Interview
Zukunftsregion Westpfalz: Sogar in Paris ein Thema
Herr Landes, was schätzen Sie besonders am Verein Zukunftsregion Westpfalz (ZRW)?
Dass der Verein ein Sprachrohr für die Region geworden ist. Im Unterschied zu anderen Organisationen oder Vereinen hat es die ZRW geschafft, nicht nur eine Interessentengruppe in sich zu bündeln, wie Wirtschaft oder Kommunen. Tatsächlich sind bei uns alle Seiten repräsentiert, auch Hochschulwelt und Vereine.
Ein Beispiel für einen Verein?
(lacht) Da fallen mir jetzt spontan die Gospelsingers Schopp im Landkreis Kaiserslautern ein, aber es sind natürlich noch etliche mehr. Dadurch haben wir ein sehr breites Spektrum – und das zeichnet uns aus.
Ist das eine Selbsteinschätzung oder können Sie das belegen?
Ein Beleg ist die stetig anwachsende Mitgliederzahl auf derzeit 480. 56 kamen allein im vergangenen Jahr hinzu. Damit gelingt es der ZRW, in die Westpfalz zu wirken, damit die Region merkt, es passiert etwas. Aber es bestehen auch viele Kontakte außerhalb der Westpfalz. Von Beginn an arbeiten wir mit der Metropolregion Rhein-Neckar (MRN) zusammen. Für die Regionalinitiative rund um Saarbrücken waren wir Modellpate, ebenso für die Zukunftsregion Ahr nach der Flutkatastrophe. Auch überregional werden wir wahrgenommen: So hat unser Geschäftsführer Hans-Günther Clev die Zukunftsregion Westpfalz bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris vorgestellt.
Sie haben im Herbst 2022 den Vereinsvorsitz übernommen. Ist es da von Vorteil, Vorstandsvorsitzender eines regionalen Geldinstituts zu sein, sprich: der Sparkasse Kaiserslautern?
Für den Verein ist es wichtig, dass der oder die Vorsitzende aus der Wirtschaft kommt. Ebenso hilft ein großes Netzwerk.
Westpfalz steht für eine Region, die durchaus heterogen ist. Wie gelingt es, trotzdem an einem Strang zu ziehen?
Selbstredend gibt es, wie in jeder Region, unterschiedliche Interessen, wie jene des ländlichen Raums und jene einer Stadt. Gerade deshalb ist der Verein so wichtig: Er versucht, alle Interessen in Einklang zu bringen mit dem großen Gedanken Westpfalz. Dabei hilft unser großes Netzwerk, aber auch, dass die Vorstandschaft den regionalen Proporz widerspiegelt. Wir versuchen, bei jeder Maßnahme oder Veranstaltung die regionale Streuung im Blick zu haben bei jeder Maßnahme oder Veranstaltung die regionale Streuung im Blick zu haben. Von Anfang an wollten wir nicht als Kaiserslauterer Initiative wahrgenommen werden. Mittlerweile sind nicht nur die drei kreisfreien Städte und die vier Landkreise Mitglied, sondern auch alle Verbandsgemeinden – ein Punkt, der uns eine große lokale Verankerung sichert.
Für den Verein Pfalz Touristik wäre es ein Traum, alle Gebietskörperschaften so einig unter seinem Dach zu wissen, um die Kernmarke Pfalz zu vermarkten. Kaiserslautern ist 2025 ausgetreten und hat dabei auf die ZRW verwiesen. Springt diese jetzt in die Bresche?
Wir verstehen uns nicht ansatzweise als Konkurrenz oder Alternative zur Pfalz Touristik, das ist überhaupt nicht unsere Orientierung. Wir haben von Beginn an zusammengearbeitet, wie bei der Beschreibung von Sehenswürdigkeiten oder Einrichtungen. In dem einen oder anderen Punkt stimmen wir uns ab. Gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer für die Pfalz haben wir außerdem zu dritt die große Studie Wirtschaftsfaktor Tourismus gestemmt, die eine sehr differenzierte Betrachtung der verschiedenen Regionen ermöglicht hat. Das half der Pfalz Touristik auch, ihre Strategieprozesse entsprechend der touristischen Profile zu entwickeln. Wir tauschen uns da aus und machen nichts von dem, was der andere macht. Es geht nicht um ein Label Pfalz gegen Westpfalz. Wichtig ist nur, dass die Strategien auf die Teilräume zugeschnitten sind, was nicht ausschließt, beim thematischen Tourismus, wie Klettersport oder Wandern, Dinge zu bündeln. Da ist das Zusammenspiel mit anderen Angeboten in der Pfalz eher hilfreich und keine Konkurrenz.
Allerdings gibt es auch eigene ZRW-Aktionen in diesem Bereich, oder?
Wir haben ergänzende Angebote gemacht, zum Beispiel Schulungen für Hotel-Rezeptionisten oder den Umgang mit Beschwerden in der Gastronomie. Mir ist es unangenehm, wenn die ZRW als Alternative zur Pfalz Touristik dargestellt wird. Ich warne auch davor zu sagen, hier die Vorderpfalz, da die Westpfalz. Es gilt, regionale Besonderheiten bei den jeweiligen touristischen Potenzialen genau zu erfassen und Brücken zu bauen.
Vor 40 Jahren war die Westpfalz führend in Sachen Informatik, in jüngerer Zeit bei der Künstlichen Intelligenz. Was meinen Sie, gibt es künftig noch Alleinstellungsmerkmale?
