Hassloch RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Kuscheltier und Kulturerbe: Was wirklich hinter der Kaninchenzucht steckt

Die Leidenschaft für die Kaninchenzucht verbindet sie: Ramona Müller, Amy Müller, Bernd Graf, Viktor Bobrowitsch und Andreas Gro
Die Leidenschaft für die Kaninchenzucht verbindet sie: Ramona Müller, Amy Müller, Bernd Graf, Viktor Bobrowitsch und Andreas Groß.

Er sieht aus wie ein Kaninchen und bringt bunte Eier: der Osterhase. Kaninchenzüchter aus Haßloch erklären, was es mit Hasen, Kaninchen und ihrem Hobby auf sich hat.

Wenn morgen irgendwo im Garten oder im Feld bunte Eier liegen, ist es klar, wie sie dahin gekommen sind: Der Osterhase hat sie dort versteckt. Schon in den Wochen vor Ostern ist er schließlich allgegenwärtig, in Schaufenstern und Süßwarenregalen. Klein, rundliches Gesicht, große Augen, kuscheliges Fell. Genauso wie das Tier, das die elfjährige Amy Müller an diesem Nachmittag in der Füllergasse in Haßloch auf den Arm nimmt und knuddelt. Freilich ist das kein Hase, sondern ein Kaninchen. Um genau zu sein: ein Farbenzwerg. Eines der Tiere, die die Vertreter des Kaninchenzuchtvereins P20 ins Vereinsheim gebracht haben, um zu erklären, was eigentlich genau hinter ihrem Hobby steckt, warum jemand zum Kaninchenzüchter wird, und was es für ihn bedeutet.

Spontane Antworten gibt es sofort: die Liebe zum Tier, der Zusammenhalt in der Gemeinschaft Gleichgesinnter, der Ausgleich zum Job. Doch ganz wichtig sind den Kleintierfreunden zunächst einige Klarstellungen. Zum einen: Mit dem Osterhasen haben sie eigentlich gar nichts zu tun, denn Kaninchen und Hasen sind zwar weitläufig miteinander verwandt, aber doch zwei völlig verschiedene Tiere. Schon vom Äußeren her: Kaninchen sind ein bisschen gedrungen, Hasen schlank, darüber hinaus haben sie längere Ohren. Außerdem leben Kaninchen gerne in Gruppen, während Hasen Einzelgänger sind.

„Sympathische Form der Lebensgestaltung“

Punkt zwei: Das Hauskaninchen, das wir so kennen, beispielsweise vom Streichelzoo, hat mit dem Wildkaninchen nur noch wenig zu tun, etwa so viel wie der Hund mit dem Wolf. „Die Tiere sind domestiziert worden und haben sich dadurch stark verändert“, erklärt der Haßlocher Vereinsvorsitzende Bernd Graf. Das sei sogar genetisch nachweisbar. Der 65-Jährige hält Kaninchen seit er 15 Jahre alt ist, und seit vielen Jahren engagiert er sich auch auf Vereins- und Verbandsebene bei den Kaninchenzüchtern, derzeit als Vorsitzender der Vereine in Haßloch und Neustadt sowie als Präsident Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter. Der Verband, dem rund 5000 Vereine und 400 Clubs angehören, verfolgt, wie Graf erklärt, drei wesentliche Ziele: den Erhalt (alter) Kaninchenrassen, die Ernährungssicherung (durch Selbstversorgung mit wertvollem und fettarmem Fleisch) und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Kleintierhaltung sei eine „sympathische Form der Lebensgestaltung“, die viel mit Leidenschaft und Verantwortungsbewusstsein für die Kreatur zu tun habe.

So finden sich in den Vereinen in Haßloch und Neustadt Mitglieder, die die Tiere einfach nur lieben und als Haustiere halten, und andere, die die Zucht intensiv betreiben und auch den Aspekt Fleischgewinnung durchaus schätzen. Zum Beispiel Viktor Bobrowitsch, zweiter Vorsitzender des Haßlocher Vereins. Er hat mit seinen Tieren schon etliche Meistertitel errungen, genauso wie seine Frau Beate und sein Enkel Lenny. „Die Leidenschaft liegt in der Familie“, erzählt er. Ziel sei es, die Merkmale der unterschiedlichen Rassen zu erhalten, vielleicht sogar zu verstärken. Jedes Tier werde tätowiert, registriert und an den Zentralverband gemeldet, so dass dieser einen genauen Überblick über die Entwicklungen habe und beispielsweise auch erkennen könne, ob eine bestimmte Rasse vom Aussterben bedroht ist. Auch in Haßloch, so betont Graf, werde eine im Bestand gefährdete Rasse gezüchtet, nämlich der Deutsche Großsilber, havannafarbig.

Nicht jedes Jungtier, das bei den Züchtern das Licht der Welt erblickt, erfüllt freilich die Anforderungen an die Rassen-Merkmale perfekt. Diese Tiere gebe er häufig weiter an Züchter, denen es weniger auf den Rassenerhalt als auf die Fleischgewinnung ankomme, erzählt Bobrowitsch, der in Esthal wohnt. Das sei in Deutschland lange nicht so verbreitet wie in anderen Ländern, beispielsweise in Frankreich, Italien oder in Osteuropa. Da stehe Kaninchenfleisch viel häufiger auf dem Speiseplan. In Italien werde es aufgrund seiner Qualität auch gerne für Babynahrung genutzt.

