag und Nacht griffbereit liegt und somit die Warnung auch ankäme. Auch ein Netzausfall würde eine Warnung unmöglich machen. Falls die Meldung allerdings ankommt, dann ist auch Schütz sehr zuversichtlich, dass diese umgehend in Umlauf gebracht wird, so dass schnell sehr viele Menschen davon Kenntnis bekommen.
Auch wer das Signal nicht kennt, weiß: Hier ist etwas passiert
Ob noch mittels einer Sirene gewarnt wird, liegt im Landkreis in der Zuständigkeit der Verbandsgemeinden. Vielerorts seien die Sirenen allerdings abgebaut oder abgeklemmt. „Die älteren Leute kennen noch die Sirenengeräusche. Aber auch der, der die nicht, kennt weiß: Da ist etwas passiert“, sagt Schütz. Dann werde das Radio eingeschaltet, ins Internet geschaut, das Smartphone zur Hand genommen. Insofern komme den Sirenen doch noch eine Bedeutung zu. Hatten die Sirenen aus dem 20. Jahrhundert noch eine Hörweite von rund einem Kilometer, so seien es aktuell „etwa drei Kilometer“, so Schütz.
Die Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Sirenen ist nach der Katastrophe im Ahrtal wieder aufgeflammt. „Selbst wenn der Strom ausgefallen ist, ist ein Alarmsignal möglich, weil die Sirenen neuerer Bauart einen Strompuffer von etwa zwei Tagen haben“, weiß Schütz. Auch Durchsagen über Lautsprecherwagen seien ein probates Mittel zur Information der Bevölkerung.
„Sirenenfreunde“ in Thaleischweiler-Fröschen
Im Landkreis verfügen die Verbandsgemeinden Zweibrücken-Land und Thaleischweiler-Wallhalben über ein Sirenennetz. Heino Schuck, der für den Katastrophenschutz zuständige Beigeordnete der VG Thaleischweiler-Wallhalben, ist ein glühender Verfechter der Warnung per Sirene. Seit zwei Jahren werde das Sirenennetz in der Verbandsgemeinde erneuert. Nur in Knopp-Labach sei kein geeigneter Standort für eine Sirene gefunden worden, „weil die Örtlichkeit nach der Demontage der Sirene zu einer Wohnung umgebaut wurde“. In der früheren Verbandsgemeinde Wallhalben seien durchweg neue Sirenen installiert worden. In Thaleischweiler-Fröschen gebe es gar eine Gruppe von „Sirenenfreunden“.
Wenn die Sirenen funktionstüchtig seien, „müssen wir erst mal die Leute informieren, was die Heultöne bedeuten“, sagt Schuck. Mit dem neuen Sirenensystem könnten auch Durchsagen gemacht werden. Der Wiederaufbau des Sirenensystems sei jedoch nicht aus Angst vor einem möglichen Hochwasser am Schwarzbach geschehen. „Da passiert nicht viel, weil die Topografie bei uns anders ist als im Ahrtal“, sagt Schuck. Auch wenn der Landkreis den Wiederaufbau des Sirenensystems mit 20 Prozent bezuschusse, so trage dieser doch auch Schuld am Niedergang der Sirenen in den letzten Jahrzehnten. „Überhaupt fühlte sich da keiner zuständig“, klagt Schuck im Gespräch mit der RHEINPFALZ.
Nur noch wenige Großstädte halten an Sirenen fest
Sie sahen oft aus wie Pilze, machten absichtlich einen Höllenlärm, alarmierten die Feuerwehr und warnten die Bevölkerung vor Gefahren. Sie gehörten zum Bild einer jeden Stadt, jeden Dorfes: Sirenen. 80.000 davon gab es Anfang der 80er Jahre noch in Deutschland. Dann kamen der Piepser für die Alarmierung der Feuerwehren und die Wiedervereinigung. Der Bund zog sich in den Neunzigern aus der Finanzierung der Sirenen zurück, die Länder zogen nach. Die meisten Heuler wurden stillgelegt.
Heute gibt es laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe nicht mehr als etwa 15.000 funktionierende Sirenen. Nur wenige Großstädte halten noch Sirenen vor. Hamburg beispielsweise hat heute noch ein gut funktionierendes Hochleistungssirenennetz – zur Warnung vor Sturmfluten. Nach der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen kamen die Sirenen wieder ins Gespräch. „Vielleicht ist die gute alte Sirene nützlicher, als wir gedacht haben“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch im Katastrophengebiet Bad Münstereifel.
Infos zu Pegelständen, beispielsweise von Horn- und Schwarzbach, gibt es im Internet auf www.hochwasser-rlp.de. Wie man sich in einem Katastrophenfall verhalten soll, erklärt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf www.BBK.bund.de.