Pirmasens
Abriss der früheren Kaufhalle hat begonnen
Die Szenerie ist beeindruckend. Monströs und filigran zugleich nähert sich der Baggerarm der Dachrinne. Mühelos wie ein Nagelclip reißt der große Greifer das Metall aus der Halterung, es fällt scheppernd zu Boden. Mit Kraft und zugleich bewundernswerter Präzision arbeitet sich der Greifer Stück um Stück die Dachkante entlang. Ein Anblick, der die Zuschauer beinahe ehrfürchtig ergreift. Wenige Minuten später: Werkzeugwechsel. Mit einer viereinhalb Tonnen schweren Abbruchzange steuert der Bagger nun einer der zahlreichen Scheiben entgegen. Tock, tock, klirr: Die Scheibe ist zerborsten, bröckelt zu Boden. Ein Bauarbeiter spritzt Wasser an die Fassade, um den aufkommenden Staub zu binden.
Passanten bleiben spontan in der Höfelsgasse stehen, richten den Blick auf die mehr als zehn Meter hohe Fensterreihe. „Ooooaaaah“, entfährt es einem Jungen. „Uuuh, uuuh, uuuuh“, einem anderen. Eine Mutter hebt ihren kleinen Jungen hoch, damit er über den Bauzaun schauen kann. Mit unvorstellbarer Leichtigkeit reißt die Abbruchzange Laibung um Laibung heraus. Fensterrahmen fallen in die Tiefe. Das Innere des entkernten oberen Stockwerks wird sichtbar. Die Zange erinnert an einen Dinosaurier, dessen Maul dem Mauerwerk immer wieder Stücke entreißt, zudem im Inneren an Leitungen und alten Rippenheizkörpern zerrt, die daraufhin krachend auf den Boden stürzen. Aus dem früheren Fenster heraus regnet es Fassadenbrocken. Auch Minuten später ist die Menge an Schaulustigen und geladenen Augenzeugen noch fasziniert vom Anblick und Können des 45-Tonnen-Baggers, der auf Ketten polternd vor und zurück rollt.
Auch der OB darf den Bagger steuern
Dann will Markus Zwick es wissen. „Ihr losse mich jo net“, hatte der Oberbürgermeister noch mit dem Chef der Baggerfirma gescherzt, dann darf er tatsächlich in der vergitterten Kabine Platz nehmen. Um ihn herum macht sich eher Furcht als Ehrfurcht breit: Mal lieber aus dem Weg gehen, ehe der OB den falschen Hebel erwischt und die 45 Tonnen sich selbstständig machen. „Jetzt sieht er mal, wie schwer diese Arbeit ist, auch wenn’s ganz leicht aussieht“, sagt einer der Männer vom Bau. Mit Hilfe des Baggerfahrers hebt Zwick die Abbruchzange an, etliche Kameras und Bildschirme sind auf ihn gerichtet. Diese Fotos werden um die Welt gehen. Es gelingt ihm, die Zange zu drehen, dann setzt er sie schnell wieder ab. „Das wär’ so ein Job für mich“, sagt er glücklich.
Freude und Wehmut zugleich
Es ist ein Termin wie gemacht für den OB. Er spricht mit Vertretern der Firma Korz, die in den nächsten Wochen mit 15 bis 20 Mann und noch einem weitaus größeren Bagger auf der Großbaustelle arbeitet. Er spricht mit Anwohnern, die nun täglich von 7 bis 17 Uhr die Bagger aus nächster Nähe erleben, mit Passanten, mit der Presse. Er erzählt, wie er sich als Leibniz-Schüler in der Kaufhalle mit Süßigkeiten und Lektüre versorgte: mal sind es Micky-Maus-Hefte, mal die Bravo „oder was man sich damals so kaufte“. Er spricht von „sehr schönen Erinnerungen“, der Abriss sei ein „emotionaler Moment“. „Es ist ein Stück persönliche Kindheit, die hier abgerissen wird“, pflichtet ihm Bürgermeister Michael Maas bei. Doch bei allem Wehmut sei der Abriss der ehemaligen Kaufhalle auch ein freudiges Ereignis, „weil wir damit die weitere Entwicklung der Innenstadt anstoßen“.
Das seit 2006 leerstehende Warenhaus soll Platz machen für die sogenannte Schuhstadt, die im Bereich Schlossstraße/Höfelsgasse bis 2022 entstehen soll. Outdoor-Artikel und Schuhe werden dort verkauft, so die Pläne, zudem entstehen Wohnungen. Allerdings haben die Planer bislang noch keinen Investor für das Millionen-Projekt gefunden. Er sei dennoch „sehr optimistisch“, sagt Zwick, „mein Herz schlägt dafür“. Und selbst wenn daraus nichts werden sollte, sei das Areal dann baureif und biete neue Perspektiven. „Ein dauerhafter Leerstand kann für die Stadt nicht gut sein“, unterstreicht Zwick.
Abriss dauert bis Jahresende
900.000 Euro sind für den Abriss eingeplant. 90 Prozent davon übernimmt das Land, den Rest steuert die Stadt Pirmasens bei. Die Immobilie hat eine Nutzfläche von 5200 Quadratmetern und umfasst 21.000 Kubikmeter umbauten Raum. Bereits Ende Juli hatte der Baggerbetrieb Korz aus Enkenbach-Alsenborn mit der Entkernung begonnen, am Dienstagnachmittag startete nun der eigentliche Abriss, für den sechs Wochen veranschlagt sind. Bis Ende des Jahres soll das Gebäude, dessen Geschichte bis ins Jahr 1928 zurückreicht, zurückgebaut sein. „Die Kaufhalle hat die längste Zeit hier gestanden“, sagt Zwick. Wie wahr.