Kaninchen auf dem Speiseplan

Bobrowitsch selbst schätzt das Fleisch ebenfalls. Zwischen fünf und acht Tiere landeten pro Jahr auf dem eigenen Tisch, berichtet er. Die Tiere seien dann etwa sieben Monate alt und somit ausgewachsen. Teile des Fleischs verarbeite er auch zu Wurst. „Dann essen es auch meine Frau und meine Kinder“, sagt er und grinst. Auf dem Dorf sei die Kaninchenzucht zum Zwecke der Fleischgewinnung durchaus noch üblich, nehme aber ab. „Früher gab es in jedem Dorf einen Kaninchenzuchtverein. Heute läuft im ganzen Lambrechter Tal züchterisch gar nichts mehr.“ Schaue man sich langjährige Statistiken über die Kaninchenhaltung an, könne man daran die existenziellen Krisen eines Landes ablesen, ergänzt Graf. So habe es vor dem Ersten Weltkrieg 2,5 Millionen Kaninchen in Deutschland gegeben, danach, im Jahr 1918, waren es 14 Millionen.

Doch was wird aus einem Kaninchen, das nicht mehr zuchtfähig, aber auch für den Verzehr nicht mehr geeignet ist? Auch dafür gibt es eine Nutzungsmöglichkeit: Ein Teil solcher Tiere wird artgerecht getötet und an Raubkatzen verfüttert. „Das ist für die wie ein Vollkornbrötchen“, erklärt Graf. Bekommen sie nur Fleisch zu fressen, fehlten sozusagen die Ballaststoffe – in diesem Fall Knochen und Fell. Es sei kein Zufall, dass der Landauer Zoo Mitglied im Verein sei, die Zusammenarbeit mit den Kaninchenzüchtern sei wichtig für die Gesundheit der Großkatzen.

Die Züchter stellen indes nur einen Teil der Mitglieder im Kaninchenzuchtverein dar. Von 34 erwachsenen Mitglieder im P20 Haßloch sind derzeit zehn Rassekaninchen-Züchter, darüber hinaus gehören dem Verein drei Jugendliche an, die Kaninchen züchten. Die anderen sind ehemalige Züchter oder Menschen, die Kaninchen als Haustiere halten und im Verein den fachlichen Austausch und die Geselligkeit suchen. Zum Beispiel Brigitte Schultze, die ihre Hoppeltiere jeden Morgen in den Garten lässt und abends mit „Leckerlis“ wieder in den Stall lockt. Sie züchte zwar auch, aber nur in geringem Ausmaß, erzählt sie. Ihr Motiv bei der Kaninchenhaltung sei einfach die Liebe zum Tier.

Reges Vereinsleben

Der Verein bietet darüber hinaus ein reges Vereinsleben. Jeden Monat treffen sich die Mitglieder in ihrem Heim in der Füllergasse. Zweimal im Jahr organisieren sie Kaninchenausstellungen, eine zur Bewertung der Jungtiere und eine für die ausgewachsenen Kaninchen. Geprüft werden der Gesundheitszustand, das Gebiss, die Augen, die Ohren sowie rassespezifische Merkmale, also beispielsweise die Farbe. „Am wichtigsten ist immer der Pflegezustand“, verdeutlicht Graf. Häufig nehmen die Vereinsmitglieder auch an größeren Ausstellungen teil, teils in Deutschland, teils im Ausland. Die jüngste große Veranstaltung sei in Karlsruhe mit rund 20.000 Tieren gewesen, erzählt Graf. Der Haßlocher Verein war mit etwa 60 Kaninchen dabei. „Wir haben überall Freunde“, berichtet Bobrowitsch. Der Esthaler ist auch in anderen Vereinen aktiv, beispielsweise im Obst- und Gartenbauverein. Doch bei den Kaninchenzüchtern sei das Gemeinschaftsgefühl am stärksten, findet er.

Um ihre Vereinsaktivitäten zu finanzieren, bieten der P20 seine Halle zum Mieten an. Dafür haben sie eigens eine Gartenküche installiert. Geburtstagsfeiern, Abiturfeiern, Hochzeiten: alles sei möglich, erklärt Graf. Und wenn es auch zu später Stunde noch etwas laut sei, störe das im abgelegenen Vereinsheim niemanden. Für die eigenen Feste nutzt der Verein zusätzlich einen Gastraum, der mit allerlei Erinnerungsstücken aus der Vereinsgeschichte geschmückt ist. Schließlich blickt der Verein auf eine lange Geschichte zurück, er wurde 1911 gegründet und ist einer der ältesten Kaninchenzuchtvereine in Rheinland-Pfalz.

Eine Sorge teilen die Kaninchenzüchter indes mit vielen anderen Vereinen: Jugendliche sind nur schwer zu gewinnen. „Das Smartphone hat sie uns abspenstig gemacht“, sagt Graf. So werden es immer weniger, die in der Lage sind, das Wissen über die Kaninchenzucht weiterzugeben. Und damit ein Stück weit zur Ernährungssicherheit in Notzeiten beitragen könnten.

Eine der Jüngsten im Verein: Amy Müller mit einem Farbenzwerg.
Eine der Jüngsten im Verein: Amy Müller mit einem Farbenzwerg.
Farbenzwerge sind Zwergkaninchen, hier in der Farbe siamesenfarbig blau.
Farbenzwerge sind Zwergkaninchen, hier in der Farbe siamesenfarbig blau.
Champagner Silber sind mittelgroße Kaninchen, die schwarz geboren werden – so wie auf unserem Foto.
Champagner Silber sind mittelgroße Kaninchen, die schwarz geboren werden – so wie auf unserem Foto.
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