Neustadt Zarte Annäherungen
Stimmengewirr klang gestern Vormittag aus den Lautsprecherboxen an der Bühne des Kulturvierecks in Haßloch bei einer Aufführung des Stücks „Unter Fremden“ durch das Kölner Künstlertheater. Die Vorstellung war eine der Veranstaltungen der Reihe „Theaterfestival International“, an der sich das Jugend- und Kulturhaus „Blaubär“ beteiligt.
Mehrere Raumteiler aus Stoff bilden auf der Bühne ungemütlich kleine Parzellen für ein Bett und einen Stuhl. Zwei der „Stoffboxen“ sind besetzt. In der einen „wohnt“ Kharim (André Fängler) aus Syrien, in der anderen Alkofa (Donia Touglo) aus Togo. Jeder der beiden hütet ein kleines Schatzkästchen mit einer Handvoll persönlicher Dinge und langweilt sich furchtbar. Sie lernen sich zufällig in der Notunterkunft kennen, in der sie nach ihrer Flucht gelandet sind. Beide erzählen von der langen Reise mit Rückschlägen durch korrupte Schlepperbanden oder Verhaftung, bis sie schließlich in Köln gelandet sind. Alkofa hat schon einmal als kleines Kind in Deutschland gelebt, bevor ihre Familie nach Afrika abgeschoben wurde. Seitdem fühlt sie sich eigentlich nirgends Zuhause. Alkofa und Karim lernen Stefan (Marcel Eid), den heimatverbundenen Flüchtlingshelfer wider Willen, kennen, der glaubt, Neonazi zu sein. Mit Neonazis trifft er sich zumindest, war mit ihnen auf Diebestour, wurde erwischt und muss nun Sozialstunden ableisten. Und so treffen drei eigentlich ahnungslose Menschen aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander. Je mehr sich die drei kennenlernen, umso mehr verschwinden ihre Vorurteile und Abgrenzungswünsche. Erste zarte, freundschaftliche Annäherungen entwickeln sich, Angst und Missgunst schwinden. Stefans Freund, der Neonazi (auch André Fängler), will keine Notunterkunft vor der Haustür und niemanden daraus Kennenlernen. Der Neonazi frönt im Stück zu Hardrock der Anbetung seines Idols, Adolf Hitler. Er wird ebenso spielfreudig wie temperamentvoll von Fängler dargestellt. Stefan dagegen erkennt und fühlt Gemeinsamkeiten mit den Flüchtlingen und kann sich allmählich, nachdem er sich Rat bei einer Hotline geholt hat, gegen Manipulation und Hetze wehren. Stefan, unentschlossen, unsicher und zusätzlich familiären Einflüsterungen ausgesetzt, gelingt es jedoch nicht ganz, sich von den Nazis zu lösen. Leider entsteht stellenweise durch extreme Überzeichnung der Eindruck, als wären alle „Bösen“ Nazis ohne Bildung und auf Anhieb durch lautstarkes, hasserfülltes, prolliges Auftreten und offensives Handeln zu erkennen, obwohl es wohl kaum so stereotype Verhaltensweisen gibt. Kann ein verhindertes Attentat die Situation in der Notunterkunft ändern? Die jugendlichen Zuschauer werden zur Diskussion aufgefordert. Ein gelungenes Stück zum Nachdenken über Begegnung, Wertschätzung und Menschlichkeit. |aew