Meckenheim / Ruppertsberg / Hassloch
„Zerstörung der Kulturlandschaft“: Initiative mobilisiert gegen Windkraft an der Weinstraße
Deutschland hat sich viel vorgenommen: Spätestens bis 2045 soll das Land treibhausgasneutral werden. Der Weg dorthin führt über die Energiewende, also über den Abschied von fossilen Energien und den Ausbau von Windkraft, Solarenergie, Netzen und Speichern. Windkraft spielt dabei längst nicht mehr nur im Norden eine Rolle. Auch in der Pfalz rücken neue Standorte in den Fokus. In der Verbandsgemeinde Deidesheim richtet sich der Blick vor allem auf das Vorranggebiet DÜW-VRG02-W auf Teilen der Gemarkung von Meckenheim, Ruppertsberg und Haßloch. Dass dort perspektivisch Windkraftanlagen entstehen, will die Bürgerinitiative „Meckenheim Windradfrei“ verhindern.
„Angefangen hat es eigentlich letztes Jahr im Frühsommer“, sagt der Meckenheimer Kurt Kimmel, einer ihrer Initiatoren. Damals sei „das Thema durchgesickert“, dass eine Offenlegung zur Fortschreibung des Teilregionalplans anstehe und in der Gegend Windräder geplant seien. Aus „zwei, drei Leuten“ sei ein Netzwerk entstanden.
Mitinitiator Stephan Altmann aus Ruppertsberg beschreibt die Gründung auch als Versuch, eine Informationslücke zu füllen. „Viele Leute wissen nicht, welche dramatischen Auswirkungen das haben kann“, sagt er. Die Initiative verstehe sich als „Sorgenpool“ – als Zusammenschluss mit unterschiedlichen Motiven, aber dem gemeinsamen Ziel, einen Windpark an diesem Standort zu verhindern. Der Ausgangspunkt sei weniger eine grundsätzliche Ablehnung der Energiewende als eine Frage des Standorts.
Zweifel an der Wirtschaftlichkeit
Im Zentrum der Kritik steht die Wirtschaftlichkeit. Das Gebiet am Haardtrand sei ein Schwachwindgebiet, sagen die Gegner – also ein Ort, an dem Windkraft nur mit sehr großen Anlagen und entsprechend höherer Förderung wirtschaftlich werde. Die ersten Planungen sähen Windräder von bis zu 270 Metern höhe vor, „sechs- bis siebenmal höher als unsere Kirchtürme“. Für die Initiative ist diese Größe ein Hinweis darauf, dass der Standort nur mit erheblichem technischem und finanziellem Aufwand erschlossen werden könne. Im Flyer ist vom „unwirtschaftlichen, ökologisch und sozial nicht-nachhaltigen Bau von riesigen Windrädern im Schwachwindgebiet Mittelhaardt“ die Rede. Solche Anlagen benötigten rund 50 Prozent höhere Subventionen als Windparks an günstigeren Standorten. Altmann betont, er sei nicht grundsätzlich gegen Windkraft: „Wir brauchen regenerative Energien und in der besonders sonnenreichen Pfalz müssen wir vor allem klug kombinieren. Wenn Windkraft, dann an windreicheren Standorten und so kosteneffizient, dass man die Anlagen zugleich mit ausreichenden Speichern ausstattet, damit wir Strom nicht abregeln oder fürs Weggeben bezahlen und ihn abends teuer zurückkaufen.“
Die zweite Ebene der Kritik betrifft die Lebensqualität vor Ort: Die Initiative warnt vor „bewegtem Schattenschlag“ und dauerhafter Schallbelastung. Kimmel betont darüber hinaus die landschaftliche Dimension. Für viele Menschen in der Region, sagt er, sei das Rebenmeer am Haardtrand weit mehr als eine hübsche Kulisse. Es gehe um eine Gegend, mit der man sich identifiziere, um Blickachsen und um die drohende „Zerstörung“ der Mittelhaardt als Kulturlandschaft. Durch Windkraftanlagen werde aus der „Toskana Deutschlands“ ein „industrielles Landschaftsbild“, was eine Gefährdung des Tourismus zur Folge habe. Außerdem drohe ein Wertverlust von Immobilien. Hinzu kämen ökologische Bedenken – von Risiken für Vögel, Fledermäuse und Insekten bis zu offenen Fragen beim Recycling der Rotorblätter.
