Neustadt
Wohlklang mit Suchtpotenzial: Das Musikkorps der Bundeswehr begeistert einmal mehr im Saalbau
Das in Siegburg stationierte Musikkorps der Bundeswehr genießt den Ruf eines der besten sinfonischen Blasorchester der Welt. Am Donnerstag gastierte es bereits zum 43. Mal im fast ausverkauften Neustadter Saalbau. Als Krönung des vielseitigen Abends präsentierte Oberbürgermeister Marc Weigel die zur 750. Wiederkehr der Stadtrechtsverleihung in Auftrag gegebene „Neustadter Hymne“ des Klarinettisten und Stabsfeldwebels Guido Rennert.
Mit dem Charme eines Bandleaders führte Timor Oliver Chadik, der ursprünglich von der Oper kommt und das Orchester nach Jahren bei der Big Band der Bundeswehr erst im September von Christian Weiper übernommen hat, durchs Programm. Den „Startschuss“ machte der „Königsmarsch“ von Richard Strauss, komponiert 1905 für Kaiser Wilhelm II., ein Schwergewicht. Die Bearbeitung von Guido Rennert verneigt sich vor einem Klassizismus, in dem bisweilen Mozart anklingt, und entrückt neben feierlichen Ostinati in besinnliche Seitenareale, die die Formation mit kammermusikalischer Eleganz entwickelte. In der Inszenierung effektiv, strahlten vier Ferntrompeten (eigentlich Fanfaren) von der Empore.
Bis zur Pause folgte die etwa halbstündige „Cotswold Symphony“ von Derek Bourgeois (1941-2017) aus dem Jahr 1988. Bourgeois war, wie man durch die Moderation erfuhr, von der südwestenglischen County Gloucestershire mit Musik über die landschaftlichen Besonderheiten der Region beauftragt worden. Anders als ein Sinfonieorchester entfaltet eine Brass Band ihren Reiz am besten im Cocktail der Mixturen. Ähnlich wie der hierzulande bekanntere Johan de Meij hat Bourgeois sehr zu ihrer Emanzipation von der reinen Marschkapelle zum differenzierten „Orchester“ beigetragen – mit bunten Tongemälden plus Harfe und Klavier und einem Hang zur Illustration, der der Vielfalt der Besetzung in ungewöhnlichen Nuancen huldigt.
Die „Cotswold Symphony“, ein äußerst fesselndes Stück
Dem volkstümlichen Milieu dieses Genres entsprechend, ging Bourgeois mit Versatzstücken nicht zimperlich um. Schon die einleitende „Pastorale“ erinnert an Maurice Ravel – zauberhaft und klangsinnlich interpretiert mit ätherischen Akkordfeldern und einem exzellenten Flötensolo. Neben Einflüssen von Gustav Holst und dem späten Bruckner waren so auch die von der Politik derzeit beargwöhnten Russen – Glière, Prokofjew, Strawinsky und so weiter – mit von der Partie. Der monumentale „Iron March of Rome“ indes beschwor ohne Bemäntelung den klassischen Sandalenfilm.
Dank der fantasievollen Orchestration handelt es sich um ein durchweg fesselndes Stück – vom Musikkorps interpretiert mit unerhörter Brillanz und grandiosem Timing, zum Höhepunkt als mitreißender englischer Marsch. Neben den vielen Soloeinsätzen – unter anderem von Fagott, Englischhorn, Soloklarinette, Horn, Tuba, Euphonium, Posaunen, Harfe – überzeugten die einzelnen Ensembles in fein abgestimmten Kombinationen und ausgefeilter Resonanz.
Hat man je einen Klarinettensatz wie diesen gehört, so filigran und glänzend, dank lupenreiner Intonation? Der Zusammenhalt des Tuttis stützte sich auf die Perkussion, die prinzipiell dominierte, sich aber mit einem subtilen, teils exotischen Instrumentarium wie ein Wurzelwerk im Klang verzweigte. Einen entscheidenden Beitrag zu diesem Gleichgewicht leistete der reich besetzte Trompetensatz, der sich trotz seiner Kraft im Zaum hielt und im Verbund mit den Klarinetten zu einem Wohlklang mit Suchtpotenzial verschmolz.
„Marsch der Bundeswehr“ trifft auf „My Fair Lady“
Nach der Pause leitete der fulminante „Marsch der Bundeswehr“, Gewinner eines Wettbewerbs zum 50-jährigen Bestehen 2005, von Christoph Reichelt in den zweiten Teil über. Die daran anschließenden „Fantasy Variations“ von James Barnes (Jahrgang 1949), komponiert für die US- Marine-Band, führten in das amerikanische „Symphonic-Band“-Repertoire. Während das bekannte Thema von Niccolò Paganini in der Verarbeitung des Komponisten etwas angegraut wirkt, bestach das Orchester durch eine Fülle an Schattierungen im steten Wechsel der Instrumentalgruppen, die in der Dramaturgie allmählich zu einem großen Apparat zusammenfinden. Auffallend war in diesem „nato-lastigen“ Programm wieder der Einfluss russischer Musik, insbesondere von Glazunov.
Mit Willy Kuhns berühmtem „Sol Germaniae“ (1928) in Rennerts Arrangement durfte hierauf auch ein klassischer Marsch mit Klarinettenthema und begleitendem Blech nicht fehlen. Dagegen entführte Jörg Murschinskis Potpourri über Fredrick Loewes „My Fair Lady“ in die Welt des Broadways und baute das Musikkorps in eine swingende Bigband um.
Besondere Erwähnung verdient die „Neustadter Hymne“ – von Guido Rennert zum 750-jährigen Stadtjubiläum Neustadts über Melodien aus dem Umfeld des Hambacher Fests komponiert und vor der Haydnschen Nationalhymne als Zugabe geboten. Mitglieder der regionalen Jugendblasorchester hätte das Konzert ohne Zweifel inspiriert. Jedenfalls wird, wie OB Weigel erklärte, das Notenmaterial des Stücks allen Ensembles der Region zur Verfügung gestellt.