Dazu geht der Vorstand im März in Klausur. Auch die ZRW will, ähnlich wie die Kommunen wegen ihrer Finanzlage, eine Art Masterplan erarbeiten, dabei aber möglichst alle Aspekte aufgreifen, also auch die Anliegen von Wirtschaft und Wissenschaft, und dann alles verzahnen.
Aber es geht auch um Unterstützung durch das Land Rheinland-Pfalz?
Um die geht es in vielen Fällen. Ich nehme mal das Beispiel Gewerbeflächen: Eine Stadt hat ansiedlungswillige Firmen, aber keine Flächen, Kommunen im Landkreis hingegen haben Flächen, können aber nicht darüber verfügen oder haben keine Kapazitäten. Wie bringen wir beide zusammen, wie kann das Land helfen? Gibt es neue Forschungsbereiche und deshalb innovative Studiengänge? Zum Beispiel beim Thema Kreislaufwirtschaft. Oder aber in ganz neuen Feldern wie der Materialwirtschaft, bei der die Westpfalz schon Anfangskompetenzen besitzt. Und kann man das zu einem Alleinstellungsmerkmal ausbauen?
Also geht es darum, einen bestimmten Dreh zu finden, der möglichst viel bewirkt?
Es geht immer um einen möglichst großen Folgeeffekt. Nehmen Sie mal das Beispiel Gema-Gebühren: Würde das Land diese pauschal für die Vereine übernehmen, wäre allen geholfen. Solche Kernmaßnahmen können auch in anderen Bereichen viel bewirken. Ein Beispiel ist die Vereinsgründung „Ärzte für die Westpfalz“ auf Initiative der Kommunen. Zuvorderst geht es um die künftige medizinische Versorgung. Doch wurde in der Folge auch eine Ausbildungskooperation zwischen der Semmelweis-Universität in Budapest und dem Westpfalz-Klinikum möglich, wo Studierende ihr Klinikum absolvieren sollen. Solche Impulse über einen Masterplan zu setzen, wäre mein großer Wunsch.
Schon kurz nach der Vereinsgründung wurde Anfang 2013 ein Kooperationsvertrag mit der Metropolregion Rhein-Neckar unterzeichnet, die neben Vorder- und Südpfalz rechtsrheinische Gebiete umfasst. Gibt es ein jüngeres Beispiel für eine Kooperation?
Die jüngste umfasst das Thema Wasserstoff. Wir hatten gemeinsam an einem sogenannten HyLand-Wettbewerb des Bundes für Wasserstoff-Regionen teilgenommen. Dabei hat sich als gemeinsames Merkmal von ZRW und MRN und im Unterschied zu den anderen Regionen der Bereich Biomasse als Quelle für Wasserstoff herauskristallisiert. Es geht um Straßen- und Schienenrandschnitt, wobei sich Anlagen erst rechnen, wenn eine sehr große Menge an Biomasse zusammenkommt. Allerdings gibt es über den Grünschnitt noch zu wenig Information. Wo genau fällt er an, wie groß sind die Mengen, was passiert aktuell damit? Die entscheidende Frage wäre dann, wie MRN und ZRW das optimal nutzen können, indem sie zusammenarbeiten und ihre Potenziale addieren. Dazu haben wir jetzt gemeinsam Prüfaufträge vergeben. Erfolgreich zusammengearbeitet hatten wir schon beim Thema bessere Netzabdeckung im ländlichen Raum durch Roaming, was dann in den Koalitionsvertrag der damaligen Bundesregierung aufgenommen worden war.
Wo steht die ZRW in zehn Jahren?
Die sieben Jahre ältere Metropolregion Rhein-Neckar hat für einzelne Themen eigene Töchter gegründet, zum Beispiel für gesellschaftliches Engagement. Das könnte auch ein Ziel der ZRW sein – ab 2035 als Arbeitsplattform für spezifische Organisationen zu dienen, die sich um das Thema Sport kümmern oder um die medizinische Versorgung oder Gewerbeflächenentwicklung. Wir als Verein können uns natürlich nicht mit der Leistungsfähigkeit einer MRN vergleichen, die viel größer ist und noch dazu Dax-Konzerne zu ihren Mitgliedern zählt. Wir hingegen backen kleinere Brötchen, versuchen aber, sie lecker zu backen. Und so bieten wir am 6. Februar zum Beispiel eine Infoveranstaltung für kleine und mittelständische Unternehmen an, um ihnen dabei zu helfen, an Aufträge der US-Regierung zu kommen.
Stichwort: ZRW
Etwas über eine halbe Million der 1,4 Millionen Pfälzerinnen und Pfälzer leben in der Westpfalz. Zu ihr gehören die kreisfreien Städte Kaiserslautern, Pirmasens und Zweibrücken sowie die Landkreise Kusel, Südwestpfalz, Kaiserslautern und Donnersbergkreis. Der Verein Zukunftsregion Westpfalz wurde 2012 gegründet. Aktuell zählt er knapp 500 Mitglieder, darunter Gebietskörperschaften, Unternehmen, Vereine, Hochschulen und Institute. Vereinsvorsitzender ist der Vorstandschef der Sparkasse Kaiserslautern, Kai Landes. Die Geschäftsstellenahe des Hauptbahnhofs Kaiserslautern ist täglich geöffnet. Internet: https://www.zukunftsregion-westpfalz.de