Mit den Inhalten, die die Bürgerinitiative vertritt, steht sie nicht allein da. In einer Online-Petition fordert der AfD-Ortsverband der Gemeinde Haßloch ebenfalls, dass „kein weiterer Windkraftausbau im Bereich Haßloch/VG Deidesheim“ stattfinden soll. Die Argumente, die die AfD vorbringt, decken sich in großen Teilen mit denen der Bürgerinitiative. Ihre Initiatoren bemühen sich ausdrücklich um eine Abgrenzung nach rechts. Die Initiative sei, sagt Altmann, „unabhängig und überparteilich“. Ihr Anliegen sei keine pauschale Abrechnung mit erneuerbaren Energien, sondern der Einwand gegen eine konkrete Fläche und eine konkrete Planung. „Wenn wir nicht da wären, würde die AfD viel mehr Stimmen bekommen“, ergänzt Kimmel.
Bürgerenergiegenossenschaft hält dagegen
Auf der anderen Seite steht die Bürgerenergiegenossenschaft (bINe). Ihr Vertreter Andreas Pflug aus der Ortsgruppe VG Deidesheim sagt, Ziel sei es, „Sachlichkeit und Vernunft in die Debatte zu bringen“ und Bürger „mit Information und Fakten“ zur Teilnahme am Diskurs einzuladen. Die Genossenschaft sehe die Ängste und Fragen der Menschen, beobachte aber zugleich, dass Initiativen diese Ängste verstärkten, „teilweise aus Unwissenheit, teilweise um private Interessen zu verfolgen“.
Die bINe verweist auf das Verfahren der Regionalplanung. Flächen für Windkraft würden nicht von Projektierern frei gewählt, sondern im Teilregionalplan Windenergie der Metropolregion Rhein-Neckar festgelegt. Dabei flössen Kriterien wie Naturschutz, Biosphärenreservat Pfälzerwald, Siedlungen, Infrastruktur und Landschaftsbild ein. Auch die Wirtschaftlichkeit sei ein Kriterium, ungeeignete Flächen würden ausgeschlossen. Gerade deshalb, so Pflug, seien Windräder „direkt an der Mittelhaardt beziehungsweise an der Weinstraße“ nicht vorgesehen, sondern vielmehr auf Flächen zwischen Meckenheim und Haßloch mit „ausreichender Windhöffigkeit“.
Den Vorwurf der Unwirtschaftlichkeit weist die Genossenschaft zurück. Zwar erhalte Windenergie in Schwachwindgebieten eine höhere Vergütung, doch sei das weder ungewöhnlich noch ein Beleg für einen ungeeigneten Standort, sondern mit Fördermechanismen etwa im Photovoltaikbereich vergleichbar und „eher temporär zu betrachten“.
Effizienter in der Höhe
Auch dem Eindruck eines überdimensionierten Projekts widerspricht Pflug. Die oft zitierte Spitzenhöhe von 266,5 Metern werde nur erreicht, wenn ein Rotorblatt oben steht – prägend sei vielmehr die Nabenhöhe von 179 Metern. Die Anlagen entsprächen dem neuesten Stand der Technik. Ihre Höhe sei kein Selbstzweck, sondern Effizienzlogik: In größeren Höhen weht der Wind gleichmäßiger, die Rotoren laufen stabiler, die Stromumwandlung ist heute deutlich effektiver als bei älteren Typen.
Außerdem stellt die bINe infrage, wie belastbar Warnungen vor Schall, Schattenwurf und sinkenden Immobilienwerten sind. Lärm und Schatten seien im Planungs- wie im Genehmigungsverfahren „integrale Bestandteile“ der Gutachten. Es gelten enge Grenzwerte, die im Betrieb überwacht würden. Einen allgemeinen Wertverlust von Immobilien hält die Genossenschaft für nicht nachweisbar. Auch bei Natur und Landschaft widerspricht sie: Begriffe wie „Zerstörung“ oder „dramatische Auswirkungen“ seien „populistisch“ und nicht belegt.
Den eigentlichen Kern der Energiewende sieht bINe jedoch in der Frage, wer am Ende davon profitiert. Die Genossenschaft setzt deshalb auf Bürger- und Kommunalbeteiligung. Für die Vorhaben in Meckenheim und Haßloch habe der Projektierer Prokon entsprechende Beteiligungen vorgesehen. Für Privatleute heißt das: Wer Mitglied wird, kann über Genossenschaftsanteile investieren und an den Erträgen partizipieren. Für Kommunen bedeutet es zusätzliche Einnahmen und, je nach Modell, auch Mitspracherechte: bei Standortfragen, Ausgleichsmaßnahmen oder bei der Frage, wie regionale Strom- und Bürgerstromkonzepte am Ende konkret aussehen.
Termin
Am 12. März lädt die bINe ab 19 Uhr zu einem Informationsabend zum Windpark Meckenheim in der TV-Halle Ruppertsberg ein.